Findeldinger
Dolce far niente

Martin von Aesch
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Martin von Aesch ist Autor und Musiker. Er lebt in Schlieren.

Martin von Aesch ist Autor und Musiker. Er lebt in Schlieren.

Zur Verfügung gestellt

Ich liebe Sonntage. Erst ausschlafen, dann einen tollen Brunch zubereiten, anschliessend gemütlich während längerer Zeit am Esstisch sitzen, wenn möglich in guter Gesellschaft, um nachher bis gegen Abend die Seele baumeln zu lassen. Ganz nach dem Lust-und-Laune-Prinzip. Sich zum Beispiel mit einem guten Buch aufs bequeme Sofa legen oder wieder einmal ein Museum besuchen. Mit anderen Worten: Am Sonntag ist die ganz grosse Entschleunigung angesagt. Wenigstens bei mir.

Natürlich weiss ich, dass viele ihre Prioritäten komplett anders setzen. Für einige ist der Sonntag sogar der Tag, an dem es richtig zur Sache gehen muss. Was ich nur mit einem leisen Kopfschütteln quittieren kann. Trotzdem gibt es sie, diese Ruhelosen. Und zwar zuhauf. Am letzten Sonntag zum Beispiel waren gleich gegen 9000 dieser Spezies zu bestaunen. Wo? Am Start des Zürcher Marathons. Sie alle gingen am Samstag bestimmt zeitig zu Bett, denn sie wussten, was am nächsten Morgen angesagt war: spätestens um vier aufstehen, dann gleich sehr viel essen, damit man nicht in einen Hungerast läuft, nachher massieren, was das Zeug hält, um spätestens um halb acht im Startgelände zu sein, damit man sich einen guten Startplatz ergattern kann. Und dann folgten 42 Kilometer des Leidens. Von Zürich nach Meilen und zurück. Immer dem See entlang. Wobei wohl kaum jemand die Musse hatte, die Landschaft zu geniessen.

Für mich ist die Teilnahme an einem solchen Lauf eine echte Horrorvorstellung. Aber noch etwas anderes geht mir nicht in den Kopf. Da haben sich die Verantwortlichen der Zürcher Verkehrsbetriebe derart viel Mühe gegeben, den ganzen Kanton bis in den letzten Winkel zu erschliessen! Warum also neben dem Bahntrassee nach Meilen laufen? Mir kommt das so vor, wie wenn man direkt unter der Gondelbahn einen Berg hochgeht.

Zur Information: Die Fahrt vom Zürcher Hauptbahnhof nach Meilen dauert 16 Minuten und kostet Fr. 4.40. Seht Ihr, liebe Läuferinnen und Läufer, es ginge einfacher.

Noch etwas gibt mir Rätsel auf! Da läuft man von Zürich nach Meilen, macht dort kehrt, um sich gleich wieder nach Zürich zurückzuquälen. Das ist doch ein Umweg. Ein riesiger zudem. Vielleicht gehören Sie aber zu denjenigen, die behaupten, der Weg sei das Ziel. Dann lassen Sie sich gesagt sein: In jedem Rennen ist das Ziel das Ziel. Wer also nach Zürich will, soll sich dorthin begeben, und nicht erst die Schlaufe über Meilen laufen.