Prozess
Ein junger Raser erhält eine Lektion vor Gericht

Mit 127 statt 50 Stundenkilometern war ein 19-Jähriger in Winterthur geblitzt worden. Dafür gab es 15 Monate bedingt – und eine gehörige Strafpredigt der Richterin.

Michael Graf
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Thinkstock

Es war ein Montag im Februar. Milo S. (Name geändert), ein gebürtiger Winterthurer mit mazedonischen Wurzeln, verbrachte ihn mit seiner Freundin im Park. Da rief sein Kumpel an. Seine Schwester habe ein neues Auto, ein Sportcoupé mit 450 PS. Ob er eine Probefahrt machen wolle? Wenig später wurde Milo auf der Dättnauerstrasse beim Ortseingang von Winterthur-Neuburg geblitzt: Nach Abzug der Toleranz war er 77 Stundenkilometer zu schnell – 127 statt der erlaubten 50. Auf dem Rücksitz sass seine Freundin, auf dem Beifahrersitz sein Kumpel.

Vor Gericht erschien ein schmaler junger Mann, sichtlich nervös. Milo S. war in allen Punkten geständig. «Ich muss ehrlich sagen, seit diesem Tag geht es mir nicht besonders gut», sagte er der Richterin. Seine berufliche Zukunft habe sich verdüstert: In seinem angestammten Beruf fand er ohne Führerschein keine Stelle mehr und auch ein anderes Jobangebot zerschlug sich, als bekannt wurde, dass er in einem Strafverfahren steckt. Zwischenzeitlich habe er sich psychologische Behandlung begeben.

Raser zeigt Reue

Das Gesetz sieht für eine so schwere Missachtung der Höchstgeschwindigkeit eine Mindeststrafe von einem Jahr Freiheitsentzug vor. Der Beschuldigte sei durch «vorsätzliche Verletzung elementarer Verkehrsregeln das hohe Risiko eines Unfalls mit Schwerverletzten oder Todesopfern» eingegangen, heisst es in der Anklageschrift. Die Staatsanwaltschaft forderte 15 Monate bedingt, eine Geldstrafe von 1000 Franken und die Übernahme der Gerichtskosten.

Der Beschuldigte und sein Verteidiger akzeptierten diese Strafe und baten das Gericht, sie nicht zusätzlich zu verschärfen. «Der Angeklagte zeigt echte Reue, hat keinerlei Vorstrafen und hat bereits erhebliche Folgen in seinem Leben zu tragen», machte der Verteidiger geltend.

Mit einem illegalen Rennen oder dem Rasen durch ein Innenstadtquartier sei die Tempofahrt auf der vergleichsweise übersichtlichen Landstrecke nicht zu vergleichen. Vor Gericht stehe kein frecher Raser, sondern ein junger Mann, der in einem Moment der Unvernunft das Pedal durchgetreten habe und dafür nun den Preis bezahle.

Das Gericht folgte dem Antrag, allerdings nicht ohne einige mahnende Worte der Richterin: «Sie waren äusserst rücksichtslos unterwegs, in einem Auto, dass Sie nicht kannten und auf einer Strecke, die Sie erst einmal zuvor gefahren waren.» Es habe eine «sehr grosse Gefährdung» vorgelegen, für Fussgänger und andere Verkehrsteilnehmer, aber auch für die zwei Insassen. Trotzdem sei davon auszugehen, dass der Prozess dem jungen Mann Eindruck gemacht habe.

Zuletzt empfahl ihm die Richterin dringend eine Berufsberatung – denn im Autogewerbe, in dem er seine Lehre gemacht hatte, gebe es für ihn offensichtlich keine Zukunft mehr.