Wochenkommentar Limmattal
Die Zeit ist reif – und der Weg der richtige

Der Wochenkommentar von Sophie Rüesch über den Versuch, die Rolle der Frau in der katholischen Kirche zu stärken.

Sophie Rüesch
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Frauen bei der Prozession an Fronleichnam (Symbolbild)

Frauen bei der Prozession an Fronleichnam (Symbolbild)

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Die katholische Kirche hat ein Frauenproblem: Es ist keine neue Einsicht, aber eine,
die heute wieder stärker und schmerzlicher wahrgenommen wird. Dass schon nur die Benennung des Problems in manchen katholischen Kreisen wieder salonfähig ist, darf durchaus als Zeichen des Aufbruchs gewertet werden. Denn die institutionelle Diskriminierung der katholischen Frau ist genauso tief in den Strukturen der katholischen Kirche verankert wie die Strategie, tunlichst nicht zu ernsthaft darüber zu sprechen.

Die Diskriminierung zeigt sich auf vielen Ebenen: Sie reicht von der männlichen Kontrolle über den weiblichen Körper bis zur Gratisarbeit, die in der Kirche mehr Frauen als Männer leisten. Im Zentrum der Frage zur Rolle der Frau steht jedoch die weibliche Partizipation – oder eben deren Abwesenheit – in den höchsten Entscheidungsgremien dieser globalen Institution. Sie ist der Anfang, dem alle weiteren Massnahmen hin zu einer Gleich- oder zumindest einer Gleicherstellung erst folgen können – in einem zweiten oder dritten Schritt. Erst, wenn Frauen in Entscheidungsgremien miteinbezogen werden, kann man auch die zentrale Krux der Frauenfrage in der katholischen Kirche überhaupt einmal ernsthaft ansprechen: die Frauenordination.

Weite katholische Kreise scheuen diese Diskussion wie der Teufel das Weihwasser. Dabei ist es alles andere als wahrscheinlich, dass die Priester-, Bischofsämter und letztlich das Papstamt von Frauen gestürmt würden, würde das Weihesakrament auf sie erweitert. Sorgen sollte vielmehr diese Frage bereiten: Welches Zeichen sendet die katholische Kirche aus, wenn sie Frauen zwar grosszügig einen Grossteil der kirchlichen Knochenarbeit übernehmen lässt, ihnen aber nicht zumutet, im Namen Christi für die Kirche zu handeln?

Von selbst werden die Probleme nicht verschwinden

Man muss weder Frau noch religionsfremd sein, um dies als störend zu empfinden. Martin Werlen, der ehemalige Abt der Klöster Einsiedeln und Fahr, bezeichnet die Frauenfrage als «zentrale Sackgasse» der heutigen katholischen Kirche. In «Miteinander die Glut unter der Asche entdecken» schreibt er: «Es gibt Kirchenmänner, die heute darüber klagen, dass seit
40 Jahren immer die gleichen Probleme thematisiert werden. Das sollte eigentlich einen durchschnittlich intelligenten Menschen nicht überraschen. Die gleichen Probleme werden immer wieder thematisiert, weil sie noch nicht gelöst sind.»

Auch Papst Franziskus verschliesst die Augen nicht vor dem Frauenproblem, das seine Kirche prägt. Kurz nach seiner Ernennung zum Papst erklärte er zwar, dass er die Frauenordination ablehne – wie sein Vorgänger und sein Vor-Vorgänger, der 1994 in seiner «Ordinatio Sacerdotalis» ein für alle Mal klarstellte, dass sich «alle Gläubigen der Kirche endgültig daran zu halten haben», dass die Frauenweihe ein Ding der katholischen Unmöglichkeit ist. Gleichzeitig bekannte Franziskus sich aber auch zur Notwendigkeit einer Stärkung der Rolle der Frau in der Kirche.

Weder Verschleierungstaktik noch zahnloser Tiger

Mehr verlangen auch die Initianten des Pilgerprojekts «Kirche mit» nicht. Das mag weltlichen Zeitgenossen, die sich im Lauf der letzten Jahrzehnte an eine mehr oder weniger emanzipierte Frau in der Gesellschaft gewöhnt haben, etwas zaghaft erscheinen. Doch die Gruppe, die mittels einer Pilgerreise von St. Gallen nach Rom auf ihre Anliegen aufmerksam machen will, wählt mit ihrer vorsichtigen Herangehensweise den richtigen Weg. Denn sie wissen: Zu vermint ist das Gelände, als dass ein zu aggressives Vorpreschen unversehrt zum Ziel führen kann. Wer eine Diskussion anschneiden möchte, die das Potenzial in sich trägt, in ihrer letzten Konsequenz eine derart heilige Kuh wie das männliche Privileg der Priesterweihe zu schlachten, tut gut daran, keine Brücken zu verbrennen, die man noch gar nicht betreten hat.

Umgekehrt ist den Initiantinnen das besonnene Vorgehen nicht als Verschleierungstaktik auszulegen. Die Menschen, die sich damit für die Frauenanliegen engagieren, sind keine «Gleichstellungsturbos», die das Wesen der Kirche samt ihrem Glaubensgut verändern und verfälschen wollen. Es sind tief religiöse Menschen, die teilweise ihr ganzes Leben Gott widmen. Es sind Menschen, die die Kirche lieben – und die es deshalb erst so sehr schmerzt, dass diese der Hälfte ihrer Mitglieder und damit genau ihrem innersten Glaubensgut nicht gerecht wird. Diesen Menschen liegt nichts daran, die Kirche der weltlichen Gegenwart gleichzumachen. Ihnen liegt nicht einmal etwas daran, gleich den ewigen Spaltpilz Frauenordination vorzubringen. Hingegen liegt ihnen etwas daran,
die Kirche für jene Errungenschaften der Gegenwart zu öffnen, die einem menschenliebenden Grundgedanken entwachsen sind. Dieser selben Menschenliebe also, wie sie damals Jesus propagiert hatte.

Um es in den Worten einer anderen Weltreligion zu sagen: Der Weg der Mitte ist in diesem Fall der goldene Weg. Und zurzeit auch der einzige.