Die graue Wolkendecke hängt an diesem Augustnachmittag beunruhigend tief am Himmel und droht jeden Moment, wieder aufzubrechen. «Eigentlich wollte ich heute Kuhmist auf den Wiesen verteilen. Doch nach nur drei Fuhren musste ich wegen des Regens bereits wieder aufhören», sagt Martin Eichenberger. Als Bauer müsse man sich eben anpassen. «An Arbeit mangelt es auf jeden Fall nie.»

Mit einer Sense in der Hand schreitet er auf eine der Sauerampfern zu, die auf Teilen seiner Wiesen auf dem Oberen Schönenberg in Bergdietikon spriessen. Sie sind ihm ein Dorn im Auge. Denn auch wenn die Blacke, wie die Pflanze hier auch genannt wird, als Wildgemüse und Heilpflanze gilt, ist sie für einen Landwirt wie Eichenberger nichts anderes als ein Unkraut. «Eine Blacke kann mehrere Tausend Samen tragen, die, wenn sie in den Boden gelangen, dort bis zu 50 Jahre keimfähig bleiben.» Durch ihre rasante Ausbreitung verdrängt sie Futterpflanzen, und sie selbst wird von den Rindern wegen ihres Säuregehalts erst gar nicht gefressen. «Damit die Tiere das Gras dennoch fressen können, muss das Unkraut vor dem Mähen regelmässig entfernt und so an seiner Vermehrung gehindert werden», sagt Eichenberger. Da ihm aber die Zeit fehlt, die Pflanzen alle einzeln auszustechen, kann er meist nur Symptombekämpfung betreiben. Er schneidet dabei die einzelnen Blacken mit der Sense ab und bringt sie zum Kompostieren an den Waldrand. Das fehlende Sonnenlicht verhindert dort die Vermehrung. «Auf den Wiesen wachsen sie aber trotzdem immer wieder. Es ist eine Sisyphusarbeit, aber es ist auch ein Teil des Berufs», sagt der Bergdietiker, zu dessen Hof 34 Hektaren zu bewirtschaftendes Land gehören.

Die Black-Angus-Rinder boomen in der Schweiz

Die Vorfahren von Eichenberger liessen sich bereits 1823 auf dem Oberen Schönenberg nieder, und er führt den Betrieb nun in der sechsten Generation weiter. «Für mich stand eigentlich nie etwas anderes zur Debatte», sagt er. Seine sechs Geschwister wussten schon früh, dass sie etwas anderes machen wollten, und so übernahmen er und seine Frau Barbara vor 26 Jahren den Bauernhof. Auf diesem spezialisierte sich die Familie Eichenberger bereits Anfang der 1980er-Jahre auf die Zucht von Black Angus, einer Rinderrasse, die ursprünglich aus Schottland kommt. «Heute ist sie vor allem in den USA und in Australien weit verbreitet, aber auch in Europa werden die Tiere immer häufiger gezüchtet», sagt er. Black Angus ist eine reine Fleischrasse. Das Fleisch zeichnet sich durch seine Marmorierung und die Zartheit aus. Nebst dem, dass Eichenbergers das Fleisch direkt verkaufen, bieten sie anderen Bauern auch Zuchttiere von ihrem Hof an. «Black Angus erlebt momentan einen regelrechten Boom in der Schweiz, und viele Bauern wollen auf diese Rasse umstellen», sagt er. Mit dem Verkauf von Tieren nehmen sie mittlerweile gleich viel ein wie mit dem Fleischverkauf.

Momentan weilt nur ein Viertel der etwa 90 Stück umfassenden Rinderherde auf dem Hof. «Der Grossteil der Tiere verbringt den Sommer jeweils auf der Alp Muotas im Engadin», sagt Eichenberger. Ein Freund, der ebenfalls Angus-Rinder hält, betreut sie dort. «Sie bleiben dann für etwa 100 Tage auf der Alp. So können wir Futter für den Winter sparen, und während der strengeren Sommermonate bedeutet es auch eine grosse Entlastung für uns.» Die hiergebliebenen Tiere müssen aber auch betreut werden.

Diesen Nachmittag steht das Trennen der Kälber von den Mutterkühen an. «Wir betreiben eine natürliche Mutterkuhhaltung. Das bedeutet, dass die Kälber erst nach zehn Monaten von ihren Müttern getrennt werden.» Dies sei nötig, damit die Kühe sich vor dem Kalben erholen können. Zusammen mit seiner Frau treibt er die vier Mutterkühe und rund zehn Kälber in eine Ecke der Weide, um dann eine Kuh nach der anderen von der kleinen Herde zu trennen und auf eine andere Weide zu schleusen. «Ich hatte zu Beginn schon ein wenig Respekt vor den Rindern und musste den Umgang mit ihnen erst lernen», sagt Barbara Eichenberger. Sie stammt aus einer Gemüsegärtner-Familie und ist gelernte Topfpflanzengärtnerin.

Als sie 1993 den Hof übernahmen, mussten sie im Vorfeld nicht gross darüber diskutieren. «Es half sicherlich auch, dass Barbara ihren Wochenmarkt weiterführen konnte», sagt Eichenberger. Denn nebst dem Betriebszweig der Angus-Rinderzucht hat die Familie Eichenberger noch zwei weitere Standbeine. Eines davon sind die Wochenmärkte, die sie regelmässig besuchen. Am Donnerstag steht ihr Stand jeweils am Muulaffemärt in Urdorf, am Samstag am Wochenmarkt in Bremgarten. «Dort verkaufen wir nicht nur unsere Mostbröckli, sondern auch Früchte und Gemüse, das wir am selben Tag am Engros-Markt in Zürich von regionalen Produzenten beziehen.» Die Marktaktivitäten manage mehrheitlich seine Frau, sagt Eichenberger. Er gehe mit zum Einkaufen und helfe beim Aufstellen, während Barbara Eichenberger und weitere Verkäuferinnen die Marktarbeit übernehmen. «So teilten wir schon zu Beginn die Aufgaben unbewusst auf. Mittlerweile haben wir beide unsere Ressorts und helfen dem anderen, wenn es nötig ist. Denn ganz alleine geht es meistens nicht.» Das dritte Standbein bilden die Events in der alten Scheune. Begonnen habe es mit dem 1. August-Brunch, und es seien dann immer mehr dazugekommen. «Ein Höhepunkt ist sicherlich das Hof-Theater, das am 20. August bereits zum achten Mal stattfindet.» Dabei führt eine Theatergruppe in der neuen Scheune ihre Vorstellung auf, und die Familie Eichenberger tritt als Gastgeberin auf. «Natürlich gibt es beim Essen in der alten Scheune für die Gäste dann auch unser Angus-Beef», sagt er.

Mindestens zweimal im Jahr geht es in die Ferien

Mit seiner Eherfrau und Arbeitspartnerin besuchte Eichenberger 2004 einen Unternehmerkurs, der für ihren Hofbetrieb entscheidend war. «Dieser Kurs half uns extrem weiter, und wir entwickelten dort auch eine Vision für unseren Hof», sagt er. Sie behielten die Rinderzucht, die Wochenmärkte und die Anlässe in der Scheune bei und strichen alles, was die Lebensqualität und Freude zu kurz kommen liess. «Damals entstand auch der Entscheid, einen neuen Stall zu bauen und den Hof zu vergrössern.» Das sei in der heutigen Zeit nicht üblich, denn viele Bauern hätten mit der momentanen wirtschaftlichen Situation zu kämpfen. «Gerade Milchbauern, die immer weniger verdienen und hohe Kosten stemmen müssen, plagen berechtigte Existenzängste.»

Solche habe die Familie Eichenberger nicht. Das liege laut Eichenberger auch daran, dass sie mehrere Standbeine hätten und direkt vermarkten würden. Falls es dennoch einmal so weit sein sollte, gäbe es bestimmt eine andere Lösung, ist sich seine Frau Barbara sicher. «Manchmal muss man eben flexibel sein.» Ihr Mann fügt an: «Die einzige Konstante in der Landwirtschaft ist die Veränderung.» Das zeige sich an den verschiedenen Arbeiten, die sich mit den Jahreszeiten ändern, aber noch vielmehr an der Landwirtschaftspolitik. Diese ändere sich stetig. Da sei es manchmal schwierig, sich umgehend anzupassen. «Gerade bei Bestimmungen zur Biodiversität und Artenvielfalt bemerkt man die vermehrte Bürokratisierung unseres Berufs», sagt Eichenberger, bei dem 17 Prozent des Landes aus Ökowiesen bestehen. Er habe aber gelernt, praxisfremde Regelungen mit Humor zu nehmen und nicht mehr alles mitzumachen. Eine weitere Veränderung in der Landwirtschaft sei die Intensivierung. «Früher wirtschafteten auf dem Oberen Schönenberg fünf bis sechs Bauern mit ihren Knechten und Angestellten. Heute sind wir gerade noch zwei Landwirte ohne Angestellte und bewirtschaften eine grössere Fläche als früher die fünf bis sechs Bauern zusammen.»

Um dieser Hektik eine Weile zu entfliehen, versucht die Familie Eichenberger schon seit eh und je, mindestens zweimal im Jahr in die Ferien zu reisen. «Wenn man wirklich Freizeit will, muss man weg vom Hof. Denn hier haben wir selten Freizeit», sagt Eichenberger. Früher schauten die Eltern oder Freunde und Geschwister während der Abwesenheit auf den Hof. Mittlerweile erledige das auch ihr Sohn. Dieser hat nach der Lehre zum Landmaschinenmechaniker nun auch die Landwirtschaftslehre in Muri und auf dem eigenen Hof absolviert. So fand er auch Gefallen am elterlichen Betrieb. «Das freut mich natürlich sehr», sagt Eichenberger. Der nächste Schritt wäre dann sein Einstieg in das Geschäft. «Bis dahin wollen wir unsere Tätigkeiten weiterführen. Wir sind aber immer offen für Neues.»