Historie

Dieses Drama kostete damals 25 Menschen das Leben – so will die Reformierte Kirche daran gedenken

25 Tote und 297 Verletzte: ein Holzschnitt aus dem Zürcher Kalender 1821. Die reformierte Kirche Gossau thront hoch oben auf dem Berg. Bei ihrem Bau ist nicht alles sauber gelaufen.

25 Tote und 297 Verletzte: ein Holzschnitt aus dem Zürcher Kalender 1821. Die reformierte Kirche Gossau thront hoch oben auf dem Berg. Bei ihrem Bau ist nicht alles sauber gelaufen.

25 Menschen sind gestorben, als vor 200 Jahren in der Gossauer Kirche der Dachboden einstürzte. Mit einem Gedenkgottesdienst will die Reformierte Kirche an das Unglück von 1820 erinnern.

Über 400 Jahre alt und renovationsbedürftig ist die reformierte Kirche von Gossau, als die Gemeinde 1819 erwägt, den gotischen Bau zu ersetzen. Eine grössere, klassizistische Kirche schwebt den Verantwortlichen vor, ein Gotteshaus, das während der Messe nicht mehr aus allen Nähten platzt. Mit grosszügigen Spenden setzen sich die Dorfbewohner für den Bau der neuen Kirche ein. Und trotzdem kann es sich die Gemeinde finanziell nicht ­leisten, die Bauleitung einem fachlich ­versierten Baumeister zu übertragen. Schliesslich übernimmt die ehren­amtliche Baukommission die Ver­antwortung für den Neubau.

Ende Januar 1820 beginnen die Arbeiter mit dem Abbruch der alten Kirche, am 4. April legen sie den Grundstein des neuen Gotteshauses, und schon Mitte Juni bereiten sie die Errichtung des Dachstuhls vor. Sie verlegen die Mauerfedern und dann die über 20 Meter langen Querbalken, welche die Kirchendecke tragen sollen, und breiten darüber einen provisorischen Boden aus, auf den sie die Dachstuhlbalken stapeln.

Schon am 22. Juni 1820 soll im Rahmen der Aufrichte eine kleine Feier stattfinden. Der Pfarrer hatte vorgeschlagen, dass die Singschule sein Gebet mit zwei Liedern umrahmen könnte. Und so schieben die Zimmerleute auf dem provisorischen Dachboden die Holzbalken für den Dachstuhl zusammen, um Platz für die Redner und Kinder des Schülerchors zu schaffen, wie Thomas-Peter Binder und Hansrudolf Galliker 2007 in der Gossauer Chronik «Von bitterer Armut zum beliebten Wohnort» schreiben.

Viele Neugierige stiegen hoch, das war zu viel für die Balken

Noch sind aber die eisernen Zugstangen, die die Decke am Dachstuhl verankern sollen, nicht verschraubt, und statt der wenigen vorgesehenen Personen steigen an jenem Donnerstagnachmittag immer und immer mehr Neugierige auf den Dachboden. Obwohl die Handwerker sie davon abzuhalten versuchen, stehen sich um halb drei Uhr nachmittags je nach Quelle schliesslich zwischen 400 und 700 Personen gegenseitig auf den Füssen.

«Höchst unfeierlich geht es bei diesem Gedränge zu. Mit Fäusten und Ellenbogen sucht sich jeder Zugang zur Kirchendecke zu verschaffen. Einzelne antworten auf die Ermahnung von Vorgesetzten und Arbeitern trotzig, sie hätten an den Bau ebenso gut bezahlt wie die anderen, die sich schon oben befänden», schreibt Jakob Zollinger 1970 in «Gossau, deine Heimat».

Der Pfarrer ist noch schnell ins Pfarrhaus hinübergeeilt, um seinen Talar anzuziehen und das Gebetbuch zu holen, als es von der Grüninger Kirche her drei Uhr schlägt. Kurz darauf hält die neue Kirche der Last nicht mehr stand: 34 Querbalken der Decke brechen entzwei und reissen die Menschen, die auf dem Dachboden stehen, unter ohrenbetäubendem Krach in die Tiefe.

Weil der Lärm offenbar meilenweit zu hören war, sind die Helfer rasch zur Stelle. Und es ist ein trauriges Bild, das sie antreffen: Zahlreiche Menschen wurden von den Balken erschlagen und zerquetscht, sie weisen Arm- und Beinbrüche, Schulter und Fussbrüche auf oder haben sich die Zunge durchgebissen. «Solches Elend der grässlichsten Verstümmelungen mag selbst im wüthensten Kriegskampfe sich kaum ergeben. Da lagen Vater und Sohn tot dahingestreckt, und wohl ihnen in Vergleichung mit denen, die wenige Schritte davon, schrecklich zerhackt, mit dem Tod kämpften», wird Oberamtmann Escher, einer der herbeigeeilten Helfer, später zu Protokoll geben.

Mehrere Ärzte leisten unter dem Geschrei der Überlebenden Erste Hilfe, die Toten und Verwundeten bringen die Helfer ins Pfarrhaus, in umliegende Häuser und Scheunen und auf die Wiese. 19 Tote – darunter zwei auswärtige Bauarbeiter − und fast 300 Verwundete bergen sie bis zum Abend aus der Kirche, sechs Leute sterben später an den Folgen ihrer Verletzungen.

10'000 Menschen kamen an die Beerdigung

Das Drama löst im ganzen Land Entsetzen aus: Zur Beerdigung am Sonntag, an der die einheimischen Verstorbenen in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt werden, kommen 10 000 Menschen. Der Pfarrer, der beim Unglück nicht verletzt wurde, hält eine Rede, die als Büchlein gedruckt wird, und in den darauffolgenden Tagen schwappt eine beispiellose Solidaritätswelle bis nach Deutschland: 9 Gulden und 32 Schilling werden sogar aus dem entfernten Tuttlingen ins Zürcher Oberland gespendet.

Die Zürcher Regierung sieht in der Folge davon ab, das Unglück juristisch zu prüfen, und erklärt den Kirchen­einsturz zu einem Unglücksfall.

Allerdings sichere sie ihren Beitrag an die Kosten für den Wiederaufbau nur unter der Bedingung zu, dass die Bauleitung ab sofort fachkundigen Leuten übertragen werde. Noch im selben Herbst werden die Arbeiten wieder aufgenommen, ein Jahr später wird die neue Kirche eingeweiht.

«Zum Glück standen unten in der Kirche relativ wenige Leute. Sonst wären vermutlich noch mehr gestorben», sagt Thomas-Peter Binder, langjähriger Gemeindeschreiber von Gossau und Mitverfasser der verschiedenen Chroniken. «Das Ereignis hat das Dorf damals erschüttert. Unter den Todesopfern waren auch Behördenmitglieder und Kleingewerbler, die Geld für den Kirchenbau gespendet hatten und im Dorf eine grosse Lücke hinterliessen.» Viele Bewohner des Dorfs hätten deshalb auch ihre Arbeitgeber verloren. Um den Toten zu gedenken, hat man kurz darauf in der neuen Kirche einen Taufstein aus schwarzem Marmor errichtet, der bis heute dort steht.

Während Jahrzehnten blieb der «Kirchenfall» von Gossau im Bewusstsein seiner Zeitgenossen wach. Er wurde nicht nur in Zeitungen und Kalendern beschrieben und über gedruckte Berichte verbreitet, sondern auch an Messen und Jahrmärkten durch Bänkelsänger bekannt gemacht. 200 Jahre später ist von der kollektiven Erinnerung aber wenig übrig geblieben.

«Wir alle sind immer Teil der Geschichte»

Um das Unglück und das damalige Leid der Bevölkerung in Erinnerung zu rufen, will die Reformierte Kirche am 28. Juni einen Gedenkgottesdienst durchführen. «Es war uns wichtig, die Wurzeln unserer Kirchgemeinde zu studieren und die Geschichte des Unglücks aufzuarbeiten. Schliesslich sind wir alle immer Teil der Geschichte», sagt Pfarrer Christian Meier.

Offensichtlich sei beim Bau der Kirche nicht alles sauber gelaufen. «Obwohl so viele Leute nach dem Einsturz lebenslang an ihren Verlusten und Verletzungen litten, wurde das Unglück nie richtig aufgearbeitet», sagt er. Vielmehr habe man einen «Schleier des Schweigens» über die Sache gelegt, wie das auch Alfred Heer 1947 in seinem Buch über die Kirche formulierte.

Viele Fragen könnten deshalb bis heute nicht klar beantwortet werden: «Warum wurde kein Baumeister engagiert? Wollte man Geld sparen? Gingen die Bauarbeiten deshalb zu langsam vorwärts? War man hochmütig?», fragt Meier. Um mehr über das Unglück zu erfahren, ging er vor einigen Wochen nach Zürich ins Staatsarchiv, um Regierungsratsbeschlüsse und Berichte zum Unglück zu studieren. Aber auch dort fand er keine schlüssigen Antworten auf seine Fragen.

Immer wieder bekam er aber Hinweise darauf, dass der Bau der Kirche nicht nur ohne Baumeister, sondern auch besonders hastig vonstatten gegangen war und dass beim Bau das Geld eine spezielle Rolle gespielt hatte. «Offenbar hatte der Maurermeister Vogel, der für die Baukommission als sogenannter Bauführer arbeitete, die Gemeinde noch mit falscher Rechnungsstellung zu übervorteilen versucht, was nicht goutiert wurde», sagt Meier. «Und der Pfarrer habe ja auch angegeben, dass er habe verhindern wollen, dass die Leute auf den Dachboden strömten. Und dass diese darauf bestanden hätten, weil sie Geld gespendet hätten.»

Meier spricht von einer «Haltung des Starken», die ihm zu denken gibt. Die Reformierte Kirche will diese fragwürdige Haltung am Gedenkgottesdienst und auch in einer Ausstellung über das Unglück und die Entstehung der Kirche thematisieren. «Wegen der Coronakrise haben wir die Ausstellung allerdings auf das nächste Jahr verschoben», sagt Meier. Dann will die Kirchgemeinde sowieso das 200-jährige ­Bestehen der Kirche feiern.

Die Kirche auf dem Berg ist als Hochzeitskirche beliebt

Die heutige Kirche wurde erst ein Jahr nach dem Unglück fertig gebaut und zählt heute laut der Gemeindewebsite «zu den schönsten und grössten im Kanton Zürich». Und weiter: «Kein Wunder, hat sich dieses Wahrzeichen und Fotosujet Gossaus auch als beliebte Hochzeitskirche weit über die Region hinaus einen Namen geschaffen.»

Dass die Kirche gross und schön ist, freut auch den Pfarrer. Die Rückseite der Medaille sei aber, dass sie oft auch als etwas distanziert, als Kirche auf dem Berg wahrgenommen werde. «Wir wollen das Jubiläum jedenfalls nicht feiern, ohne auch das Leiden zu thematisieren und den Leuten zu sagen, dass wir von dieser Geschichte betroffen sind.»

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