Es ist kurz vor 9 Uhr. Die Lichter gehen an. Die Türe geht auf. Heidi Fluor rollt einen Ständer mit Dreirädern, Kindervelos und Plastikschaufeln aus dem Geschäft und platziert ihn neben dem Eingang. «Es gab noch keinen Tag, an dem ich nicht gerne zur Arbeit gegangen bin», sagt sie und ordnet die Gefährte auf dem Gestell daneben. Fluor betreibt den Spielwarenladen «Spiel und Hobby» an der Zürcherstrasse 68 in Dietikon — das letzte Spielzeug-Fachgeschäft im Limmattal. Im März 2003 übernahm sie den Laden mit ihrer Freundin Elsbeth Preisig von Oskar Wiederkehr, der das Geschäft 1973 gegründet hatte. Diese Woche feiert sie das 15-Jahr-Jubiläum. «Ich freue mich sehr, dass wir uns schon so lange halten können», sagt Fluor.

Die 57-Jährige führt den 45 Jahre alten Spielzeugladen mit viel Idealismus: «Das braucht es. Wenn ich Geld damit verdienen wollte, dann hätte ich schon lange aufhören müssen.» Sie habe das Glück, dass ihr Mann den Lebensunterhalt verdiene und sie keinen Gewinn erwirtschaften müsse. Von Anfang an ging es ihr und Preisig nicht darum. «Wir haben den Laden übernommen, damit er nicht zugeht und nicht noch ein weiteres Geschäft in Dietikon verschwindet.» Schon ihre vier Kinder hätten in Wiederkehrs Laden Spielzeug gekauft. «Das Geschäft gehört zur Stadt. Viele Dietiker verbinden mit dem Laden Erinnerungen an ihre Kindheit.»

Seit neun Jahren alleine

Inzwischen hat Fluor die alleinige Verantwortung. Preisig zog sich als Teilhaberin vor neun Jahren aus dem Geschäft zurück. Das war bereits bei der Übernahme so verabredet. Unterstützt wird Fluor von vier Teilzeitmitarbeiterinnen und einer Lehrtochter.

Ein Pferd wiehert. Fluor schaut hoch zur gelben Wanduhr neben der Kasse und lacht. «Jede Stunde höre ich ein anderes Tier.» Man müsse schon etwas verspielt sein, um hier zu arbeiten, sagt die gelernte Konditorin. Barbies, Puppen und Plüschtiere mustern einem von allen Seiten mit ihren grossen Kulleraugen. Insgesamt stehen im «Spiel und Hobby» 37'000 Spielzeugartikel auf 75 Quadratmetern. Überraschenderweise hätten sich die Spielzeugvorlieben der Kinder in den letzten 15 Jahren nicht gross gewandelt, so Fluor, die mit ihrer Familie seit 42 Jahren in Dietikon lebt.

«Das Grundsortiment ist immer noch dasselbe.» An Playmobil, Plüschtieren und Bauklötzli hätten Kinder jeder Generation Freude. «Auffällig ist, dass Kinder heutzutage viel zu viel Spielzeug haben, weil sie nicht nur zu Geburtstag und Weihnachten Geschenke bekommen.» Eltern und Verwandte wüssten vielfach nicht mehr, was sie schenken sollen. In diesem Fall sei weniger mehr, findet Fluor. «Das Wichtigste sind sowieso nicht die Spielsachen, sondern die Zeit, die man den Kleinen schenkt.»

Vom Baby zum Teenager

Kunden können bei der Masse an Spielwaren leicht die Übersicht verlieren. Fluor und ihre Mitarbeiterinnen sorgen dafür, dass sie dann doch das Richtige finden. In den 15 Jahren hat Fluor zu vielen Kunden eine Beziehung aufgebaut und weiss, was ihnen gefällt. «Viele Teenager, die zu mir kommen, kenne ich, seit sie auf der Welt sind.» Da falle es ihr nicht schwer, das Passende für sie herauszusuchen.

Die meisten der über 500 Gesellschaftsspiele und Puzzles in ihrem Laden hat sie selbst ausprobiert. Dies helfe ihr auch, besser auf die Wünsche der Kunden eingehen zu können. Für Fluor überlebenswichtig: «Durch die persönliche Beratung heben wir uns vom Onlinehandel ab.» Dieser macht Fluor besonders zu schaffen. «Es gibt Leute, die unsere Preise mit denen im Internet vergleichen. Das ist mühsam.» Spielzeug, das online 70 Franken koste, müsse sie für 120 Franken verkaufen können. «Wir haben nicht dieselben Einkaufspreise wie der Onlinehandel, der aufs Mal 1000 Produkte bestellt.» Manche Kunden könnten dies nicht nachvollziehen. «Sie entscheiden sich für die günstigere Variante. Wir verlieren sie», sagt Fluor.

Sorgen bereitet ihr aber auch die zweite Bauetappe der Limmattalbahn. «Ich befürchte, dass ich grosse Umsatzeinbussen haben werde, wenn vor dem Laden ein Jahr lang eine Baustelle herrscht.» Dass sich Baustellen schlecht aufs Geschäft auswirken würden, habe sie bereits bei den Bauarbeiten im Juli 2015 an der Zürcherstrasse gespürt. «Wir verkauften 40 Prozent weniger als in anderen Sommermonaten.»

Herzstillstand vor dem Laden

Die Zukunft des einzigen Spielzeug-Ladens in der Region stand vor fünf Jahren ernsthaft auf der Kippe. Dies aber nicht aufgrund äusserer Umstände, sondern weil Fluor gesundheitlich stark angeschlagen war. «Ich wäre fast gestorben», erzählt sie. «Ich hatte einen Herzstillstand draussen vor meinem Geschäft.» Zwei Buben hatten ihr ein Jo-Jo geklaut und stürmten aus dem Laden. Fluor hechtete ihnen nach. Einer von ihnen sprang in einen Bus. «Ich klopfte an die Scheibe, damit der Busfahrer die Türe öffnet.» Und dann geschah es: Fluors Herz hörte auf zu schlagen. Sie sackte zusammen und landete auf der Strasse.

Sie hatte unwahrscheinliches Glück. «Mein Sohn fuhr gerade an der Zürcherstrasse vorbei. Eine Ärztin stand im Auto an der Ampel. Sie reanimierten mich.» Wie durch ein Wunder erholte sich Fluor und nahm den Betrieb von «Spiel und Hobby» nach einem Monat mit reduziertem Pensum wieder auf. «Es ist, als hätte ich ein zweites Leben geschenkt bekommen.» Es brauche sie noch. Den beiden Buben sei sie dankbar, dass sie sie aus dem Geschäft gejagt hätten. «Wenn ich im Laden zusammengebrochen wäre, hätte man mich nicht so schnell gefunden.»

Dass sie noch 15 weitere Jahre das Spielzeugparadies betreut, schliesst Fluor nicht aus. «In acht Jahren wäre ich pensioniert. Falls es meine Gesundheit zulässt, und meine Mitarbeiter bei mir bleiben, könnte ich mir vorstellen weiterzumachen.» Schliesslich sei der Laden ihr zweites Zuhause. Sie würde sich aber auch freuen, wenn sie jemanden finden würde, der das Geschäft mit gleich viel Herzblut weiterführt wie sie.