Einen alten Baum verpflanzt man nicht: Diese Redensart erlebt zurzeit einen zweiten Frühling, als viel zitierte Kritik an der Versetzung der berühmten Buche von Schlieren, die ihren Platz räumen musste für die Limmattalbahn und den neuen Stadtplatz. Diese Züglete hat der Baum nicht überstanden. Er stirbt und soll, auch aus Sicherheitsgründen, gefällt werden, wie die Stadt Schlieren am Donnerstag bekannt gab.

Am Freitagnachmittag hat sich nun auch die IG Blutbuche zu Wort gemeldet. In ihrer Pressemitteilung ist die Rede von mehreren «kapitalen Fehlern». So sei die Bewässerung des Baumes zwar mit gutem Willen, aber «völlig unzureichend und nicht sachgemäss» vorgenommen worden.

Der Schlieremer Bauvorstand Stefano Kunz (CVP) hatte am Donnerstag eingeräumt, dass der Wurzelballen zu wenig Wasser habe aufnehmen können. «Hätte man der Buche bei der Versetzung einen grösseren Wurzelballen mitgegeben, wäre dies wohl kein Problem gewesen», sagte er zur Limmattaler Zeitung.

Die IG schreibt nun, dass eine von ihr eingeholte Konkurrenzofferte einen doppelt so grossen Wurzelballen für die Baum-Versetzung empfohlen habe. Aus Sicht des Stadtrats war das wegen des maximal möglichen Transportgewichts bei der Versetzung um 170 Meter aber gar nicht möglich.

«Wurzeln einfach gekappt»

«Wurzeln in Armstärke wurden einfach gekappt» wegen der zu kleinen Dimension des Wurzelballens, hält die IG nun fest. Auch schreibt sie, dass dem Baum «eine unverzichtbare Vorlaufzeit für die Wundheilung und die Bildung lebensnotwendiger Feinwurzeln» nicht gewährt worden sei. Zudem habe die Baumversetzung im Zuge der Limmattalbahn-Bauarbeiten, damals im Februar 2018, in der falschen Jahreszeit stattgefunden.
Diesen Vorwurf lässt Bauvorstand Kunz nicht gelten. «Es wäre unverantwortlich gewesen, länger zu warten. Jeder Tag Verspätung kann bei so einem grossen Projekt schnell mal zusätzlich 100'000 Franken mehr kosten.»

Weiter sei es ein Fehler gewesen, dass die Stadt der Firma BMB Group Gelegenheit gegeben habe, «sich elegant und ohne Garantien für die Zukunft aus der Verantwortung zu schleichen». Die Konkurrenz hätte alle Garantien übernommen, auch eine Ersatzpflanzung, sagt die IG, die mit einer Petition 4600 Unterschriften für die Rettung der Buche gesammelt hatte.

Die IG fordert nun, dass die Buche stehen bleibt: «Die ursprünglich genannte Karenzzeit von etwa fünf Jahren soll eingehalten werden. Es sind sämtliche nur denkbaren Massnahmen zu treffen, um dem Baum doch noch eine Überlebenschance zu geben. Sicherheitsvorbehalte können wir nicht gelten lassen. Durch geeignete Baumpflege wie Zurückschneiden von toten Ästen kann man vorbeugen. Wenn die Buche total absterben sollte, soll der Rest als Mahn- und Denkmal stehen bleiben, eventuell umgearbeitet zu einer einfachen Skulptur.» Weiter erwähnt die IG einen Verdacht, dass die Buche weichen müsse, weil die paar Quadratmeter für eine Installation des Schlierefäschts beansprucht werden würden. «Wir fällen den Baum nicht wegen des Schlierefäschts», sagt Kunz. Es gehe um Sicherheitsbedenken, und diese seien völlig unabhängig vom Fest. Bei einem Gespräch mit der IG habe er erwähnt, dass eine Bühne in der Nähe des Baums zu stehen kommt, sagt Kunz als mögliche Erklärung für das Gerücht.

Getroffen hatten sich die Verantwortlichen der Stadt und Mitglieder der IG Blutbuche am Donnerstag. Nach dem Gespräch mit der IG Blutbuche sei man so verblieben, dass die Stadt nun mögliche Varianten für ein weiteres Vorgehen überlege und anschliessend ein weiteres Treffen stattfinde, erklärt Kunz. So seien etwa Optionen diskutiert worden, wie das Holz zu Tischen und Bänken für den Stadtpark zu verarbeiten. Auch die in der Mitteilung erwähnte Idee, den Bau als Mahnmal oder Skulptur stehen zu lassen, sei aufgekommen. «Das ist grundsätzlich eine Variante, die wir prüfen», sagt Kunz. Man müsse sich aber überlegen, ob es nicht mehr Sinn mache, stattdessen neue Bäume zu pflanzen. «Statt eines abgestorbenen Baums bevorzuge ich neue Bäume, die das Leben charakterisieren», sagt er.

Trotz des gemeinsamen Treffens überrascht Kunz die Pressemitteilung nicht, die der Stadt «kapitale Fehler» vorwirft. «Ich kann nachvollziehen, dass die Verantwortlichen bei diesem hochemotionalen Thema ihre Position nochmals so klar darlegen wollen.» Es sei sicher schwierig, zur Kenntnis zu nehmen, dass der Baum am Absterben ist. Aber man habe im Vorfeld verschiedene Experten konsultiert und alle hätten eine Fällung empfohlen.
Er hoffe aber weiter auf einen guten Dialog und dass die Vertreter der IG offenblieben, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Der Dialog ist jetzt auch öffentlich lanciert.