Interview
Dietiker Pfarrer Adrian Sutter im Interview: «Der Glaube wird immer mehr verdrängt»

Der katholische Dietiker Pfarrer Adrian Sutter sagt im Interview, wie die Weihnachtsgottesdienste manchen Nichtpraktizierenden überfordern und was Weihnachten mit Disneyland zu tun hat.

Leo Eiholzer
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Adrian Sutter (48) ist seit diesem Juni katholischer Pfarrer in Dietikon.

Adrian Sutter (48) ist seit diesem Juni katholischer Pfarrer in Dietikon.

Alex Spichale

Es ist bereits weit nach Feierabend. Die katholische Kirche St. Agatha in Dietikon liegt im Dunkeln, als Adrian Sutter die «Limmattaler Zeitung» empfängt. Sutter hat einen vollen Terminkalender. «Viele Beerdigungen», sagte seine Mitarbeiterin am Telefon. Der Pfarrer nimmt sich Zeit, um über Erfreulicheres zu reden: Weihnachtstraditionen im Jahr 2017.

Herr Pfarrer Sutter, wie viele Menschen sehen Sie eigentlich an Heiligabend das einzige Mal im Jahr?

Adrian Sutter: Ich sage den Leuten zwar immer, ich mache Kreuzchen, wenn sie in die Kirche kommen, aber eine genaue Zahl kann ich natürlich nicht sagen. Es gibt sicher einige, die ich nur an Heiligabend sehe.

Bei unserer Strassenumfrage (siehe unten) haben viele Befragte gesagt, sie gingen an Heiligabend in die Kirche, obwohl sie nicht wirklich gläubig sind. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Man hat frei und es ist schön in der Kirche. Nein im Ernst: Ich denke, das ist ein bisschen, wie wenn die Schweiz die Fussball-WM gewinnen würde. Dann würden auch die Schweizer, die nichts mit Fussball am Hut haben, teilhaben. Auch Menschen, die sonst nicht praktizierend sind, haben offensichtlich das Gefühl, dass ein Kirchenbesuch irgendein Bedürfnis von ihnen stillen oder ihnen Freude geben kann.

Wie verändert sich der Gottesdienst, wenn viele Nichtpraktizierende dabei sind?

Für mich ist das natürlich insofern herausfordernd, als dass Weihnachten für unseren Glauben ein sehr grosses Fest ist. Deshalb wollen wir natürlich ein wenig mehr feiern als bei normalen Messen. Man nimmt den Weihrauch hervor, man singt zwei Strophen mehr bei den Liedern, vielleicht ist noch der Chor dabei. Alles ist ein bisschen grösser und dauert ein bisschen länger. Auf der anderen Seite ist das für die Leute, die nur einmal pro Jahr in die Kirche kommen, eine Überforderung. Die sagen, «jetzt komme ich einmal und dann geht es noch so lang.» Sie haben es dann lieber kurz und knackig, weil es für sie diese andere Bedeutung hat.

 Die katholische Kirche St. Agatha in Dietikon

Die katholische Kirche St. Agatha in Dietikon

Christian Murer

Welche Traditionen sind denn für diese Menschen besonders wichtig?

Bei uns zum Beispiel am Schluss der Mitternachtsmesse, wenn alle Lichter gelöscht sind, man eine Kerze in der Hand hält und «Stille Nacht, Heilige Nacht» singt. Das ist eine der Traditionen, bei denen man sich irgendwo angenommen fühlt und merkt, dass das alle gemeinsam anspricht. Damit erlebt man das Miteinander, von dem wir auf der Welt zu wenig haben. Das will man an Weihnachten ja auch in der Familie, was aber dann für viele auch eine zu grosse Herausforderung ist, weil sie viel zu hohe Erwartungen haben. Heute ist das umso schwieriger, weil wir das Miteinander kaum mehr üben.

Also wird die Tradition eigentlich zum Fluch der Überforderung.

Traditionen können eine Überforderung sein, ja. Die Frage ist dann auch immer, um was es den Menschen geht. Der Glaube wird immer mehr aus der Gesellschaft verdrängt. Wir wollen politisch korrekt sein, wollen niemandem unseren Glauben aufzwingen. Deshalb hat der Glaube immer weniger Platz in der Gesellschaft. Man redet nicht mehr von «schönen Weihnachten» und sagt lieber «schöne Festtage».

Wie äussert sich das?

Es geht in der Öffentlichkeit nicht mehr um das Jesus-Kind, sondern irgendwie um das Rentier Rudolf. Aber eigentlich feiern wir den Geburtstag von Christus. Dieser wird von der Gesellschaft aber oft nicht eingeladen. Christus ist kein willkommener Freund, sondern ein tolerierter Gast, der ja nicht zu viel Einfluss auf unser Leben haben darf.

Wenn Sie als Pfarrer durch die Strasse laufen, haben Sie das Gefühl, die Leute wissen noch, was man an Weihnachten feiert?

Mir ist ja vor allem wichtig, dass man überhaupt feiert. Wenn man aber nicht weiss, was man eigentlich feiert, ist man vom ursprünglichen Sinn natürlich ein wenig weiter weg. Die Weihnachtstage sind nach wie vor nationale Feiertage, aber ein zunehmender Prozentsatz der Schweizer betrachtet sich nicht mehr als Christen.

Eine Tradition ist es für diese Leute aber trotzdem.

Ja, es gibt ihnen auch Freude. Sie feiern etwas, aber halt nicht das, was wir ursprünglich feierten. Sie finden die Weihnachtsbeleuchtung an der Bahnhofstrasse romantisch. Ein bisschen Disneyland, für sie hierhergeholt.

Gibt es denn in ihrem Umfeld Geschenke? Wichtelt man hier im Dietiker Pfarramt gar?

Geschenke gibt es, ja. Ich verschenke am liebsten Wein, den kann man trinken. Wir wichteln nicht, obwohl ich es für eine gute Sache halte, weil man einfach einen Namen zieht und etwas schenkt. So wird das Ganze auch dekommerzialisiert. Schenken ist zwar etwas Schönes und zutiefst Christliches, aber 90 Prozent der Geschenke sind überflüssig. Wenn das Geschenk tatsächlich die ersten zwei Wochen überlebt, verstaubt es oft im Schrank. Der Druck in der Weihnachtszeit, dass man fast nicht ohne Geschenk auf Besuch kommen kann, fällt beim Wichteln weg.

Adrian Sutter (48) ist seit diesem Juni katholischer Pfarrer in Dietikon.

Strassenumfrage

Wie feiern Sie Weihnachten?

Jolanda Baltensperger, 30, Dietikon Wir feiern mit der Familie zu Hause Weihnachten. Neben den Geschenken haben wir auch einen Christbaum und wir kochen ein Festmenü. Jesus ist für uns auch sehr wichtig. Meine Tochter macht bei einem Weihnachtsspiel der reformierten Kirche mit. Das gehen wir an Heiligabend natürlich schauen.
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Tina, 15 Birmensdorf Wir fahren an Weihnachten in die Berge. Dort haben wir einen Weihnachtsbaum und Geschenke. Zum Essen gibt es einen Braten oder sonst ein weihnachtliches Menü. In die Kirche gehen wir nicht. Meiner Grossmutter zuliebe werden wir aber Weihnachtslieder hören.
Melvin Berisha, 16 Dietikon Die ganze Familie findet sich mit den Tanten und Cousins ein. Wir versammeln uns im Wohnzimmer und beschenken uns mit Schokolade. Einen Tannenbaum haben wir aber nicht. Als Menü bereiten wir Pita, eine bosnische Spezialität, zu. Später gehe ich vielleicht noch mit Kollegen raus.
Marina Birrer, 30 Weiningen Am 24. Dezember fahre ich mit meinem Bruder und den Eltern nach Einsiedeln. Schon am nächsten Tag besucht uns dann die ganze Verwandtschaft in der dortigen Ferienwohnung. Wir sind sicher 40 bis 50 Leute. Serviert werden belegte Brote, auch gibt es einen Tannenbaum und Geschenke. Mein Vorschlag für nächstes Jahr ist, dass wir wichteln.
Tsige Mengstab, 27 Dietikon An Weihnachten treffe ich mich mit Freundinnen und wir gehen in ein Restaurant fein essen. Anschliessend besuchen wir die Kirche, wo wir singen und beten, denn ich bin im Kirchenchor. An den Weihnachtsmärkten habe ich Geschenke gekauft, die ich nach Hause schicke. Derzeit habe ich noch keinen Weihnachtsbaum, aber ich will mir einen kaufen.
Elisabeth Meier, 72 Urdorf Wir feiern sehr traditionell und es gehört sicher ein Kirchenbesuch dazu. An Heiligabend sind mein Mann und ich bei unserer Tochter. Ein grosser Baum mit echten Kerzen wird aufgestellt und dort lesen wir einen kurzen Bibeltext. Seit wir eine Enkelin haben, machen wir uns auch wieder Geschenke. Sie bringt uns immer in Weihnachtsstimmung.
Corinne Gilg, 50 Dietikon An Weihnachten lade ich meine Familie ein und wir essen gemeinsam Znacht. Später gehen wir in den Gottesdienst, wo ich im Kirchenchor mitsinge. Weihnachten ist für mich kein Fest der Geschenke, sondern es geht mir wirklich darum, dass Jesus geboren wurde.
Albert Wiedmann, 60 Erlenbach Wir feiern Weihnachten ganz herkömmlich, bis auf den Weihnachtsbaum – der ist elektrisch. Die ganze Familie kommt zusammen: meine Mutter, die Kinder, alle. Bei Weihnachtsmusik essen wir Fondue chinoise. Hie und da singen wir auch ein Lied. Es ist einfach ein gemütlicher, schöner Abend.
Daniel Gerber, 50 Dietikon Weihnachten feiere ich am 25. Dezember mit Menschen aus verschiedenen Kulturen. Als Sozialdiakon bin ich für die Gesamtleitung eines entsprechenden Anlasses verantwortlich. Dieser beinhaltet einen Apéro und ein Essen. Lieder und Bibeltexte werden auch vorgetragen. Privat feiere ich nur im kleinen Rahmen.
Willi Karrer, 57 Dietikon An Heiligabend arbeite ich als Sigrist. Ich erinnere mich gut daran, als ich früher vor Messebeginn zwei- bis dreihundert Kerzen am Baum anzünden musste. Heute läuft das elektrisch. Jetzt ist es möglich, dass ich an Heiligabend auch meine Kinder einlade. Mein Stellvertreter übernimmt dann meine Rolle in der Messe als rechte Hand des Pfarrers.

Jolanda Baltensperger, 30, Dietikon Wir feiern mit der Familie zu Hause Weihnachten. Neben den Geschenken haben wir auch einen Christbaum und wir kochen ein Festmenü. Jesus ist für uns auch sehr wichtig. Meine Tochter macht bei einem Weihnachtsspiel der reformierten Kirche mit. Das gehen wir an Heiligabend natürlich schauen.

Christian Tschümperlin