Sobald Denis Batinic das Gemälde in der Stadtbibliothek Dietikon an die Wand hängt, lässt sich dessen Beschaffenheit genauer betrachten. Sorgfältige Pinselstriche zeichnen Marias Gesicht. Sorge liegt im Blick, mit dem sie ihren Schöpfer mustert. Oder Wohlwollen? Batinic ist ihr, Mutter Jesus, schon einmal begegnet. Mit 22 wurde beim Dietiker mit bosnischen Wurzeln eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert.

Der 32-Jährige hatte seit seiner Kindheit Wahnvorstellungen, glaubte, Ausserirdische wollten die Erde zerstören. Dazu kamen auratische Momente; Batinic hatte Visionen von Jesus und Maria. «Was kann man sich Besseres wünschen?», meint er dazu und lächelt zaghaft. Nach seiner ersten Psychose verbrachte er Wochen in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Heute lebe es sich gut mit der chronischen Krankheit, so Batinic. Doch manchmal bilde er sich hämische Stimmen ein. «Ich kritisiere mich wohl selbst innerlich.»

Doppelt so hart gearbeitet

Dafür gibt es für ihn allen Grund, stolz zu sein. Er wechselte als Jugendlicher von der Real- in die Sekundarschule, schaffte dann den Übertritt ans Gymnasium. Schliesslich absolvierte er trotz der Diagnose an der Universität Zürich ein Geografie- und Biologie-Studium. «Ein langer Weg», resümiert Batinic. «Dafür habe ich doppelt so hart gearbeitet wie alle anderen.» Batinic lehnt sich vor auf seinem Stuhl, weicht keinem Blick aus. Es ist die Haltung eines Mannes, der beschlossen hatte, seine Seele auf eine Leinwand zu projizieren – und dies mit der Welt zu teilen.

«Ich habe nichts zu verbergen», sagt Batinic. Und die Bilder müssten mal aus der Mappe, egal ob sie anderen gefallen oder nicht. Ab dem 3. März stellt er in der Stadtbibliothek Dietikon aus. «So richtig animalisch» taufte er seine erste Exposition. Dies, weil viele seiner Bilder Tiere zeigen, und, weil sich auch Menschen animalisch gebaren können, wie Batinic erlebte.

Kunst ist für Batinic mehr als eine Ergotherapie. «Kunst zeigt, was einen geprägt hat.» Ihm liegt viel daran, das Wesentliche seiner Motive zum Ausdruck zu bringen – «wie man Details zeichnet, habe ich mir noch nicht beigebracht» – und die Gefühle, die er ihnen gegenüber empfindet. Wie etwa diesem einen Selbstporträt, das er während der Psychose malte. Es ist ein Infrarotbild, auf dem sich kalte und warme Farben zu einem Ganzen fügen. Sie symbolisieren seine ambivalente Gefühlswelt zu dieser Zeit.

Wie einst Van Gogh

Viel zu seinen Bildern möchte Batinic nicht sagen. Nur dies: Sie wurden in sehr kurzer Zeit angefertigt. Von seinem rund 70 Bilder umfassenden Werk entstand die Hälfte letztes Jahr jeweils innerhalb von 24 Stunden. Etwa eine Stunde nach der Einnahme seiner Medikamente erlebt Batinic einen Schaffensrausch. Dies kennt man von einem anderen Maler: Vincent Van Gogh, Batinics Vorbild.

Doch genauso wie bei van Gogh lässt der finanzielle Erfolg zu Beginn auf sich warten. Verkaufen konnte Batinic bisher keines seiner Bilder. Die kommende Ausstellung möchte er jedoch nicht nutzen, um Geld zu machen. Mehr, um eine Botschaft zu vermitteln: «Ich möchte andere Schizophrene dazu ermutigen, ihre Ausbildung zu machen und an sich zu glauben.» Auch dazu, wie er, Künstler zu werden? Bei dieser Bezeichnung lächelt Batinic – und berichtigt: «Ich bin einer, der Kunst macht.» Künstler werde er erst, sobald er ein Echo erhalte. So wird seine Vernissage wohl auch zur Künstlertaufe.