Kunstsammlung

Die Stadt Zürich vermisst 5000 Kunstwerke – nach 4800 wird gar nicht erst gesucht

«Strand in Calvetas», Karl Hosch.

Die Kunstsammlung der Stadt Zürich vermisst 115 Werke. Das bedeutendste ist mit einem Wert von 1,5 Millionen Franken ein Gemälde von Le Corbusier. Nach weiteren 4800 Werken wird gar nicht mehr gesucht.

Rund 34'500 Werke umfasst die 100-jährige Kunstsammlung der Stadt Zürich heute. Ein Teil befindet sich im Lager, rund 13'000 sind ausgeliehen und an über 800 Adressen in der ganzen Stadt Zürich platziert; in Amtshäusern, Polizeiwachen, sozialen Einrichtungen und in Büros von Mitarbeitenden der Stadt.

Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) beispielsweise erfreut sich an einer Hartsandstein-Skulptur des 2016 verstorbenen Bildhauers Peter Storrer. Das Werk ist für sie ein «ruhender Pol im hektischen Tagesgeschäft», wie sie in einem Interview auf der Website der Stadt sagte.

Stadträtin Karin Rykart (Grüne) wiederum hat sich «Airbag 1» des Künstlers Florian Germann ausgesucht. Sie habe sich für das Werk aus Nylon und Epoxydharz entschieden, weil ihre erste Reaktion ein Lachen war, sie die Idee witzig fand. Das Leichte, Luftige und Witzige wirke sich positiv auf das Arbeitsklima aus, hält Rykart fest.

Bei der Inventur wurden die Verluste bemerkt

An längst nicht allen Kunstwerken, die einst für die Sammlung angeschafft wurden, können sich heute indes Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt Zürich erfreuen.

2009 startete das Projekt «Überprüfung aller Kunstwerke der Stadt Zürich». Es war die erste Inventur in der über 100-jährigen Geschichte der Kunstsammlung. So stellte man fest, dass rund 5000 Werke vermisst wurden. In einem ersten Schritt schied man rund 4000 Werke mit Status «unbekannt» aus – sie galten als hoffnungslose Fälle.

2018 wurde die Liste der damals noch 946 vermissten Werke erneut bereinigt, wie von der Kommunikationsstelle des städtischen Hochbauamtes zu erfahren ist, das für die Kunstsammlung zuständig ist. Man habe die Zahl der als «vermisst» eingestuften Werke dabei auf 115 verringert. Mehr als 800 Kunstwerke wurden bei diesem Vorgang also nicht etwa gefunden, sondern dem Status «unbekannt» zugeordnet. Man hat sie – mit anderen Worten – abgeschrieben.

Der Grund: Die Suche nach den Werken wäre im Verhältnis zu den Erfolgschancen und zu ihrem Stellenwert für die Sammlung zu aufwendig. Betroffen sind etwa Drucke, die in mehrfacher Ausführung in der Sammlung enthalten sind oder Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die in der Sammlung auch so noch ausreichend vertreten sind.

Le Corbusier Anfang der 1990er-Jahre verschwunden

Aktuell gelten also noch 115 Kunstwerke als vermisst. Darunter zwei Siebdrucke des Malers und Grafikers Richard Paul Lohse (1902-1988). Er gilt als einer der Hauptvertreter der konkreten und konstruktiven Kunst. Von ihm stammt auch ein Werk im Zürcher Staatsarchiv. Vermisst wird auch ein Siebdruck von Max Bill (1908-1994). Den meisten dürfte der Architekt und Künstler auch wegen seiner Pavillon-Skulptur aus Granit an der Bahnhofstrasse bekannt sein.

Gleich mehrfach taucht der Name Mario Comensoli (1922-1993) auf der Vermisstenliste auf. Das wohl bedeutendste vermisste Werk ist aber «Nature morte à la bouteille, carafe et coquetier». Le Corbusier (1887-1965) hat das Ölgemälde 1927 erschaffen. Die 134 mal 93 Zentimeter grosse Arbeit wird auf einen Wert von 1,5 Millionen Franken geschätzt.

«Nature morte à la bouteille, carafe et coquetier», Le Corbusier.

«Nature morte à la bouteille, carafe et coquetier», Le Corbusier.

Die Stadt hat das Ölgemälde 1964 erworben. Zuerst schmückte es eine Halle der Maternité im Triemli. Von dort gelangte es in ein Sitzungszimmer und dann ins Lager. Was dann damit geschah, ist Spekulation. Die Stadt vermutet, dass es Anfang der 1990er-Jahre verschwand.

Man habe intensiv aber erfolglos nach dem kostbaren Werk gesucht. 2007 wurde bei der Stadtpolizei eine Strafanzeige gegen unbekannt eingereicht. Und die Stadt liess das Gemälde ins internationale Art-Loss-Register (ALR) eintragen, die weltweit grösste Datenbank gestohlener und verlorener Kunstwerke.

Das ALR schafft es immer wieder in die Schlagzeilen, wenn gestohlene oder verlorene Werke aufgefunden und an die Besitzer zurückgegeben werden können. Etwa drei Porträts von Francis Bacon, die 2015 in Madrid aus einer Villa gestohlen wurden. Oder mehrere Gemälde von Cézanne, entwendet 1978 in Boston. Was den Zürcher Le Corbusier angeht: bis jetzt Fehlanzeige.

Die Stadt Zürich beziffert den Wert der verschollenen Kunst auf etwa 2 Millionen Franken. Welche Werke neben dem Le Corbusier besonders wichtig sind, will man indes nicht sagen. Ziel der städtischen Kunstsammlung sei es, das lokale Kunstschaffen zu dokumentieren. Deshalb könne keine Abstufung der Wichtigkeit einzelner Werke gemacht werden.

Abhilfe dank Kontrollen und Ausleihscheinen

Fragt sich, wie es möglich war, dass all die Kunstwerke überhaupt verschwunden sind. Das hänge vor allem mit der jahrelangen Ausleihpraxis zusammen, heisst es beim Hochbauamt. Bilder sind ohne Dokumentierung und Leihschein ausgeliehen worden. Kontrolle hat es keine gegeben. Inzwischen hat sich das grundlegend geändert. Die Bewirtschaftung der Kunstsammlung und die Ausleihe von Werken an städtische Angestellte ist in den letzten Jahren professionalisiert, das Team der Fachstelle verstärkt worden.

Seit über zehn Jahren muss ein Leihschein unterzeichnet werden. Darin ist festgehalten, dass der Standort eines Werkes nur mit Zustimmung der Fachstelle geändert werden darf. So kann immer nachvollzogen werden, wo sich ein bestimmtes Kunstwerk befindet. Pro Jahr werden heute immerhin rund 1500 Kunstwerke ausgeliehen. In etwa dieselbe Anzahl kommt ins Lager.

Im Turnus würden mittels Standortkontrolle die ausgeliehenen Kunstwerke eines Departements in allen Räumlichkeiten der jeweiligen Liegenschaften überprüft. 2018 war das im Tiefbau- und Entsorgungsdepartement der Fall. Aktuell ist das Sicherheitsdepartement an der Reihe. «Erfreulich ist, dass seit Einführung der Standortkontrolle eine Vielzahl vermisster Werke innerhalb der Verwaltung zum Vorschein gekommen ist», sagt Silvan von Wartburg von der Kommunikation des städtischen Hochbauamtes.

In seltenen Fällen tauchen vermisste Werke auch ausserhalb der Verwaltung wieder auf. So sei im Herbst 2018 eine Frau mit einem Aquarell des Künstlers Karl Hösch auf die Kunstsammlung zugekommen. Das Werk sei eigentlich für den Verkauf auf einem Basar vorgesehen gewesen. Die Frau habe dann aber aufgrund eines Aufklebers auf der Rückseite erkannt, dass das Aquarell der Stadt Zürich gehört. So konnte das Aquarell, das letztmals 1968 in den Akten der Kunstsammlung erwähnt sei, wieder in die Sammlung aufgenommen werden.

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