Pfarrer Willi Honegger

Drastische Reduktion der Kirchgemeinden: «Jetzt sind alle hellwach»

Reformierte Kirche Dietikon. Wie viele Kirchgemeinden werden verschwinden?

Reformierte Kirche Dietikon. Wie viele Kirchgemeinden werden verschwinden?

Pfarrer Willi Honegger hält eine drastische Reduktion der Kirchgemeinden für keine gute Idee. Die Diskussion darüber befürwortet er aber. Und das ist nicht alles.

Willi Honegger, Pfarrer von Bauma, hält den Vorschlag des Kirchenrats zur Reduktion von 174 auf 40 reformierte Kirchgemeinden im Kanton für einen Holzweg. Als Weckruf sei er aber nötig gewesen.

Herr Honegger, vor zwei Wochen hat der reformierte Kirchenrat einen Vorschlag präsentiert, wie sich die Kirchgemeinden aufteilen könnten. Was halten Sie davon?

Willi Honegger: Das ist ein wertvoller Startschuss. Jetzt sind alle hellwach. Es ist das Verdienst des Kirchenrates, dass er den Mut hatte, anzusprechen, dass es nicht mehr weitergeht, wie bisher. Würde man den Vorschlag aber so durchpauken wie er vorliegt, befürchte ich, dass man am Schluss sagen muss: Operation gelungen, Patient gestorben.

Sie fürchten, dass die Bevölkerung nicht mitmacht?

In der Kirche basiert vieles auf freiwilligem Engagement. Man kann den Glauben den Menschen nicht näher bringen, wenn man die Kirche von ihnen entfernt. Die Situation lässt sich vergleichen mit einem Stück Brot: Jetzt hat man weniger Butter und verstreicht diese dünner. Am Ende ist sie nur noch in homöopathischer Dosierung vorhanden.

Was wäre die Alternative?

Vielleicht wäre es gar nicht so schlimm, wenn kleine Kirchgemeinden eine Zeit lang auf kleiner Flamme brutzeln müssten. Wenn eine Gemeinde selber zur Überzeugung kommt, dass sie ihren Auftrag nicht mehr alleine erfüllen kann und sich einer anderen anschliessen muss, ist das gut. Aber wenn man von oben herab entscheidet, welche Gemeinde taugt und welche nicht, wird man falsch entscheiden.

Der Kirchenrat will den Gemeinden nicht vorschreiben, was sie tun müssen.

Nein, aber durch solche Fusionen wird alles regionalisiert und professionalisiert. Es wird mehr kosten, und viele haben die Nase voll von der Professionalisierung.

Man sollte also auf Freiwillige setzen, alles belassen wie es ist und schauen, wer überlebt?

Das Sterben einer Kirchgemeinde da und dort kann eine heilsame Wirkung haben. Es wird sich zeigen, wo etwas lebt und wo nicht.

Ist es nicht unsolidarisch, den Nachbarn verhungern zu lassen?

Man lässt ihn nicht verhungern. Er muss anfragen, ob man ihm helfen könnte. Ich glaube, die Zeiten ändern sich wieder. Viele haben das Bedürfnis, etwas zu tun, das nicht nur materiell zählt. Jeder merkt, dass stürmische Zeiten auf uns zu kommen. Man wird rufen nach Geborgenheit, Vertrautheit. Das werden nicht professionelle Fachleute und regionale Zentren bieten können.

Um dieser Entwicklung gerecht zu werden, muss man stehenbleiben, wo man ist?

Man wird nicht stehenbleiben. Aber der Vorschlag ist wie eine hoheitliche Kommandoaktion von oben nach unten. Bei der Zürcher Landeskirche liegt fast die gesamte Autonomie bei den Kirchgemeinden. Ich bin der Überzeugung, dass Gemeinden von unten innovativer und origineller sind als Schreibtischentwürfe von oben. Das eine schliesst das andere ja nicht aus.

Der Kirchenrat hat lange gewartet, bis ein Vorschlag von oben gekommen ist. Jetzt kommt ein starker Gestaltungswille hinein, das Ganze zu zentralisieren. In der reformierten Kirche gibt es aber kein Wir-Gefühl, das über das Dorf hinausgeht. Die Zugehörigkeit zur Kirche hat mit der Zugehörigkeit zum Dorf zu tun.

Soll man die Prozesse einfach laufen lassen?

Durch den Finanzausgleich lässt sich vieles steuern. Finanzschwache Gemeinden, wie auch Bauma, erhalten einen Ausgleich. Den kann man nicht kontinuierlich erhalten. So zeigt sich bald, wer Wege findet, anderes Geld zu generieren oder wer zu einem Zusammenschluss bereit ist. Die Basis ist da sehr originell. Aber auch sehr langsam. Für das Tempo des Kirchenrats gibt es ja äusseren Druck: der Mitgliederschwund und die finanzielle Planungssicherheit.

Dahinter steht zu viel Angst vor dem Bedeutungsverlust der Kirche. Aber Angst war noch nie das Baumaterial für den christlichen Glauben. Seit 2000 Jahren ist die Kirche am Untergehen und dennoch lebt sie. Vielleicht finden sich viele nicht mehr in den reformierten Strukturen wieder, sondern etwa in Freikirchen oder in der Esoterik. Wir kommen jetzt in den rauen Wind des freien Marktes hinein. Wir waren Jahrhunderte lang durch das Staatskirchentum geschützt. Es würde uns befreien, zu sagen: Wir haben das Monopol nicht mehr. Aber mit der Kirchgemeinde-plus-Vorlage beansprucht man immer noch das gesamte Kantonsgebiet.

Wird die Synode am 5. Juli die Anträge des Kirchenrats annehmen oder nicht?

Es steht auf Messers Schneide. Und deswegen ist es noch nicht reif. In der Kirche hat eine so epochale Reform nur Zukunft, wenn eine grosse Mehrheit überzeugt ist davon. Es sieht momentan nicht danach aus. Um der alten Dame Landeskirche ein neues Kleid zu schneidern, braucht es vielleicht mehr als einen Versuch.

Der Spielraum für Veränderungen ist bei diesem Versuch aber noch vorhanden.

Theoretisch ja. Aber wenn man auf dem Holzweg ist, ist Umkehren der kürzeste Weg.

Ist es ein Holzweg?

Im Moment ja. Zwar ein edler, der mit guten Absichten eingeschlagen wurde. Am Anfang war ich recht begeistert, dass sich kleine Gemeinden die Frage der Fusion stellen müssen. Aber unterdessen sollen sich ganze Bezirke zusammenschliessen. Das ruft nach riesigen Administrationen. Davor graut es mir. Es kommt fast nicht darauf an, wie die Synode entscheidet: Wenn sie knapp dafür ist, wird es nicht funktionieren. Wenn sie knapp ablehnt, ist Kirchgemeinde plus erst mal Altpapier. Aber der Prozess wird in den Regionen weitergehen.

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