Coronavirus

Dietiker Lehrer unterrichtet im Glarner Zirkuswagen – inklusive Online-Semesterprüfung

Der Dietiker Berufsschullehrer Philipp Wirth setzt das Fernlernen seit Unterrichtsverbot in Glarus um und betreut seine Schulklassen via Video-Chat.

Der Tödi präsentiert sich majestätisch vor dem strahlend blauen Himmel. Auf der Wiese neben dem Bahnhof des Glarner Dorfs Betschwanden reiht sich ein Zirkuswagen an den anderen. Die Tür des Anhängers «Pipi» steht offen. Ein Tisch und zwei Laptops kommen zum Vorschein. Vor ihnen sitzt Philipp Wirth. Er spricht gerade in ein schwarzes Mikrofon. Auf dem Bildschirm ist ein junger Mann zu sehen.

«Herr Wirth, ich erhalte die Rückmeldung nicht, um den Auftrag zu starten», sagt er. Der junge Mann ist einer von Wirths Schülern. Drei Klassen unterrichtet der Dietiker Berufsfachschullehrer seit dem Präsenzunterrichtsverbot aus dem Zirkuswagen. «Der hier ansässige Zirkus Mugg war so freundlich, mir den Anhänger als Homeoffice-Platz zu vermieten», sagt Wirth. Normalerweise nutzt der Zirkus die Wagen im Sommer für Kinderferienlager und Firmenevents.

Aus der Stadt ins abgelegene Ferienhaus geflohen

Wirth unterrichtet seit zehn Jahren Berufs- und Logistikfachkunde am Bildungszentrum Limmattal in Dietikon. Mit seiner Frau und den drei Kindern wohnt er in Zürich. Wieso der 38-Jährige das Fernlernen wortwörtlich nimmt, hat einen Grund. «Meine Familie besitzt ein Ferienhaus im Nachbardorf Rüti. Nach dem Ausbruch des Coronavirus sind wir hierher geflohen.» Die Stimmung in der Stadt sei angespannt gewesen, allen habe man aus dem Weg gehen müssen. «Hier haben wir unsere Ruhe, das Dorf ist abgelegen.» Da das Ferienhaus nur mit Solarstrom betrieben wird und er seine Laptops dort nicht laden kann, suchte Wirth nach einem Arbeitsplatz in der Nähe.

Der Fernunterricht aus dem Glarnerland läuft bisher gut. Wirth tauscht sich mit den Klassen über die Plattform Microsoft Teams aus, chattet oder führt Video-Konferenzen. «Ich komme mir manchmal wie ein Sachbearbeiter vor», sagt er und lacht. Da die Lernenden bereits selbstständig mit dem Online-Learning-Management-System namens «n47e8» arbeiten, stelle der Fernunterricht für sie keine allzu grosse Umstellung dar.

Die Lehrkräfte am Bildungszentrum würden schon seit längerer Zeit eine Coaching-Funktion einnehmen. Der klassische Frontalunterricht komme nur noch selten zum Zug. Auch unter den Lehrpersonen steht man in Kontakt. «Wir haben einen virtuellen Znüni-Raum, in dem wir einander von unseren Fernunterricht-Erfahrungen berichten und auch darüber sprechen, wie wir privat mit der Coronakrise umgehen», sagt Wirth.

Wer nicht im Chat ist, muss seine Absenz entschuldigen

Im Online-Learning-Management-System müssen die Schülerinnen und Schüler Missionen lösen. «Sie sehen, welche Ziele sie erreichen und welche Kompetenznachweise sie erstellen müssen», erklärt Wirth. Die Lernenden bauen ihr Wissen auf, üben und trainieren es und tauschen sich mit Mitschülern aus. «Die Aufträge laden sie zur vorgegebenen Zeit auf die Lernplattform.» Zugreifen auf das System können die Klassen nicht nur auf dem Laptop daheim, sondern auch via App auf dem Handy. «Es ist sicherlich schwieriger für sie, im Homeoffice diszipliniert zu arbeiten als an der Schule», sagt Wirth. Auch wenn seine Klassen selbstverantwortlich lernen würden, hätten sie einen strukturierten Tagesablauf. «Um 7.40 Uhr ist Unterrichtsbeginn. Dann müssen sich alle in den Chat einloggen. Wer nicht drin ist, muss seine Absenz entschuldigen, genauso wie vor der Coronakrise», sagt Wirth. Die Lernenden senden ihm ihre Tagesziele und geben vor Unterrichtsende ein Fazit ab.

An diesem Vormittag führt Wirth eine Online-Semesterprüfung durch. Er teilt einem Schüler per Video-Chat im Anschluss seine Note mit, da der Lernende sie dem Ausbildungsbetrieb dringend melden muss. «Sie haben 16 von 17 Antworten richtig gelöst. Ich gratuliere, Sie haben eine 5,7», sagt Wirth und teilt mit dem Lernenden virtuell den Bildschirm, um den Test gemeinsam zu besprechen. «Perfekt, vielen Dank. Adieu Herr Wirth», verabschiedet sich der junge Mann. Auch wenn das Fernlernen aus dem Zirkuswagen gut klappt, sehnt sich Wirth nach dem Unterricht im Schulzimmer. «Kein digitales Medium kann persönliche Begegnungen ersetzen.»

Er macht Schule im Glarner Zirkuswagen

Autor

Sibylle Egloff

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