Tag der psychischen Gesundheit

Dietiker Ärztin rät: «Hilfreich wäre, wenn wir uns von der Wettbewerbsgesellschaft entfernen könnten»

Bei der Behandlung im Ambulatorium Dietikon zum Zuge kommen oft auch Spielsachen. «Es ist einfacher für Kinder, gewisse Situationen und Gefühle spielerisch mit Fantasiebeispielen darzustellen», sagt Oberärztin Gabriela Schief.

Bei der Behandlung im Ambulatorium Dietikon zum Zuge kommen oft auch Spielsachen. «Es ist einfacher für Kinder, gewisse Situationen und Gefühle spielerisch mit Fantasiebeispielen darzustellen», sagt Oberärztin Gabriela Schief.

Gabriela Schief trifft im Ambulatorium Dietikon der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich Abklärungen zum psychischen Zustand junger Menschen. Anlässlich des heutigen Tags der mentalen Gesundheit spricht sie über ihre Arbeit mit stark belasteten Familien.

Handpuppen blicken mit freundlichen Gesichtern zum runden Tisch in der Mitte des Raums. Daneben befindet sich eine Ablage, die mit Sand bedeckt ist. Tier- und Playmobilfiguren stehen in Körben bereit. «Kinder sind offener als Erwachsene. Doch vor allem die jüngeren können sich mit mir nicht einfach an einen Tisch setzen und über die von den Eltern geschilderten Schwierigkeiten sprechen», sagt Gabriela Schief. Die Oberärztin führt seit 15 Jahren im Ambulatorium Dietikon der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich Abklärungen, Beratungen und Therapien bei Kindern und Jugendlichen durch. Zum Einsatz kommen dabei auch immer wieder die Spielsachen in ihrem Büro. «Es ist einfacher für Kinder, gewisse Situationen und Gefühle spielerisch mit Fantasiebeispielen darzustellen», sagt die 55-Jährige.

Der heutige Tag ist weltweit der mentalen Gesundheit gewidmet. Sie beschäftigen sich mit der Psyche von jungen Menschen. Wie geht es den Kindern und Jugendlichen im Limmattal?

Gabriela Schief: Im Bezirk Dietikon treffen wir sehr häufig auf Familien, die unter verschiedenen psychosozialen Belastungen leiden. Eines oder mehrere Kinder haben zum Beispiel eine Veranlagung zu einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und brauchen daher besonders viel Anleitung und Unterstützung durch die Eltern und Lehrpersonen. Die Eltern sind aufgrund finanzieller oder eigener gesundheitlicher Probleme oftmals bereits zusätzlich belastet. Und die Lehrkräfte müssen sich in der Klasse schon um eine Vielzahl von Schülerinnen und Schülern kümmern, die besondere Aufmerksamkeit verlangen. In dieser Situation werden mehr und mehr Fachleute dazugeholt, was einerseits gut ist, andererseits die ganze Angelegenheit für die Familien oft unüberschaubar macht. Die verschiedenen Termine sind vielfach für die Mütter im ohnehin schon angespannten Familienalltag kaum mehr zu bewältigen.

Sie haben von ADHS gesprochen. Ist das die häufigste Diagnose, die Sie stellen?

Uns werden am meisten Kinder mit Konzentrations- und Aufmerksamkeitsproblemen oder Verhaltensproblemen in der Schule zugewiesen. Das sind aber keine Krankheiten an sich, sondern sogenannte Symptome. Sie können auf Ängste, Depressionen, anlagebedingte Störungen wie ADHS hinweisen oder auch einfach eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände sein. Sehr oft liegen mehrere Ursachen gleichzeitig vor. Die Diagnose ist also nicht immer zwangsläufig ADHS. Ängste und depressive Verstimmungen sind ein gutes Beispiel für Störungen, die bei entsprechender Veranlagung durch zusätzliche Belastungen im Umfeld auftreten können. In den letzten Jahren wurden auch vermehrt Kinder zu uns geschickt, bei denen wir Abklärungen zu Autismus-Spektrum-Störungen vornehmen mussten. Als psychiatrischer Dienst gilt es für uns herauszufinden, bei welchem Kind wirklich eine Störung vorliegt, die man behandeln oder das Umfeld entsprechend beraten kann.

Im Ambulatorium Dietikon wurden letztes Jahr 360 Kinder und Jugendliche behandelt. Das ist eine beträchtliche Zahl. Haben psychische Störungen bei jungen Menschen in den letzten Jahren zugenommen?

Es gibt meines Erachtens keine eigentliche Zunahme von psychischen Erkrankungen, aber ganz klar eine Zunahme von Alltagsstress sowohl bei Eltern als auch bei Kindern. Bei Depressionen und Essstörungen nimmt jedoch die Häufigkeit zu, insbesondere bei jüngeren Jugendlichen ab zwölf Jahren.

Welche Auswirkungen hatte die Coronapandemie auf Ihre Patientinnen und Patienten?

Während des Lockdowns gab es sehr viel weniger Neuanmeldungen als sonst. Das hat damit zu tun, dass viele Anmeldungen mit Auffälligkeiten in der Schule zusammenhängen. Die fielen in dieser Zeit wegen des Fernunterrichts weg. Generell hat sich die Coronakrise gemäss unserer Beobachtung bisher weniger auf die psychiatrischen Probleme der Betroffenen an sich ausgewirkt, aber sehr stark auf die Umweltfaktoren, die immer auch eine grosse Rolle spielen, wie mit einer Belastung umgegangen werden kann. Kurz gesagt: Familien, denen es vor dem Notstand schon gut ging, haben die Situation gut gemeistert und der vermehrten familiären Nähe vielleicht sogar etwas Positives abgewinnen können. Familien, die bereits zuvor belastet waren, sind in der Krise noch mehr an ihre Grenzen gestossen. Es ist für psychisch belastete Jugendliche, die allenfalls im schulischen Umfeld und mit Kollegen noch Ablenkung und positive Erlebnisse erfahren konnten, schwierig, wenn sie plötzlich zusammen mit ebenfalls belasteten Eltern auf engstem Raum oder auch ganz alleine und ohne Kontakt zu Freunden den Alltag bewältigen müssen. Entsprechend war unser Ambulatorium auch während des Lockdowns für Notfälle durchgehend geöffnet, mit entsprechenden Vorsichtsmassnahmen wie Abstand und Maske versteht sich. Nach dem Wiederbeginn des Regelunterrichtes stellte sich heraus, dass sich manche Kinder durch die schulische Entspannung zu Hause positiv entwickelt haben, während andere den Anschluss an gesunde Sozialkontakte noch viel mehr verloren haben. Diese Ungleichheit, die sich die letzten Monate noch massiv verstärkt hat, finde ich manchmal schwer zu ertragen. Nach dem Ende des Lockdowns gab es eine deutliche Zunahme von Anmeldungen. Dies, weil viele dieser Patienten, den Neubeginn in der Schule nicht geschafft haben.

Gabriela Schief

...ist in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen und studierte in Tübingen, Göttingen und Lausanne Medizin. Seit 1998 steht sie in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich im Einsatz. Seit 2005 ist Schief als Oberärztin am Ambulatorium Dietikon der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig. Sie ist 55 Jahre alt und wohnt in Zürich.

...ist in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen und studierte in Tübingen, Göttingen und Lausanne Medizin. Seit 1998 steht sie in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der
Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich im Einsatz. Seit 2005 ist Schief als Oberärztin am Ambulatorium Dietikon der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig. Sie ist 55 Jahre alt und wohnt in Zürich.

Das Ablesen von Emotionen ist mit einer Maske im Gesicht unmöglich. Wie wirkt sich die Schutzmassnahme auf Ihre Arbeit aus?

Das Tragen der Maske war für uns eine grosse Umgewöhnung. Angenehm ist es nicht, weil es auf Dauer müde macht. Für unsere Patienten war die Maskenpflicht teilweise irritierend. Während des Lockdowns führten wir deshalb, wenn immer möglich Gespräche via Computerkonferenzen. Patienten, denen es sehr schlecht ging, durften weiterhin persönlich zu uns kommen, mit Abstand und Maske. Wenn Kinder Ängste haben beispielsweise, dass sie ersticken könnten, dürfen wir eine Ausnahme machen. Sie müssen die Masken dann nicht tragen, wir aber schon. Inzwischen haben sich die meisten – Kinder und Eltern – daran gewöhnt. Es ist aber klar, dass die Arbeit mit Maske schwieriger ist. Viele fremdsprachige Eltern verstehen uns beispielsweise schlechter. Kleinere Kinder waren immer von der Maskenpflicht ausgenommen und die grösseren Kinder akzeptieren diese meist erstaunlich gut. Bei manchen Tests dürfen die Kinder, aber auch wir für einzelne Übungen die Maske ausziehen, wenn eine Trennscheibe da ist und wir genügend Abstand halten. Aber ja, wir werden alle froh sein, wenn das Arbeiten ohne Maske wieder möglich sein wird.

Psychische Erkrankungen werden von einem Teil der Bevölkerung nach wie vor runtergespielt und tabuisiert. Ist das ein grosses Problem?

Ja, ich finde, dass unsere Gesellschaft noch einiges lernen muss. Wenn jemand offensichtlich psychisch belastet ist, gilt das für manche Menschen immer noch als ein Zeichen der Schwäche. Dabei liegen einer psychischen Erkrankung ja ebenfalls nachvollziehbare Ursachen zugrunde genau wie etwa bei einem Beinbruch. Nur sind diese eben oft nicht gleich für jeden ersichtlich. Niemand kann sich aussuchen, mit welchen persönlichen Anlagen er geboren wird und was er in seinem weiteren Leben für prägende und vielleicht auch psychisch belastende Erfahrungen macht. Jeder Mensch hat aber die Möglichkeit, sich aktiv darum zu bemühen, aus seiner Lebenssituation heraus das Beste zu machen. Viele unserer Patientinnen und Patienten wie auch ihre Eltern vollbringen wahre Meisterleistungen im Umgang mit den bei uns vorgetragenen Schwierigkeiten. Mancher kann sich wohl kaum vorstellen, wie anstrengend es für einen Jugendlichen mit einem Kontrollzwang sein muss, sich in der Schule zu konzentrieren, wenn er gleichzeitig die Angst bekämpfen muss, dass zu Hause die Wohnung in Flammen aufgeht wegen eines Lichts, das er vergessen hat auszuschalten. Dies, obwohl er ganz genau weiss, dass diese Vorstellung nicht realistisch ist. Aus Scham und Angst, ausgelacht zu werden, lassen die Betroffenen aber niemanden an ihrer Not teilhaben. Hilfreich wäre, wenn wir uns alle wieder von der Wettbewerbsgesellschaft, in der wir leben, entfernen könnten. Dann würde es Betroffenen einfacher fallen, über ihre Probleme zu sprechen und der Leidensdruck wäre weniger gross.

Wie schafft man es, psychisch gesund zu bleiben?

Psychisch gesund bleiben heisst so viel wie psychisch beweglich zu bleiben. Wir entwickeln uns alle permanent weiter im lebendigen Wechselspiel zwischen unserer Umwelt und uns. Eine gute Entwicklung ist immer dann möglich, wenn wir uns an die äusseren Umstände anpassen können und diese sich an uns so wie ein Puzzleteil im Puzzle. Eine Krankheit oder auch eine Störung entsteht, wenn diese Passung nicht mehr funktioniert. Tendenziell herrscht in den letzten Jahren vermehrt die Erwartung, dass sich Probleme entweder durch ein Wundermittel oder durch einen Neuanfang in einem anderen Umfeld, zum Beispiel durch einen Schulwechsel oder durch einen Umzug, beheben lassen. Doch das alleine ist selten eine längerfristige Lösung. Eine spürbare Veränderung von aussen, auch der Beginn einer Abklärung oder Therapie, kann ein guter Startpunkt sein, um aus einer unguten und die Entwicklung störenden Situation wieder herauszufinden. Langfristige wertschätzende und verlässliche Beziehungen innerhalb oder auch ausserhalb der Familie sind dabei für manche Kinder und Jugendliche hilfreicher als alle Medikamente oder Therapien, die wir anbieten können.

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