Während auf dem Zürcher Sechseläutenplatz zahlreiche Besucher ihre Würste in die Glut hielten, wartete Jasser Kassab mit seinem Bruder am Schlieremer Bahnhof auf seine S-Bahn nach Zürich. Weil die beiden wegen des Sechseläutens mit Stau in der Innenstadt rechneten, transportierten sie einen neu erworbenen Kinderwagen mit dem öffentlichen Verkehr. Kassab wird im kommenden September erstmals Vater. Der Ausflug wurde aber jäh unterbrochen. Kurz nach 19 Uhr passierte ein Güterzug auf Gleis vier den Bahnhof Schlieren. Die Sogkraft des Fahrtwindes dürfte allen Nutzern des Bahnhofs bekannt sein. Auch Kassab, der in Zürich wohnt, wusste, dass es sich nicht um ein laues Lüftchen handelte. «Mit einem derart starken Sog hatte ich jedoch keineswegs gerechnet», sagt er gegenüber der Limmattaler Zeitung. Die auf mehrere Kartonkisten verteilten Einzelteile des Kinderwagens seien ins Wanken geraten, bis schliesslich eine trotz ihres Gewichts von rund 4,4 Kilo vom Wind mitgetragen wurde. Darin befand sich der Kindersitz, der laut Angaben von Kassab beinahe zwischen Zug und Perron zerrieben wurde. «Mein Bruder und ich konnten nur unter Schock zuschauen, was da vor sich ging. Die Szene war wirklich erschreckend», sagt er. Dabei hätten die beiden über einen Meter von der Gleiskante entfernt gestanden, wie der 39-Jährige betont. «Nicht auszumalen, wenn ein kleines Kind oder ein Kinderwagen in den Sog eines Güterzuges gerät und mitgerissen wird.»

Problem bereits bekannt

Das Perron 3/4 gab schon früher Anlass zur Besorgnis bei der Bevölkerung. Ob denn erst ein Kinderwagen vom Luftzug mitgerissen werden müsse, bevor gehandelt werde, fragte der damalige CVP-Gemeinderat Rolf Wegmüller rhetorisch in seinem Vorstoss von 2016. «Schon etliche Male konnte ich gefährliche Situationen miterleben», schrieb er weiter.

Die SBB beurteilten die Lage anders und nannten die Platzverhältnisse zwar nicht komfortabel, aber für einen sicheren Betrieb ausreichend. So sei die Breite der weissen Sicherheitsmarkierungen vom Bundesamt für Verkehr vorgegeben und von der erlaubten Durchfahrtsgeschwindigkeit abhängig. Eine von der ETH erstellte Studie kam zudem zum Schluss, dass keine Massnahmen zur Erhöhung der Sicherheit notwendig sind.

Für Kassab steht fest, dass etwas passieren muss. «Möglicherweise sollten die schnellen Güterzüge auf einem anderen Gleis verkehren oder ganz umgeleitet werden», sagt er.

Wegmüller, der zwischenzeitlich aus dem Parlament zurückgetreten ist, ist nicht überrascht, dass es zu solch brenzligen Situationen kommt. «Ich benutze die S-Bahn täglich und mir fiel keine Veränderung auf», sagt er auf Anfrage. «Für mich ist noch immer rätselhaft, dass keine Durchsage kommt, welche die wartenden Pendler auf die Züge aufmerksam macht», so Wegmüller. Die SBB müssten ihre Verantwortung wahrnehmen und für Sicherheit sorgen, sagt er.

SBB gehen über die Bücher

Die Sicherheitsabstände zum Gleis, die auf einem Perron mit einer weissen Linie markiert werden müssen, geben nicht die SBB, sondern der Bund vor, wie Bahnsprecher Raffael Hirt auf Anfrage erklärt. «Halten sich Reisende hinter den Linien auf, besteht keine Gefahr», sagt er. An allen Bahnhöfen werde regelmässig geprüft, ob die Reisendenzahlen so sehr zugenommen hätten, dass die Platzverhältnisse knapp würden. Eine solche Prüfung laufe derzeit in Schlieren. Handlungsmöglichkeiten sieht Hirt etwa bei einer möglichen Verschiebung oder Verkleinerung des Wartehäuschens oder bei der Umplatzierung von Billettautomaten oder anderen Elementen wie Abfalleimern. So könnten die Platzverhältnisse auf dem Perron allenfalls verbessert werden, sagt Hirt. Darüber, ob und wann Massnahmen ergriffen werden, machen die SBB keine Angaben.

Erhält Kassab für seinen Verlust eine Entschädigung? Er forderte bei den SBB Ersatz für den ihm entstandenen Schaden. Doch das Geld wird er wohl nicht wieder sehen, da die Bundesbahnen jegliche Haftung ablehnen. «Die SBB bedauern, dass dem Herrn ein Schaden entstanden ist. Wir können aber keine Haftung für Gepäckstücke übernehmen, welche die Reisenden selbst transportieren», so Hirt.

Zug hatte Tempo reduziert

Zudem zweifeln die Verantwortlichen daran, dass der von Kassab beschriebene Hergang tatsächlich so stattgefunden hat, wie aus einem Schriftwechsel mit einem Rechtsberater der Bundesbahnen hervorgeht. Im E-Mail, das der Limmattaler Zeitung vorliegt, wird auf Aussagen des Lokführers verwiesen. Demnach habe die Geschwindigkeit zu diesem Zeitpunkt lediglich 80 Kilometer pro Stunde bei maximal erlaubten 100 Kilometern pro Stunde betragen. «Festgehaltene Gegenstände werden nicht vom Fahrtwind erfasst, besonders nicht bei tiefen Geschwindigkeiten», heisst es im Schriftwechsel. Für Kassab ist diese Haltung unverständlich: «Zumal zwei Beamte der Bahnsicherheit anwesend waren und den Hergang bezeugen können», sagt er.