Als Hans Graber geboren wurde, fuhren noch Kutschen auf den Strassen. Am 10. Januar 2018 feierte der rüstige Rentner seinen 100. Geburtstag – wobei die Bezeichnung Tag eine Untertreibung ist. «Es gab mehr als ein Fest, eine ganze Woche lang erhielt ich Glückwünsche und Einladungen», sagt er. So überraschten ihn die Turnveteranen auf dem Üetliberg mit einem Ständchen und auch der Zürcher Sicherheitsdirektor und Sportminister Mario Fehr schaute bei Graber vorbei, um ihm seine persönlichen Glückwünsche zu überbringen.

Seit über 40 Jahren besucht Graber regelmässig die Sauna im Uitiker Hallenbad. Dass er täglich gehe, sei aber ein Gerücht. «Ich habe noch anderes zu tun», so Graber. Jedenfalls geht er oft. Deshalb dürfte er sich über die Überraschung der Gemeinde besonders gefreut haben: Am Freitagnachmittag überreichten ihm Gemeinderat Walter Andrea Schelling und Hallenbadleiter Michael Pavlicek ein lebenslanges Sauna-Abo. Graber wusste im Vorfeld noch nichts von seinem Glück. «Man hat mir nur gesagt, ich solle dort hinkommen», sagte er.

Am Lenkrad mit 92 Jahren

Der Weg von seiner Wohnung im Stadtzürcher Kreis 3 zum Hallenbad Uitikon war für Graber früher einfacher. «Ich bin Auto gefahren bis 92. Jetzt muss ich halt laufen», sagt er. Allerdings nicht gleich bis zum Hallenbad, sondern nur bis zur Bushaltestelle. Auch das Velo ist mittlerweile keine Option mehr für ihn: «Seit einem Jahr versuche ich, mein E-Bike zu verkaufen. Ich nutze es nicht mehr». Dass er sich damals ausgerechnet für die Sauna in Uitikon entschieden hat, liege daran, dass man ihm dort drei Tüchlein mitgebe. «Das gibt es in keiner anderen Zürcher Sauna», sagt er.

Lange besuchte Graber zusammen mit acht Kollegen des Turnvereins Wiedikon die Sauna. «1954 gingen wir einmal statt ins Turnen ins Hallenbad und entdeckten so die Sauna», erinnert er sich. Daraus sei eine kleine Tradition entstanden. Eine Tradition, die Graber heute alleine ausübt. «Ich habe viele Freunde verloren», sagt er.

Aber bis heute bietet ihm der Turnverein, bei dem er 60 Jahre lang aktiv turnte und heute Ehrenmitglied ist, sozialen Austausch. Jeden Mittwochabend treffen sich die älteren Turner in einem Restaurant in der Nähe von Grabers Wohnort. «Wer in einem Verein ist, sollte nach dem offiziellen Teil unbedingt mit den Kameraden in die Beiz gehen. Nur so behält man Kontakte bis ins hohe Alter», sagt er.

Die Mannschaft sei aber kleiner geworden. «Ich habe zu Zeiten Sport unterrichtet, als hundert Mann in der Halle standen», so Graber. Turnen war sein Leben. «Ich habe viele Kränze geholt.» Behalten hat er sie nicht, denn: «Die wären inzwischen alle verdorrt». Dafür reihen sich viele Bleibecher in seinem Wohnzimmer als Erinnerung an besondere Turnanlässe.

Ein Mittagessen für 99 Rappen

Dank dem Turnen kam der gebürtige Baselbieter viel umher und durfte Europa entdecken. So besuchte er anlässlich von Turnwettbewerben ab den späten 1940er-Jahren unter anderem Stockholm, Wien, Lissabon, Luxemburg und Paris. Letzteres habe es ihm besonders angetan. «Wir wurden vom Schweizer Turnverband in die teuersten Hotels eingeladen, wo schon damals eine Flasche Champagner 100 Franken kostete», sagt er. Zum Vergleich: Für ein Mittagessen zahlte Graber damals beim Frauenverein 99 Rappen.

Jungen Menschen rät Graber, die Welt zu bereisen. «Heute stehen den Jungen alle Möglichkeiten offen, wir hatten damals nicht einmal Französisch-Unterricht in der Schule», sagt er. Ein wenig Französisch hat er aber dennoch gelernt. Denn seine Eltern schickten ihn auf einen Bauernhof ins Welschland, während sie ihm eine Lehrstelle suchten. «Damals fragte niemand, welche Lehre man machen möchte», sagt er. Eines Tages sei dann ein Brief gekommen, dass er eine Ausbildung zum Feinmechaniker in Basel-Stadt beginnen könne.

Graber kehrte in die Deutschschweiz zurück, und arbeitete vier Jahre bei der Wasseruhrenfabrik Basel. 1939 besuchte er die Landesausstellung in Zürich. «Drei Wochen später ging der Krieg los. Das war ein Schock», sagt er. Graber absolvierte die Rekrutenschule und wurde direkt anschliessend in den Aktivdienst eingezogen. «Im Militär gab es unter der Woche nur Kartoffelsuppe», erinnert er sich.

Das Geheimnis

Seine Frau, die vor zwölf Jahren gestorben ist, lernte er in seinem Heimatdorf im baslerischen Oberwil kennen. Beide waren im lokalen Turnverein aktiv. «An Turnfesten sitzt man beieinander. Und dann heiratet man die einen, wie es so geht», sagt er.

Auf die Frage, was denn nun das Geheimnis seines hohen Alters sei, sagt Graber nüchtern: «Es gibt kein Geheimnis. Es ist Schicksal, ohne Glück wirst Du nicht alt. Es gibt kein Rezept zum Altwerden». Er blicke auf eine schöne Zeit zurück und vermisse nichts: «Ich verpasse nichts mehr», sagt er.