Zürich

«Die Stadt hat eine grosse Blütenvielfalt» – Imker auf den Dächern der Grossstadt

Ein Fabrikdach im Quartier Altstetten ist einer von zwölf Standorten, an denen Anna Hochreuteners Bienenvölker stationiert sind. Bild: Chris Iseli

Ein Fabrikdach im Quartier Altstetten ist einer von zwölf Standorten, an denen Anna Hochreuteners Bienenvölker stationiert sind. Bild: Chris Iseli

Anna Hochreutener lässt auf Zürichs Dächern tonnenweise Honig produzieren.

Anna Hochreutener stellt drei Gläser Honig auf den Tisch ihres Ateliers im Zürcher Kreis 3: «Das ist Frühlingshonig vom Dach der VBZ-Zentralwerkstatt in Altstetten», sagt die Imkerin. «Er wurde im Mai geerntet.» Sie öffnet das Glas. Der Honig ist hellgelb, hat eine leicht körnige Konsistenz und schmeckt – frühlingshaft: nicht zu intensiv, erfrischend. Die Imkerin öffnet das zweite Glas: im Juni geernteter Honig vom Dach des Tramdepots Irchel. Er ist etwas dunkler, zergeht samtig-sämig auf der Zunge und schmeckt fein malzig. Schliesslich der Honig von der Juli-Ernte, vom Dach einer Fabrik in Zürich Altstetten: dunkelbraun, intensiv im Geschmack. «Linde», meint Hochreutener.

Die 36-Jährige produziert mit ihrem Partner Tom Scheuer Stadthonig. Mit der Wabe 3, so der Name ihres Geschäfts, beteiligt sie sich am erstmals stattfindenden Tag der urbanen Produktion: Zahlreiche Stadtzürcher Fabriken, Werkstätten und Ateliers öffnen am 26. September ihre Türen, um zu präsentieren, was und wie in der Stadt produziert wird. Hochreutener zeigt in ihrem Atelier an der Birmensdorferstrasse 109, wie Honig geschleudert und abgefüllt wird. Zudem können Besucherinnen und Besucher Lippenbalsam aus Bienenwachs selber herstellen. Und sich von Hochreutener erklären lassen, wie ihr Stadthonig entsteht.

Bis zu 600 Aromen

Als Standorte für ihre Bienenkästen nutzt sie Flachdächer in der ganzen Stadt: Nach dem Start im Jahr 2013 waren es anfangs die Dächer des Gemeinschaftszentrums Riesbach und der Zentralwerkstatt der Verkehrsbetriebe Zürich. Mittlerweile sind diverse Dächer hinzugekommen, darunter Bürogebäude, Wohnbauten, Fabrikgebäude. Auch mit dem Zoo Zürich laufen derzeit laut Hochreutener Gespräche über mögliche neue Bienenkasten-Standorte im Zoo. Zwölf Orte in Zürich bewirtschaftet Wabe 3 aktuell mit insgesamt 140 Bienenvölkern. 100 davon sind Wirtschaftsvölker, die Honig produzieren; die 40 Jungvölker sind dafür noch zu jung.

Was macht den Stadthonig speziell? «Die Stadt hat eine grosse Blütenvielfalt», sagt Hochreutener. Während in landwirtschaftlich genutzten Gebieten häufig grossflächige Monokulturen die Nahrung der Bienen prägen, sei in der Stadt das Gegenteil der Fall: Auf den Flachdächern, die bei Neubauten begrünt sein müssen, auf den Balkonen, in den Gärten und Parkanlagen wächst alles Mögliche; von Thymian- und Rosmarinsträuchern über Blumenwiesen bis hin zu Obstbäumen. Entsprechend sei der Stadthonig kein Sortenhonig, sondern basiere auf einem Blütengemisch. «Bis zu 600 Aromen kann Honig enthalten», sagt Hochreutener.

Geteilte Leidenschaft für Bienen

Sie selbst habe das Imkern schon als Elfjährige von ihren Eltern gelernt. Später studierte sie an der F+F-Kunstschule in Zürich Fotografie. Als sie ihren heutigen Geschäfts- und Lebenspartner Tom Scheuer kennen lernte, stellte sich heraus, dass auch er eine Leidenschaft für Bienen hatte. Zusammen gründeten sie Wabe 3. Das Geschäft entwickelte sich so, dass Hochreutener heute zu 100 Prozent davon lebt, während Scheuer daneben noch 50 Prozent als Informatiker arbeitet. Sie erwarb kürzlich nach vierjähriger berufsbegleitender Ausbildung den eidgenössischen Fachausweis als Imkerin. Er werde die Imker-Ausbildung nächstes Jahr abschliessen.

Rund zwei Tonnen Honig produzieren sie jetzt mit ihren Bienenvölkern pro Jahr. Dieses Jahr sei ein gutes Honigjahr gewesen: «Wir konnten dreimal ernten», sagt Hochreutener. Den nicht ganz billigen Stadthonig habe sie bis jetzt jedes Jahr restlos verkaufen können. Wegen der Coronapandemie seien nun allerdings diverse Kurse und Führungen weggefallen, die ansonsten rund die Hälfte des Geschäfts ausmachen.

Trotz Corona konnte Hochreutener kürzlich expandieren: Mit Anet Strusinsky, einer Bäckerin, die sie mal im Treppenhaus ihres Wohnhauses angesprochen hatte, um Honig zu kaufen, hat sie schon vor Jahren den Laden Honig Kuchen gegründet; im Juni zog dieser nun aus dem Wabe-3-Atelier in ein zusätzliches Ladenlokal gleich nebenan. Auf dem Rückweg von der Post habe sie gesehen, dass drei Männer in dem leeren Raum standen, wo früher ein Antiquitätengeschäft war. Hochreutener fragte sie, ob der Laden zu vermieten sei – und erhielt ihn prompt. Quasi im Vorbeigehen hat sie so ihr Geschäft erweitert. Zufall? «Ich bin wie eine Biene, immer mit ausgestreckten Fühlern unterwegs», sagt Hochreutener und lacht.

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