Das Limmatquai in Zürich ist wahrlich kein Ort der Bescheidenheit. Immerhin nicht so protzig wie die Bahnhofstrasse, scheint noch die beste Verteidigung dagegen zu sein. Edle Zunfthäuser sowie teure Cafés und Läden zeugen aber auch hier vom Zürcher Geldadel.

Im eleganten Kleidergeschäft mit Blick auf die Limmat kümmern sich drei Mitarbeiter um zwei Kunden. Betreuung und Beratung fühlen sich fast so an, als hätte man seinen persönlichen Assistenten mitgebracht. Man merkt, dass das Personal wenig zu tun hat und auch damit beschäftigt ist, die Zeit zu vertreiben. Da bleibt viel Raum für menschliche Aufmerksamkeit.

Inzwischen hat sich in der Nähe des Ladeneingangs ein Obdachloser positioniert, der das Strassenmagazin «Surprise» anbietet. Als die Verkäuferin hinter der Kasse den Mann sieht, spaziert sie gemütlich nach draussen zu ihm. Aber nicht etwa, um ihn zu bitten, sein Magazin doch bitte anderswo anzupreisen. «Sali, wöttsch en Kafi?», fragt sie freundlich. Die Vertrautheit in ihrer Stimme zeigt, dass beide offensichtlich nicht zum ersten Mal miteinander reden. Gemütlich plaudern sie zusammen und erzählen sich kurz von ihrem Tag, bevor er ihr für den Kaffee ins Geschäft folgt. Gestresst wirkt sie nicht, schliesslich hat ihre Kollegin noch beide Hände frei und nimmt gerade die nächste Kundin in Empfang.

Mich erstaunt es, wie selbstverständlich die Angestellte aus dieser noblen Welt mit dem Menschen auf der Schattenseite des Lebens in Berührung kommt, wie Pfarrer Sieber Obdachlose und Hilfsbedürftige würdevoll nannte. Schön, ist ihre Aufmerksamkeit nicht nur zahlenden Kunden vorenthalten.