Reportage
Ein Tag zu Gast bei den Benediktinerinnen im Kloster Fahr

Heute ist der erste Advent – der Auftakt zu einer ganz speziellen Zeit für die Schwestern im Kloster Fahr. Sie verraten, warum dem so ist, ob sie sich manchmal streiten und was sie sich vom Samichlaus wünschen.

Katja Landolt
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Die Schwestern lauschen dem Ständchen für Schwester Andrea
15 Bilder
Die Schwestern haben allesamt ein Lied für Schwester Andrea eingeübt
Die Weihwassernachfüllflasche im Kachelofen
Der Blick durchs Büttenfenster in den Klostergarten
Fünf Mal am Tag treffen sich die Schwestern zum Gebet
Zur Feier von Schwester Andreas Namenstag gibt es eine Schwarzwäldertorte
Eines der Gästezimmer im Kloster Fahr
Die Schwestern in der Gesangsstunde
Impression aus dem Klostergang
Nachtaufnahme der Klosteranlage bei Vollmond
Aus dem Zimmer des Abtes
Eine der Beneditkinerinnen huscht durchs Treppenhaus
Eine Schwester schliesst das Gitter hinter sich
Ein Tag lang zu Gast bei den Benediktinerinnen im Kloster Fahr
In der Adventszeit werden alle Fenster mit Sternen beklebt

Die Schwestern lauschen dem Ständchen für Schwester Andrea

Chris Iseli

Schwester Martina eilt durch den dunklen Gang, nicht mehr als ein schwarzer Schatten in wallenden Gewändern. Bei einem Tritt klickt eine lose Fliese, ansonsten ist es still. Die Zeit drängt. In wenigen Minuten schlägt die Klosteruhr zur Vesper, der vierten von fünf Gebetszeiten.

Wir tapsen hinterher, die ungleich abgeschliffenen Fliesen sind tückisch im Dunkeln. Irgendwie ist die Situation auch sinnbildlich; wir, die Ahnungslosen in katholischen Belangen, die Besucher, die die Neugier für eine Nacht ins Kloster treibt, torkeln unsicher in eine stille, strikte Welt. Wer sind die «Frauen, die das Leben lieben», wie sie auf der Homepage des Klosters Fahr schreiben? Was treibt sie zu einem solchen Leben an? Wie leben sie überhaupt?

Die Schwestern sitzen um einen Tisch im Konvent, Stricknadeln in der Hand und Wollfäden um die Finger gewickelt. Das Nachtessen ist vorbei, es ist Zeit für die Rekreation; Plauderstunde – und Fragestunde. Und wir haben viele Fragen. Dürfen die Schwestern in die Ferien? Haben sie ein Sackgeld zugute? Und: Geraten auch Nonnen mal aneinander? Die Frauen lachen. Natürlich, meinen sie, das gehöre doch zum Leben dazu und halte einen lebendig. Schwester Petra lächelt und meint vielsagend: «Wir sind ein sehr bunter Haufen.»

Dann legt sie ihre Lismete auf dem Tisch aus. Das sei das Samichlaus-Geschenk für eine der Schwestern, flüstert sie. «Wir schreiben einen Wunschzettel, und der Samichlaus erfüllt uns unsere Wünsche», sagt Schwester Petra. Praktische Sachen seien das meist, Briefpapier beispielsweise, oder Couverts mit dem Klosterlogo. Und was sind ihre geheimen Wünsche? Die Schwestern zögern einen Moment, überlegen. «Ein Heimattheater sehen, so eines, wie sie früher in den Dörfern aufgeführt wurden», sagt Schwester Andrea schliesslich. Einige Schwestern nicken zustimmend, ohne den Blick von ihrer Handarbeit zu lösen. «Eine Glace mit Schokoladen-Mandel-Mantel»; «eine Führung bei Sprüngli»; «eine schöne Bergwanderung» – platzt es auch aus den anderen heraus.

Die Runde gerät ins Plaudern. Die Schwestern erzählen wunderbare Geschichten, und am liebsten alle gleichzeitig. Beispielsweise die, als sich zwei Schwestern als bockenden Esel des Samichlaus verkleidet hatten. Oder die von Schwester Christa, die bereits im Alter von zehn Jahren ins Kloster wollte und doch immer von einem Hochzeitskleid träumte. Wie merkt man denn, dass das Leben im Kloster das Richtige für einem ist? «Es muss einen ziehen», sagen sie. «Das ist wie bei einem Partner; man spürt einfach, ob es der Richtige ist oder nicht», erklärt es Schwester Martina. Nach einem Blick auf die Uhr mahnt sie zum Aufbruch. Es ist höchste Zeit für die Komplet, das Nachtgebet. Die Schwestern raffen ihre Arbeiten zusammen und wir merken, was im Kloster unverzichtbar ist: die Armbanduhr.

Nach dem Nachtgebet versinkt das Kloster in einer absoluten Stille. Die Schwestern dürfen bis zum Morgen nicht mehr sprechen, ziehen sich zum Schlafen zurück. Diese Stille lässt einen auf die wenigen Geräusche achten; das Knacken der Holzdielen, das Knirschen der Strickgeflechte der Stühle, das Fauchen der Flugzeuge im Landeanflug, das helle Schlagen der Uhren. Das plötzliche Schnurren des anspringenden Boilers lässt einen zusammenzucken.

Das Schrillen des Weckers um 4.45 Uhr ist brutal, die Müdigkeit schmerzt; im Bauch, im Brustkasten. Wenn man verschlafe, müsse man dankbar fürs Ausschlafen sein, hatte Schwester Martina am Vorabend gesagt. Draussen ist nichts als erleuchtete Küchenfenster zu erkennen, ein heller Schimmer erinnert an die dünne Schneedecke vom Vortag; der Gedanke, den Wecker zu überhören, erscheint als süsse Verlockung. Doch der Kopf lässt das Weiterschlafen nicht zu.

Hinter Schwester Martina eilen wir wieder durch die Gänge der Klausur auf die Empore, etwas trittsicherer als noch am Abend zuvor. Eine nach der anderen huschen die Schwestern hinein, die Fingerspitzen nass vom Weihwasser schlüpfen sie in die Bankreihen, knien nieder. Wir sitzen mit glasigen Augen in den Bänken, bis zu den Ohren eingerahmt von den hölzernen Sitzen, und lauschen dem anhaltend hohen Chorgebet. Hin und her gehen die Gesänge, wie Bälle spielen sich die Schwestern die Passagen zu. Wie einzelne Fäden finden die Stimmen zusammen, werden zu einem Strang gezwirbelt, der sich hoch unter dem Kirchendach auflöst, verklingt.

Ein bisschen frische Luft vor der Laudes, dem nächsten Gebet, tue gut, hat Schwester Martina gesagt, und uns in den Klostergarten gescheucht. Im Halbdunkel zeigt sie hinauf zu einem Fenster in der Klausur, in dem die ersten Papiersterne kleben. Am Nachmittag werden die Schwestern alle Fenster schmücken und die Adventskränze binden. Was bedeutet Advent für die Schwestern? Schwester Martina steckt die Hände in die Kutte und lächelt versonnen. Sie freue sich sehr auf die kommenden Tage, darauf, zu spüren, dass der Herr kommt. «Es ist eine Erfahrungszeit, eine Sehnsuchtszeit, in der man eine unglaubliche Lebendigkeit spürt.» Die Psalmen seien gefüllt mit Sehnsucht, die Tage mit viel Licht. «Das ist wunderschön und tief bewegend.»

Während der Mittagshore fängt der Bauch an zu knurren. Gut so, denn die Schwestern tischen gross auf. Schwester Andrea, die Subpriorin, hat Namenstag. Das wird wie ein Geburtstag gefeiert – inklusive Wunschmenü. Schwester Andrea hat sich Riz Casimir gewünscht. Während des Essens bringen ihr die Mitschwestern ein Ständchen dar; Schwester Ruth und Schwester Veronika haben zwei Stücke mit Block- und Querflöte eingeübt, und allesamt singen sie das Lied «Wenn ich ein Vöglein wär». Danach gibt es Schwarzwälder Torte, gebacken von Schwester Verena. Das Allerschönste aber an diesem Festtag: Die Schwestern dürfen während des Essens plaudern. «Schade, dass das Priorin Irene entgeht», sagt Schwester Andrea. Die Ärmste hüte mit einer Grippe das Bett.

Schwester Petra erzählt, wie sie im letzten Jahr für vier Wochen zu ihrem schwer kranken Bruder nach Neuseeland reisen durfte – ihre erste grosse Reise nach fast 60 Jahren im Kloster. «Ich habe das wahnsinnig genossen», sagt sie. Fühlt sie sich denn manchmal eingeengt auf dem Klosterareal? Schwester Petra schüttelt energisch den Kopf. «Es ist nicht der Raum, der Enge verursacht, sondern der Kopf und das Herz.»

Aber sie reise wahnsinnig gern; vor ihrem Eintritt ins Kloster mit 20 Jahren sei sie viel unterwegs gewesen, habe in Belgien gearbeitet und Italienisch und Französisch gelernt. «Ich habe immer diesen inwendigen Ruf gehört; ‹Du musst ins Kloster›. Aber ich habe damals gedacht, dass das beim Reisen vergeht», sagt sie und lacht. Dann nimmt sie einen Schluck Kaffee und räuspert sich. «Aber wissen Sie, je älter ich werde, desto dankbarer bin ich, dass es so gekommen ist, mit mir und dem Kloster.»