Montag für Montag schreiten die Kantonsratsmitglieder über das glänzende Parkett zu ihren Sitzen. Sie gehen vorbei an den Gemälden von Magistraten, die längst verstorben sind, hindurch unter dem grossen, vielarmigen Leuchter. Am hinteren Ende des Ratssaals sitzt das eine oder andere Regierungsratsmitglied.

Doch die meisten biegen, je nach Parteizugehörigkeit, schon vorher rechts oder links ab. So gelangen sie zu ihren gut gepolsterten, etwas engen Plätzen. Sie kommen, um Politik zu machen – wenn das Volk sie lässt. Diesen Sonntag wählen die Zürcher Stimmberechtigten den neuen Kantons- und Regierungsrat.

Damit wird die Volksvertretung für die kommenden vier Jahre frisch aufgemischt. Es kann zu markanten Verschiebungen kommen: Vor acht Jahren war Grün die Farbe des Wahltags. Vier Jahre später jubelte vor allem die FDP. Jetzt deuten die Wahlumfragen wieder auf Vorteil für Grün respektive Grünliberal hin.

Obgleich der Wählerwille wechselhaft ist, strahlt fast alles im Parlamentssaal des 1698 eingeweihten Zürcher Rathauses Tradition und Kontinuität aus. Wohl auch deshalb geht oft vergessen: Der Kantonsrat ist ein Produkt revolutionärer Zeiten. Dies zeigt ein vom Kanton Zürich kürzlich online gestellter historischer Abriss mit vielen Daten zur Geschichte des Kantonsparlaments auf.

Napoleon und die Reaktion

Begründet wurde der Rat durch die von Napoleon erlassene Kantonsverfassung. 1803 versammelten sich erstmals die Mitglieder dieses vom Volk gewählten Parlaments. Wobei der Begriff «Volk» schon damals mit Vorbehalt zu geniessen war: Die Wählerschaft bestand ausschliesslich aus Männern, die in einer Zürcher Gemeinde wohnten und über ein Minimum an Grundbesitz oder Vermögen verfügten. Als Wahlkörper dienten Zünfte.

Sie waren zwar erst 1798 aufgelöst worden, wurden aber nun zwecks Wahl des Grossen Rats, wie der Kantonsrat hiess, wiederhergestellt. Die 65 städtischen und ländlichen Zünfte wählten einerseits jeweils einen lokalen Vertreter aus ihren eigenen Reihen, andererseits weitere aus anderen Bezirken des Kantons. 130 Ratssitze wurden aus dem Kreise Letzterer per Losentscheid vergeben.

Zehn Jahre nach dem Start dieses Parlaments gab es erneut einen Systemwechsel. Napoleon hatte den Russlandfeldzug 1812 verloren. In Zürich rückten 1813 österreichische Truppen ein. Der Zürcher Regierungsrat passte sich der neuen Lage an und erliess eine neue Verfassung. Dabei erhielt die Stadt Zürich im neuen Parlament massiv mehr Sitze. Und: Statt dass Parlamentarier durch Zünfte und Losentscheid gewählt wurden, ernannte der Grosse Rat seine Mitglieder nun gleich selbst für jeweils sechs Jahre. Die Demokratisierung erlitt einen Rückschlag.

Doch die revolutionären Zeiten waren nicht vorbei. 1830 – in Frankreich hatte gerade die Julirevolution stattgefunden – kam im Kanton Zürich eine neue Volksbewegung auf. Ihr Ziel waren mehr Rechte für die Bevölkerung auf dem Land. Am 22. November 1830 versammelten sich in Uster rund 10 000 Menschen, um eine neue Verfassung zu fordern.

Die Demonstration lohnte sich: Gut zwei Wochen später liess der Regierungsrat Neuwahlen durchführen. Die der Stadt Zürich zustehende Sitzzahl im Grossen Rat wurde auf einen Drittel reduziert, die Zahl jener Sitze, die der Rat selbst vergeben konnte, auf einen Viertel. Zum Vergleich: Heute stehen der Stadt Zürich 49 von 180 Kantonsratssitzen zu.

Die neue Verfassung von 1831 förderte das Öffentlichkeitsprinzip: Die bisher geheimen Ratssitzungen sollten fortan öffentlich sein. Im Zürcher Rathaus wurde eine Zuschauertribüne eingebaut, die auch heute noch Besuchern offensteht, die den Parlamentsbetrieb direkt vor Ort beobachten wollen.

Das Zürcher Politsystem blieb umstritten. 1838 kam es per Volksabstimmung zu einer Anpassung des Wahlsystems. Die Zünfte hatten als Wahlkörper nun ausgedient. Der Kanton wurde in 51 Wahlkreise aufgeteilt.

Ein Jahr später gab es erneut Unruhen. Auf dem Land regte sich Widerstand gegen die Berufung des Theologen David Friedrich Strauss an die Universität. Tausende marschierten vom Land nach Zürich, wo es zu einer blutigen Auseinandersetzung kam. Ein Grossteil der Regierung floh aus der Stadt. Kurzfristig anberaumte Neuwahlen brachten eine Vorherrschaft der Konservativen im Grossen Rat.

Aber nur für kurze Zeit: Schon bald waren ab 1844 die Liberalen wieder am Drücker. Und mit ihnen ein junger Mann, der die Schweiz in den kommenden Jahrzehnten prägen sollte wie kein anderer: Alfred Escher. Das von ihm aufgebaute und auf ihn ausgerichtete System der engen Verflechtung von Politik und Wirtschaft rief jedoch rund zwanzig Jahre später erneut wachsenden Widerstand hervor: Die stark in Winterthur verwurzelte Demokratische Bewegung setzte schliesslich 1869 eine neue Kantonsverfassung durch. Das Volk erhielt mehr Mitsprache in Form von Referenden und Initiativen. Und die Gewaltentrennung kam voran: Kantonsräte durften nicht mehr gleichzeitig Regierungsräte sein.

Frauen mussten lange warten

Auch die Forderung nach dem Frauenstimmrecht kam 1868 auf. Bis zu ihrer Umsetzung sollte es aber noch gut hundert Jahre dauern: 1971 führte der Kanton Zürich schliesslich das Frauenstimmrecht ein. Bis heute waren aber nie mehr als 60 der 180 Kantonsratsmitglieder weiblichen Geschlechts.

Ehe das Frauenstimmrecht zum Durchbruch kam, stand noch ein anderer Systemwechsel an: 1916 beschloss das Zürcher Stimmvolk die Einführung des Proporzwahlrechts. Aus Personenwahlen wurden Parteienwahlen – und neue Parteien wie die Bauernpartei, Vorläufer der SVP, sowie die EVP kamen auf. Wählerstärkste Partei war fortan für gut ein halbes Jahrhundert die SP, gefolgt von der Bauernpartei und den Freisinnigen. Mitte der 1970er-Jahre überholte die FDP die SP. Zwei Jahrzehnte später wurde dann die SVP unter Christoph Blocher wählerstärkste Partei.

Und heute? Die heisseste Frage im Hinblick auf die Zürcher Kantonalwahlen am Sonntag ist, ob die FDP ihren zweiten Regierungsratssitz behält oder an die Grünen verliert. Im Kantonsrat könnte die Vormachtstellung des Bürgerblocks von FDP, SVP und CVP geschmälert werden, wenn GLP und Grüne so zulegen, wie es die letzten Umfragen andeuteten. Revolutionäres ist jedoch momentan nicht zu erwarten.