Der Zettel des Schicksals war klein, weiss, dreimal gefaltet und verpackt in einer gelben Kinder-Überraschungs-Ei-Kapsel. Mit beiden Händen faltete der Limmattaler Bezirksratspräsident Simon Hofmann (FDP) das historische Stück Papier am Dienstag um 16.37 Uhr auseinander und verkündete dann: «Gewählt per Losentscheid: Harry Landis.» Ein Applaus der total vierzehn Anwesenden ertönte im Grossen Saal des 400 Jahre alten Schlösslis. Und so war die Kampfwahl um den siebten und letzten Weininger Gemeinderatssitz endgültig entschieden.

Zur Erinnerung: Am Wahlsonntag wurden die Weininger Wahlzettel drei Mal ausgezählt und jedes Mal resultierten je 395 Stimmen für Harry Landis (parteilos, portiert von der SVP) und André Wymann (Quartierverein Fahrweid). Deshalb wurde gemäss dem Zürcher Gesetz über die politischen Rechte ein Losentscheid nötig.

Bei den Wahlen am vergangenen Sonntag erreichten sowohl André Wymann (links) als auch Harry Landis exakt 395 Stimmen.

Bei den Wahlen am vergangenen Sonntag erreichten sowohl André Wymann (links) als auch Harry Landis exakt 395 Stimmen.

Alles lief korrekt und vorschriftsgemäss ab: Die Richtigkeit des Losentscheids haben Gemeindepräsident Hanspeter Haug (SVP), Bezirksratspräsident Hofmann und Gemeindeschreiber Bruno Persano mit ihrer Unterschrift auf das offizielle Protokoll der Losziehung bezeugt.

Schauen Sie sich hier im Video den einzigartig historischen Losentscheid in voller Länge an:

Der grösste Moment in der grössten Zürcher Kampfwahl: So lief der Losentscheid im Weininger Schlössli

Der grösste Moment in der grössten Zürcher Kampfwahl: So lief der Losentscheid im Weininger Schlössli

Gemeindepräsident und Glücksfee Hanspeter Haug (SVP) führt den Losentscheid durch, dank dem Harry Landis (parteilos) zum Gemeinderat wird.

Die ganze Szenerie im Schlössli, das einst für die Gerichtsherren Meyer von Knonau erbaut worden war, hatte etwas von einem Gerichtsprozess – einfach ohne böse Gestalten: Auf vier Holzstühlen in einer Reihe sassen SVP-Ortsparteipräsident Wilfried Werffeli, Harry Landis, André Wymann und Quartiervereinspräsident Hans-Ulrich Furrer. Mit etwas Abstand ihnen gegenübersassen an einem Tisch Hofmann und Persano, mit Haug in ihrer Mitte.

Zudem flankierten Polizeichef Baumgartner und Wachtmeister Niedermann von der Polizei rechtes Limmattal den Raum. In der Zuschauerreihe hatten eine Tochter von Harry Landis und die stellvertretende Gemeindeschreiberin Noeline Schulz Platz genommen sowie der Schulpräsident Mario Okle (parteilos), der am Sonntag am meisten Stimmen holte und als neuer Gemeindepräsident ab 1. Juli gewählt wurde. Gut, dass Okle hier sei, merkte Haug später an: «Schliesslich ist es seine Mannschaft, die hier gewählt wird.»

Die spannende Zeremonie begann mit der Begrüssung durch Haug, der gar nicht erst eine grosse Litanei abhalten wollte, wie er eingangs erklärte: «Ich kann mir vorstellen, dass die Spannung unter den zwei Kandidaten ganz gross ist.» Es sei aber schon etwas aussergewöhnliches. Schliesslich sind im Kanton Zürich bisher nur vier weitere Losentscheide bei Gemeinderatswahlen überliefert, nämlich 1982 und 1990 in Knonau, 2006 in Aesch und 2014 in Egg im Zürcher Oberland. «Und jetzt gehören wir zu den Glücklichen – oder Unglücklichen –, die das jetzt machen dürfen», führte Haug weiter aus. Danach zitierte Gemeindeschreiber Persano aus dem Gesetz über die politischen Rechte und erklärte den Ablauf der bevorstehenden Losziehung.

Die entscheidenden 108 Sekunden

Der eigentliche Akt dauerte dann nur noch 108 Sekunden: Haug verliess den Raum und die beiden Kandidaten gingen zum Tisch, um mit je einem handelsüblichen Kugelschreiber auf je ein Los ihren Namen zu schreiben. Danach falteten Persano und Hofmann die beiden Schicksalszettel, ehe Hofmann sie in die beiden Kapseln packte, in eine Metallschüssel legte und gut umrührte. Dann kam Haug als Präsident der wahlleitenden Behörde und damit als Glücksfee zurück in den Saal, rührte die beiden Kapseln ebenfalls um und nahm dann eine in die Hand, um sie dem Bezirksratspräsidenten zu überreichen. Der Rest ist Geschichte. Es folgten Gratulationen und Glücksfee Hanspeter Haug schenkte Weisswein aus.

Aber Haug vergass auch Wymann nicht: «Es tut mir leid», sagte er zum Quartiervereinskandidaten, dem das Glück nicht hold war. Er wünschte ihm alles Gute und ermunterte ihn, weiterzumachen: «Nach der Wahl ist vor der Wahl. Man darf den Kopf nicht hängen lassen.»

Quartierverein nicht mehr vertreten

Wymann war zwar enttäuscht, trug sein Schicksal aber mit Fassung: «Ich muss es jetzt etwas verdauen. Sicher gibt es heute Abend einen Schluck Wein mit meiner Frau zusammen. Aber der Wahlkampf war eine interessante Zeit und in vier Jahren mischen sich die Karten neu.» Seine Kandidatur für 2022 gab er zwar noch nicht bekannt. Aber: «Das Amt interessiert mich, darum habe ich mich ja gestellt.» Quartiervereinspräsident Hans-Ulrich Furrer stand die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Gemeindepräsident Haug versicherte aber, dass der Fahrweid kein Nachteil entstehe, auch wenn sie jetzt zum ersten Mal seit langem nicht mehr im Gemeinderat vertreten ist.

Von Landis erhielt Haug Lob: «Du warst eine gute Glücksfee.» Zum Losentscheid meinte Landis: «Es ist wie ein Münzwurf im Fussball. Ich hatte eine positive Einstellung und an den Erfolg geglaubt.» Viele Emotionen seien dabei gewesen.

Neben Landis (neu) und Okle (bisher) wird der Weininger Gemeinderat mit Reto Beutler (FDP, bisher), Thomas Mattle (SVP, neu), Heinz Brunner (Forum, neu), Michael Gardavsky (SVP, bisher) und Schulpräsidentin Brigitte Schai (SVP, neu) in die Amtsperiode 2018 bis 2022 gehen.

Das sind die historischen Zahlen – so sah das Resultat am Wahlsonntag aus: