Als der Autor Robert Seethaler vor sechs Jahren seinen Roman «Der Trafikant» veröffentlichte, waren nicht nur die Kritiker begeistert: Die Geschichte des jungen Mannes Franz Huchel, der im Wien der späten 30er Jahre als Trafikant jene Zeit erlebt, als Österreich an das Deutsche Reich angebunden wurde, eroberte die Bestseller-Listen im Sturm.

Seethaler beschreibt nicht nur die Auswirkungen des Nationalsozialismus, sondern bietet auch bewegende Einblicke in das Seelenleben des Protagonisten, in dem die erste grosse – und unerfüllte – Liebe eine bedeutende Rolle spielt. Der in Dietikon lebende Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart bringt nun in Zusammenarbeit mit dem Sogar Theater im Zürcher Kreis 5 eine gespielte szenische Fassung auf die Bühne.

«Ich schätze Robert Seethaler sehr und ‹Der Trafikant› überzeugt nicht nur auf der inhaltlichen Ebene, sondern auch durch die kunstvoll verdichtete Sprache», sagt Müller-Drossaart. Die Analyse eines jungen Menschen zwischen Liebe und Krieg vermittle ganz universelle Werte. Als er die Anfrage erhielt von Peter Brunner, dem Leiter des Sogar Theaters, um ein neues Stück zu erarbeiten, dachten beiden sofort an «Der Trafikant». «Das Buch eignet sich in seiner theatralen Art für die Bühne», so Müller-Drossaart. Also kreierte er daraus ein «bildhaftes Hörspieltheater», wie er sagt.

Lust machen aufs Lesen

Es ist nicht das erste Mal, dass «Der Trafikant» adaptiert wurde. Autor Seethaler verfasste eigens eine Bühnenfassung, die kürzlich im Theater Winterthur zu sehen war, und im November soll eine aufwendige Verfilmung mit Bruno Ganz in die Kinos kommen. Müller-Drossaart betont, dass seine Bearbeitung nicht den ganzen Roman umfassen kann. «Der Trafikant dauert in der integralen Hörbuchfassung sechseinhalb Stunden, mir stehen aber ‹nur› 90 Minuten zur Verfügung.» Viel eher will er Lust auf das Lesen des Romans machen und konzentriert sich auf ausgewählte Kapitel, die in einem dramatischen Monolog dargeboten werden. «Es ist eine Herausforderung, da ich verschiedenen Figuren meine Stimme leihe.»

Vor der Premiere probt Müller-Drossaart noch im Stadtkeller Dietikon. «Ich lebe schon lange in Dietikon und bin der Stadt sehr verbunden, nicht zuletzt als Kulturpreisträger 2009. Die Bühne des Stadtkellers eignete sich gut für die Proben und ich freue mich, dass sie mir zur Verfügung steht.» Zusammen mit dem Regisseur Buschi Luginbühl feilt er dort an seinen Sätzen und spielt sich im sparsamen Bühnenbild ein. «Wir haben eine Trafikanten-Tür und Bild-Projektionen, die mein Spiel mit den diversen Figuren des Romans unterstützen», sagt Müller-Drossaart.

An sieben Abenden wird «Der Trafikant» in Zürich zu sehen sein. Das Stück ist auch eine Jubiläumsproduktion für das Theater, das sein 20-jähriges Bestehen feiert. «Seethaler hat mit seinem Roman ein fantastisches Stück Literatur geschaffen. Dass Hanspeter Müller-Drossaart daraus einen Erzähltheaterabend geschaffen hat, passt hervorragend zu uns», sagt Peter Brunner. Er und sein Team haben ihre Bühne als literarisches Kleintheater weit über Zürich hinaus etabliert.

Für Brunner ist es jedoch die letzte Saison als Theaterleiter und «Der Trafikant» wird auch eine der letzten seiner Produktionen sein. «Stellenweise bin ich melancholisch, aber es ist auch ein befreiendes Gefühl, weil ein schöner Lebensabschnitt seinen Abschluss findet und Neues wartet.»

Ballenberg und Bildband

Im Herbst wird Müller-Drossaart mit «Der Trafikant» auch auf Tournee gehen. Bis dahin wartet auf ihn eine ereignisreiche Zeit. Neben Moderationen, Gastrollen und weiteren Lesungen wird er im Sommer beim Landschaftstheater Ballenberg in «Steibruch – Zrugg us America» die Hauptrolle spielen. Müller-Drossaart hat das Stück von Albert J. Welti für die Neu-Inszenierung zudem selbst bearbeitet. «Es ist ein grosses Projekt, dass wir dort auf die Beine stellen. Und es ist eine Ehre für mich, in die Fusstapfen des grossen Schweizer Volksschauspieler Heinrich Gretler zu treten, der diese Rolle 1942 verkörperte.»

Auch tritt Müller-Drossaart wieder als Autor in Erscheinung: Im Mai erscheint sein zweiter Lyrik-Band mit dem Titel «gredi üüfe». Darin präsentiert er auf rund 130 Seiten Gedichte in Urner Mundart. «Ich stamme zwar aus Obwalden, aber zur Schule ging ich in Uri, weswegen auch der Urner-Dialekt meine Sprache geformt hat.» Dem Gedichtband liegt eine Hör-CD mit allen Texten bei; selbstverständlich von Müller-Drossaart gelesen.