Bergdietikon
Die Tiere sterben alle aus: «Das ist mein schwarzer Humor»

Patrick Ilg könnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Trotzdem murkst der 24-Jährige in seinem Gedichtband «Die Tiere sterben alle aus» Esel, Mäuse, Rehe und Frösche ab.

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Patrick Ilg könnte keiner Fliege etwas zuleide tun.

Patrick Ilg könnte keiner Fliege etwas zuleide tun.

Katja Landolt

Patrick Ilg lässt Tiere sterben und das meist auf äusserst brutale Art und Weise. «Das ist mein schwarzer Humor», sagt er und lächelt so nett und unschuldig, dass man ihm das sofort abnimmt.

Die Anfänge des morbiden Gedichtbandes liegen im Kindergarten. «Mein Kindergartenkumpan in Bergdietikon hatte das Samichlausgedicht umgekrempelt und hat das herzige Reh im tief verschneiten Wald im See ersaufen lassen.»

Seit damals liessen ihn die Wortspielereien nicht mehr los. Während der Gymi-Zeit tippte Ilg solche Reime in seinen Taschenrechner, um die Zeit totzuschlagen. Später, an der Uni, brauchte er die Blödelgedichte als Ausgleich zum Fach Deutsche Literatur, das er im Nebenfach belegt hatte.

«Das Poetische, das war mir alles zu hochgestochen, zu interpretativ. Mit meinem Tier-Gedichten wollte ich mich über die todernsten Poeten lustig machen.»

Abgestürztes Geisslein

Ilgs Gedichte sind makaber: «Die Felswand ist gewaltig krumm - Das Geisslein kommt beim Steinschlag um.» Oder: «Ein kleines Büsi ging in den Park - Dann kam ein Hund, gross und stark - Gleich darauf «Aus das Spiel!» - Aus dem Weiher sprang das Krokodil - Es frass gleich beide - Und sonnte später auf der Weide.» Das ist schon starker Tobak, der nicht allen zusagt.

Ilg lächelt: «Es gibt durchaus Leute, die meine Gedichte toll finden», sagt er. Und die anderen? «Die finden sie schlicht und einfach doof.» Aber damit könne er leben, das sei bei Humor eben so.

Kann er verstehen, dass sich Tierliebhaber fürchterlich über seine Reime aufregen könnten? «Wenn jemand die Gedichte schlecht findet, dann ist das in Ordnung. Wer sich aber angegriffen fühlt, der hat mich missverstanden.»

Er sei ein überaus tierliebender Mensch und könne noch nicht einmal eine Spinne einsaugen, die in seiner Wohnung herumkrieche. «Meine Gedichte sind keine unausgelebte Fantasie, das sind nur abstrakte Gedankenspielereien.»

Von Tierquälerei wolle er sich in aller Deutlichkeit distanzieren. Tierpatenschaften vergeben Gestalt nahm der Gedichtband während eines Praktikums bei Grafikerin Sonja Studer in Zürich an.

Schwarz-Weiss und kindlich

«Sie hat mich dazu angestachelt, die Gedichte zu einem Buch zusammenzustellen», sagt Ilg. Zur Bebilderung der Texte hat er sich an den Computer gesetzt und Frösche im Fadenkreuz, weinende Mäuse und zerknautschte Rehe gezeichnet, in Schwarz-Weiss und kindlich gehalten.

Es ist ein «Kinderbuch für Erwachsene», auch wenn Ilg diesen Ausdruck tunlichst vermeiden möchte. Kindlich die Reime und die Zeichnungen, erwachsen die Gestaltung mit stoffbezogenem Einband und hochwertigem Druck.

«Die Aufmachung unterstützt die Ironie», ist Ilg überzeugt, mache deutlich, dass es sich um ein Kunstobjekt und nicht um einen Gebrauchsgegenstand handle - «ein Band fürs Bücherregal und nicht für die Unterhaltung auf der Toilette.»

Bislang gibt es vom Gedichtband nur acht Exemplare. Um eine ordentliche Auflage drucken zu können, fehlt Ilg bislang das nötige Kleingeld. Doch Not macht erfinderisch:

250 Bestellungen

Über Facebook hat er nach Leute gesucht, die sein Projekt unterstützen und verbindlich ein Exemplar vorbestellen. «Wenn ich 250 Bestellungen zusammenhabe, kann ich 500 Exemplare drucken», sagt Ilg.

Bislang sind rund 120 Bestellungen eingegangen. Zusätzliche finanzielle Mittel verschafft sich Ilg mit der Vergabe von Patenschaften für die in seinen Gedichten verstorbenen Tiere.

Und was kommt danach? «Erst will ich dieses Projekt abschliessen, bevor ich an das nächste denke», sagt er. Vielleicht sterben in einem zweiten Band Tiere aus Übersee? Ilg lacht. «Das wäre eine lustige Idee.»

«Die Tiere sterben alle aus» Vorbestellungen über www.tiersterben.jimdo.com