Abgang
Dietiker Kantonsrat Rolf Steiner blickt zurück auf bewegte Zeiten als höchster Zürcher

Nach seinem Jahr als höchster Zürcher verabschiedet sich Rolf Steiner (SP, Dietikon) gleich ganz aus dem Kantonsrat.

Matthias Scharrer
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Der ehemalige Kanonsratspräsident Rolf Steiner (links) verabschiedet sich neben der neu gewählten SVP-Politikerin Karin Egli-Zimmermann.

Der ehemalige Kanonsratspräsident Rolf Steiner (links) verabschiedet sich neben der neu gewählten SVP-Politikerin Karin Egli-Zimmermann.

ENNIO LEANZA

Es war ein doppelter Abgang: Mit Blumen und Reden endete gestern das Kantonsrats-Präsidialjahr Rolf Steiners und gleichzeitig sein Wirken als Kantonsrat. Der Dietiker SP-Politiker hatte dem Kantonsparlament seit 2006 angehört. Damals rutschte er für Esther Arnet nach. Nun fand Steiner, der sein Leben gern in Zehnjahresperioden gliedert, es sei genug — und zog Bilanz über sein Jahr als höchster Zürcher.

Sein Präsidialjahr sei in schwierige Zeiten gefallen, sagte er, und erwähnte den Brexit, die Wahl von US-Präsident Donald Trump sowie den jüngsten Volksentscheid der Türken. Sein Fazit: «Die demokratischen Regeln, wie wir sie kennen, verlieren an Bedeutung.» Ohne eine Miene zu verziehen, fuhr er fort: «Und gestern ist Frankreich, wenn man so will, noch einmal davongekommen: Das Amt des Präsidenten wird wiederum von einem Mann besetzt.» Es war ein typischer Steiner-Spruch: trockener, treffender Humor. Gleichzeitig hatte er damit die Aufmerksamkeit für seine Ausführungen auf sicher. Ein rhetorisches Stilmittel, das er während seines Präsidialjahr des Öfteren anwendete.

«Gestern ist Frankreich noch einmal davongekommen: Das Amt des Präsidenten wird wiederum von einer Frau besetzt.»

Rolf Steiner, Scheidender Kantonsratspräsident

So bewegt die Zeiten weltpolitisch sind und waren, so vergleichsweise unspektakulär nimmt sich Steiners Bilanz als Kantonsratspräsident aus: «Den Lärmpegel während der Debatten konnte ich nicht reduzieren», meinte er. Als einen der Höhepunkte seines Präsidialjahrs nannte er den Vorsitz des Kantons Zürich in der internationalen Bodenseekonferenz — «trotz sprachlichen Schwierigkeiten. Das Wort Pendenzenliste kennt man im Deutschen und in Österreich nämlich nicht.»

«Platos» Schlusswort

Nun heisst es Loslassen für den Politiker, der dem Rentenalter nahe ist: «Wenn ich heute Abend ins Bett gehe und nicht daran denken muss, welche Ansprachen noch der Formulierung harren, ist dies ein Gefühl, an das ich mich wahrscheinlich sehr schnell gewöhnen werde.» Er schloss mit dem Wunsch, dass die demokratischen Errungenschaften durch das Parlament gefestigt werden und dazu beitragen, dass es möglichst vielen Menschen immer wieder etwas besser gehe. «Frei ist nur, wer seine Freiheit gebraucht. Und die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen», zitierte er die Bundesverfassung.

Die neue Kantonsratspräsidentin Karin Egli (SVP, Elgg) bescheinigte Steiner ein «Flair für scharfes Beobachten und Analysieren.» Zudem sei der promovierte Chemiker, Werbeleiter und Bundesführer der Pfadfinder — Pfadiname: Plato — seinem Ruf als Vermittler mehr als gerecht geworden. Egli liess nicht unerwähnt, dass Steiner auf die Auszeichnung mit dem silbernen Löwen des Kantonsrats verzichtet, die ihm als scheidendem höchsten Zürcher traditionsgemäss zustände.

SP-Fraktionschef Markus Späth schrieb dies Steiners Bescheidenheit zu. Darauf angesprochen, meinte Steiner beim Apéro nach der Kantonsratssitzung, der silberne Löwe wäre bei ihm ja doch nur verstaubt. Einen golden gerahmten Stich des Zürcher Rathauses und die obligaten Blumen nahm er als Abschiedsgeschenk aber doch entgegen. Und aller Bescheidenheit zum Trotz schien ihm der lange Applaus bei seiner Verabschiedung Genugtuung zu verschaffen: Steiner reckte die Arme wie ein jubelnder Sportler in die Höhe, in der rechten Hand die Blumen, am Hals eine der Krawatten, zu denen ihm seine Fraktion fürs Präsidialjahr verholfen habe.