Schlieren
Ein indischer Künstler zu Gast in Schlieren: So viel wiegt das Limmatwasser

Der indische Gastkünstler Jenson Anto zollt in seiner Kunstkammer-Ausstellung der Gasi-Vergangenheit Tribut.

Alex Rudolf
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Der indische Künstler Jenson Anto stellt in der Kunstkammer aus
7 Bilder
Die Schweizer Werkzeuge haben es Anto besonders angetan. Es gebe davon viele und seien für alle erschwinglich.
Fünf Monate verbrachte Anto im AZB-Gastatelier an der Ballonstrasse.
Dies ist eines der Objekte, die er in die Limmat tauchte und mittels Hängewaage die darauf einwirkende Strömung mass.
Die einzelnen Holzlatten wiegen jeweils so viel, wie die Strömung auf die Objekte einwirkte.
Eigentlich ist Anto Grafiker, der sich in Neu-Delhi und London zum Kunstmaler ausbilden liess.
Sämtliche Bälle ergatterte Anto an Flohmärken oder fand sie auf der Strasse.

Der indische Künstler Jenson Anto stellt in der Kunstkammer aus

Mario Heller

Ein aus mehreren, gleichmässig gesägten Holzlatten zusammengehämmertes Objekt wippt auf den Wellen der Limmat unterhalb der Autobahnbrücke in Schlieren. Erst auf den zweiten oder dritten Blick ist ein in der Konstruktion eingeschlossener Golfball erkennbar. Stromabwärts schwimmt das Objekt nicht, da es an einer Schnur befestigt und mit einer Hängewaage verbunden ist. Darauf liest Jenson Anto auf der Brücke stehend ab, mit wie viel Gewicht die Strömung auf das Holz-Ding einwirkt. Dieses Prozedere wird er wiederholen: an verschiedenen Schlieremer Limmatufern und -brücken, mit verschiedenen Objekten über Wochen hinweg. «Das Sammeln ist ein grosser Teil meiner Kunst und hier in Schlieren sammle ich das Gewicht des Wassers. Viele Passanten dachten wohl, ich würde fischen», sagt er. Der indische Künstler und Grafiker ist der aktuelle Gast der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer (AZB) und wirkt seit März auf dem Schlieremer Gaswerk-Areal. Was er daraus entwickelte, zeigt er an der Vernissage vom Samstag.

Geboren wurde der 49-Jährige im Gebiet Kerala an der indischen Ostküste und besuchte nach einer Grafikausbildung die Kunstschule in Neu-Delhi sowie jene des Londoner Stadtteils Wimbledon. Sein Fokus lag auf der abstrakten Malerei. Dies war Anfang der 1990-er-Jahre, sein Schaffen hat sich seither drastisch verändert und lässt sich heute nicht mehr nur auf Leinwände beschränken. Seine Kreativität drückt er mehr und mehr durch Installationen oder «Land Art» aus, also die Kunst in der freien Natur mit Materialien aus der Natur. «Die Vergänglichkeit meiner Kunst hat es mir angetan.»

Alter Bekannter der Schweiz

Dies zeigt sich auch darin, dass Anto jährlich für drei, manchmal auch vier Monate aus der engen indischen Hauptstadt Neu-Delhi verschwindet und sich ins Himalaya-Gebirge zurückzieht. Nur sein Motorrad, die Berge und er. Aus Ästen, Blättern oder mit Wasser vermischter Erde kreiert er Installationen an Orten, wo er nur selten auf andere Menschen trifft, die seine Kunst begutachten.

Der Aufenthalt in Schlieren ist nicht sein erster Besuch in der Schweiz. Bereits im Jahr 2011 verbrachte er drei Monate in Basel als Artist in Residence der Stiftung Pro Helvetia. Die daraus resultierende Installation setzte sich aus Ast-Mobiles, Fotografien und Lehmskulpturen zusammen. Alles organische Utensilien, die er in und um Basel fand.

Ein anderes Bild zeigt sich den Besuchern heute in der Kunstkammer auf dem Schlieremer Gaswerk-Areal. Es sind keine Land-Art-Projekte, sondern geradlinige Holzskulpturen. Diese sind unterschiedlich zusammengebaut, haben verschiedene Höhen von wenigen Zentimetern bis mehrere Meter. Gemeinsam haben die hölzernen Objekte, dass ihnen an unterschiedlicher Stelle jeweils ein mehr oder minder beschädigter Ball – Golfbälle, Volleybälle, Tischtennisbälle – enthalten ist. «Dies ist eine direkte Referenz zur Gasi-Vergangenheit Schlierens. Aufblasbare Dinge wie diese Bälle oder Luftballone haben ja auch etwas Vergängliches», so Anto. Auf verschiedenen Flohmärkten, aber auch auf der Strasse habe er die Bälle gefunden, ohne danach gesucht zu haben. Denn: «Die Inspiration kam nach und nach. Als ich in Schlieren ankam, hatte ich noch kein Konzept im Hinterkopf.»

Vergänglichkeit im Zentrum

Inspiriert hat ihn auch die Strömung der Limmat. Mit dem eingangs beschriebenen Wiegen des schwimmenden Holzobjekts wollte er diese fassbar machen. Die rund 100 aus diesem Prozedere hervorgegangenen Gewichtsangaben verarbeitete er für die Installation: Vorgefertigte Holzlatten sägte er in genau so lange Teile, damit ein Stück exakt einem der gemessenen Gewichte entspricht. Daraus resultierten rund 100 Holzstücke, die noch bis vor kurzem in seinem Atelier verstreut waren. Nach und nach erstellte er daraus die Holzskulpturen – jede einzigartig mit einem Ball versehen. So ist sein Werk zwar von der Natur inspiriert, erinnert durch die Gradlinigkeit aber nicht an andere Werke des Künstlers. Dem widerspricht Anto: «In all meinen Werken geht es um das Einfangen des Vergänglichen.» Mit Verweis auf den Titel der Ausstellung «Prelude to the Dunk» («Vorspiel des Eintauchens») wolle er das Fliessen der Limmat festhalten.

Seit 2004 bietet die AZB jährlich zwei Gastkünstlern die Möglichkeit, für jeweils fünf Monate im Atelier an der Ballonstrasse zu arbeiten und zu wohnen. Monatlich erhält der oder die Auserwählte 2000 Franken, Auslagen und Krankenversicherung sind selber zu bezahlen. Gekrönt wird der Aufenthalt in Schlieren üblicherweise mit einer Ausstellung in der Kunstkammer. «Jenson Anto war während seiner Zeit in Schlieren sehr präsent in der Arbeitsgemeinschaft», sagt Lilian Hasler. Die Plastikerin, deren Arbeiten stark von Indien inspiriert sind, ist für die Betreuung der AZB-Gastkünstler zuständig. Mit der Auswahl Antos habe die AZB das Schaffen auf dem Areal nach Asien hin öffnen wollen, da der Fokus in den vergangenen Jahren eher auf europäischen Kunstschaffenden gelegen habe. «Anto hat an vielen Roundtables und Vernissagen des Vereins teilgenommen. Dies war eine Bereicherung», sagt sie. Während seiner Zeit in Schlieren habe er viel mit unterschiedlichen Materalien und Werkzeugen experimentiert, erinnert sich Hasler.

Die grosse Auswahl an Werkzeugen in Schweizer Baumärkten beeindruckte Anto nachhaltig. Der Künstler schwärmt von der schier unendlichen Auswahl an Nägeln, die in Kombination mit einer ebenfalls schier unbegrenzten Auswahl an Bohrmaschinenaufsätzen zusammenpassen. «Diese gibt es hier für wenig Geld für jeden zu kaufen. In Indien sind solche spezifischen Werkzeuge nur schwerlich zu finden oder sie sind unerschwinglich für die meisten Leute», sagt er. Die Rückreise in seine Heimat tritt er bereits Mitte Juli an.

Vernissage «Prelude to the Dunk»

Am Samstag, 25. Juni, zwischen 15 und 19 Uhr findet die Vernissage von Jenson Anto «Prelude to the Dunk» statt. Danach ist die Kunstkammer jeweils Samstag und Sonntag zwischen 15 und 19 Uhr offen. Finissage ist am 10. Juli.

Genossen habe er auch, dass Schweizer scheinbar natürlich eine gewisse Distanz zueinander einhalten. «Fährt man in Indien in einem passagierlosen Bus, setzt sich die nächste zusteigende Person nicht in eine leere Sitzreihe, sondern direkt neben einen», sagt er. Dann beginne in der Regel sofort ein Gespräch. Dies sei in der Schweiz undenkbar. In dieser Hinsicht sei er kein typischer Inder und geniesse es hier in der Schweiz, nicht stets von Menschen umgeben zu sein.