Es ist bereits weit nach Feierabend. Die katholische Kirche St. Agatha in Dietikon liegt im Dunkeln, als Adrian Sutter die «Limmattaler Zeitung» empfängt. Sutter hat einen vollen Terminkalender. «Viele Beerdigungen», sagte seine Mitarbeiterin am Telefon. Der Pfarrer nimmt sich Zeit, um über Erfreulicheres zu reden: Weihnachtstraditionen im Jahr 2017.

Herr Pfarrer Sutter, wie viele Menschen sehen Sie eigentlich an Heiligabend das einzige Mal im Jahr?

Adrian Sutter: Ich sage den Leuten zwar immer, ich mache Kreuzchen, wenn sie in die Kirche kommen, aber eine genaue Zahl kann ich natürlich nicht sagen. Es gibt sicher einige, die ich nur an Heiligabend sehe.

Bei unserer Strassenumfrage (siehe unten) haben viele Befragte gesagt, sie gingen an Heiligabend in die Kirche, obwohl sie nicht wirklich gläubig sind. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Man hat frei und es ist schön in der Kirche. Nein im Ernst: Ich denke, das ist ein bisschen, wie wenn die Schweiz die Fussball-WM gewinnen würde. Dann würden auch die Schweizer, die nichts mit Fussball am Hut haben, teilhaben. Auch Menschen, die sonst nicht praktizierend sind, haben offensichtlich das Gefühl, dass ein Kirchenbesuch irgendein Bedürfnis von ihnen stillen oder ihnen Freude geben kann.

Wie verändert sich der Gottesdienst, wenn viele Nichtpraktizierende dabei sind?

Für mich ist das natürlich insofern herausfordernd, als dass Weihnachten für unseren Glauben ein sehr grosses Fest ist. Deshalb wollen wir natürlich ein wenig mehr feiern als bei normalen Messen. Man nimmt den Weihrauch hervor, man singt zwei Strophen mehr bei den Liedern, vielleicht ist noch der Chor dabei. Alles ist ein bisschen grösser und dauert ein bisschen länger. Auf der anderen Seite ist das für die Leute, die nur einmal pro Jahr in die Kirche kommen, eine Überforderung. Die sagen, «jetzt komme ich einmal und dann geht es noch so lang.» Sie haben es dann lieber kurz und knackig, weil es für sie diese andere Bedeutung hat.

Die katholische Kirche St. Agatha in Dietikon

Die katholische Kirche St. Agatha in Dietikon

Welche Traditionen sind denn für diese Menschen besonders wichtig?

Bei uns zum Beispiel am Schluss der Mitternachtsmesse, wenn alle Lichter gelöscht sind, man eine Kerze in der Hand hält und «Stille Nacht, Heilige Nacht» singt. Das ist eine der Traditionen, bei denen man sich irgendwo angenommen fühlt und merkt, dass das alle gemeinsam anspricht. Damit erlebt man das Miteinander, von dem wir auf der Welt zu wenig haben. Das will man an Weihnachten ja auch in der Familie, was aber dann für viele auch eine zu grosse Herausforderung ist, weil sie viel zu hohe Erwartungen haben. Heute ist das umso schwieriger, weil wir das Miteinander kaum mehr üben.

Also wird die Tradition eigentlich zum Fluch der Überforderung.

Traditionen können eine Überforderung sein, ja. Die Frage ist dann auch immer, um was es den Menschen geht. Der Glaube wird immer mehr aus der Gesellschaft verdrängt. Wir wollen politisch korrekt sein, wollen niemandem unseren Glauben aufzwingen. Deshalb hat der Glaube immer weniger Platz in der Gesellschaft. Man redet nicht mehr von «schönen Weihnachten» und sagt lieber «schöne Festtage».

Wie äussert sich das?

Es geht in der Öffentlichkeit nicht mehr um das Jesus-Kind, sondern irgendwie um das Rentier Rudolf. Aber eigentlich feiern wir den Geburtstag von Christus. Dieser wird von der Gesellschaft aber oft nicht eingeladen. Christus ist kein willkommener Freund, sondern ein tolerierter Gast, der ja nicht zu viel Einfluss auf unser Leben haben darf.

Wenn Sie als Pfarrer durch die Strasse laufen, haben Sie das Gefühl, die Leute wissen noch, was man an Weihnachten feiert?

Mir ist ja vor allem wichtig, dass man überhaupt feiert. Wenn man aber nicht weiss, was man eigentlich feiert, ist man vom ursprünglichen Sinn natürlich ein wenig weiter weg. Die Weihnachtstage sind nach wie vor nationale Feiertage, aber ein zunehmender Prozentsatz der Schweizer betrachtet sich nicht mehr als Christen.

Eine Tradition ist es für diese Leute aber trotzdem.

Ja, es gibt ihnen auch Freude. Sie feiern etwas, aber halt nicht das, was wir ursprünglich feierten. Sie finden die Weihnachtsbeleuchtung an der Bahnhofstrasse romantisch. Ein bisschen Disneyland, für sie hierhergeholt.

Gibt es denn in ihrem Umfeld Geschenke? Wichtelt man hier im Dietiker Pfarramt gar?

Geschenke gibt es, ja. Ich verschenke am liebsten Wein, den kann man trinken. Wir wichteln nicht, obwohl ich es für eine gute Sache halte, weil man einfach einen Namen zieht und etwas schenkt. So wird das Ganze auch dekommerzialisiert. Schenken ist zwar etwas Schönes und zutiefst Christliches, aber 90 Prozent der Geschenke sind überflüssig. Wenn das Geschenk tatsächlich die ersten zwei Wochen überlebt, verstaubt es oft im Schrank. Der Druck in der Weihnachtszeit, dass man fast nicht ohne Geschenk auf Besuch kommen kann, fällt beim Wichteln weg.

Adrian Sutter (48) ist seit diesem Juni katholischer Pfarrer in Dietikon.