Erneuerbare Energien
Ein Jahr später: Der Fukushima-Effekt ist dahin

Die Nachfrage nach grünem Strom ist wieder gleich gross wie vor der Katastrophe von Fukushima. Bei den Stromanbietern fordern die Grosskunden vor allem Atomstrom - nach wie vor.

Sarah Jäggi
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«Stop Beznau»

«Stop Beznau»

«Wenn der 11. März 2011 dereinst in die Geschichte eingehen wird, als jener Tag, der die Energiewende eingeläutet hat, dann nicht, was den Stromkauf von Privaten und Unternehmen betrifft. Fragt man bei den EWZ (Elektrizitätswerke der Stadt Zürich) nach, so erfährt man, dass sich in den Wochen nach der Reaktorkatastrophe täglich 20 bis 30 Personen meldeten, um sich nach einem Stromprodukt zu erkundigen, welches ökologisch ist und keinen Atomstrom enthält. Viele von ihnen wechselten in der Folge auf ein anderes Produkt.

Ein Jahr nach der Katastrophe ist der Effekt, der anfänglich stark war, vollends verpufft. Will heissen: Heute verlangen in etwa wieder gleich viele private Kunden atomstromfreie Produkte wie vor einem Jahr. Die Gesamtzahl der Ökostromkunden der ersten Wochen ist wieder im gleichen Rahmen wie vor der Katastrophe in Japan.

Ewz.naturpower

Dass dennoch rund 75 Prozent der 192000 EWZ-Privatkunden das so genannte ewz.naturpower beziehen, ein Produkt aus erneuerbaren Energien und einem Anteil Ökostrom, rührt daher, dass dieser Strommix seit dem Jahr 2006 das Standardstromprodukt ist und Kunden, die etwas anderes beziehen möchten, dieses explizit bestellen müssen.

Von den anderen 25 Prozent der Kunden beziehen ca. 20 Prozent ewz.mixpower, das günstigste Stromprodukt, das zum grössten Teil aus Atomstrom besteht. Nur etwa fünf Prozent der Privatkunden greifen tief in die Taschen, um reinen Ökostrom (naturemade star-zertifizierte Wasserkraft und Solarstrom) zu erhalten.

Während bei den Privatkunden kein Effekt auszumachen ist, so gibt es diesen bei den knapp 24000 KMU-Kunden. Hier nahmen die Bestellungen für Ökostrom um rund zehn Prozent zu. Insgesamt beziehen diese heute für ihre Anlagen knapp 13 Prozent Ökostrom, 62 Prozent ewz.naturpower und rund 25 Prozent ewz.mixpower. «Ob Fukushima der Auslöser für die Ökostrombestellungen war, wissen wir natürlich nicht, klar ist aber, dass auch Firmen heute bezüglich Atomstrom eher sensibler geworden sind», sagt Jacqueline Verjee, Mediensprecherin der EWZ.

Grosskunden verlangen Atomstrom

Bei den grossen Unternehmenskunden– als solche gilt, wer pro Jahr mindestens 100000 kWh Strom bezieht – führten im Nachgang zu Fukushima zwei Anfragen zu Verhandlungen, aus denen jedoch keine neue Bestellung hervorging. Fast jeder Grosskunde (47 Prozent) verlangt vor allem Atomstrom, 38 Prozent setzt auf erneuerbare Energien, 15 Prozent bestellten Ökostrom.

Ähnlich sieht es bei den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich (EKZ) aus: Viele Neubestellungen in den Tagen nach der Katastrophe, danach die Rückkehr zum Alltag. Bis Ende 2011 wechselten 5500 Privatkunden auf ein atomstromfreies Produkt, das sind fast dreimal mehr als im Vorjahr. Wie bei den EWZ ergibt sich über das Jahr gesehen aber kein grosser Effekt, wenn die Neukunden in Relation gesetzt werden zu jenen, die zurück auf ein konventionelles Produkt gewechselt haben.

Erneuerbare Energien nur bei 12 Prozent der Kunden gefragt

Insgesamt beziehen heute 33500 der 280000 Privatkunden Strom aus erneuerbaren Energien, das entspricht knapp 12 Prozent der Kundschaft, also sechsmal weniger als bei der Konkurrenz. Die Kundschaft zu einem Atomstrom-Verzicht zu bringen, indem man ihnen erneuerbare Energien als Normalstrom verkauft, so wie dies die EWZ tun, ist für die EKZ aber kein Thema. «Bei uns hat jeder Kunde die freie Wahl, welches Stromprodukt er beziehen möchte», sagt Camenisch.

Wie sieht der Effekt bei den Geschäftskunden aus? Nach Fukushima hätten lediglich «vereinzelt» Unternehmen zu Strom aus erneuerbaren Energien gewechselt. Insgesamt beziehen Geschäftskunden heute 20 Prozent der von der EKZ gelieferten erneuerbaren Energien, 80 Prozent beziehen die Privatkunden.