Gesundheit
Die Spitex fährt im Limmattal bald auch nachts aus

Die Bezirksgemeinden wollen gemeinsam eine Nachtspitex austesten. Dafür müssen sie tiefer in die Taschen greifen - hoffen aber, langfristig zu profitieren

Sophie Rüesch
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Chris Iseli

Ohne die Spitex würde im Gesundheitswesen wenig rund laufen. Sie ist massgeblich beteiligt daran, dass die seit einigen Jahren geltende Devise «ambulant vor stationär» umgesetzt werden kann: Die Pflege zu Hause erlaubt frühere Austritte nach Spitalaufenthalten und spätere Eintritte in Alterspflegeinstitutionen. Nur: Pflegebedürftigkeit kennt keine festen Betriebszeiten – ist die Spitex nicht rund um die Uhr verfügbar, heisst das für manche, dass sie trotzdem ins Heim müssen. Oder dass ihre Angehörigen sie bis zur Erschöpfung zu Hause betreuen.

Im Bezirk Dietikon kennt die Spitex noch solche festen Betriebszeiten. Die Regiospitex Limmattal etwa, die Dietikon, Schlieren und Urdorf abdeckt, ist von 7 bis 22 Uhr im Einsatz. Doch das soll sich nun ändern: Unter ihrer Federführung wird zurzeit ein Pilotprojekt für eine Nachtspitex im ganzen Bezirk ausgearbeitet. Die meisten Gemeinden des Bezirks haben bereits entschieden, am Versuch teilzunehmen. Nun geht es in die detailliertere Planung. Frühestens dürfte der Dienst Ende 2018 den Betrieb aufnehmen.

Der Bedarf, die Lücke in der Nacht zu schliessen, sei ausgewiesen, sagt Vereinspräsident Jürg Brändli. Die Schaffung einer Nachtspitex ist aber vor allem eine Geldfrage. Denn die Kosten sind gegenüber der herkömmlichen Spitex höher – wie viel, lasse sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Teurer machen sie Nachtarbeitszuschläge und der Bedarf nach hochqualifiziertem Personal, das darüber hinaus noch kein Problem damit hat, nachts im ganzen Bezirk herumzufahren. Im grösseren Einsatzgebiet werde zudem die Auslastung sinken, da die Fahrten zwischen den Einsatzorten länger werden.

Nachfrage am Anfang wohl klein

Dennoch sei es sinnvoll für die Regiospitex Limmattal, für das Projekt mit den anderen Spitexorganisationen des Bezirks zusammenzuspannen, sagt Brändli. Nur für drei Gemeinden wäre die Nachfrage zumindest in der Anfangsphase, bevor sich der Dienst herumgesprochen und etabliert hat, zu gering. Für den Anfang geht die Regiospitex, die heute rund 80 Personen beschäftigt, von einem zusätzlichen Personalbedarf von nur rund 150 Stellenprozenten aus. Das entspricht einer Person, die in der Nacht jeweils unterwegs ist. Während die Spitex-Mitarbeitenden tagsüber rund 15 Einsätze per Schicht absolvieren, dürften es nachts weniger sein, was den längeren Wegen und den komplexeren Pflegeleistungen geschuldet ist. «Es sind nicht viele, die diese spezialisierten Dienstleistungen nachts brauchen», sagt Brändli. «Aber diese wenigen brauchen sie eben.»

Die Nachtspitex wird besonders in der Palliativ- und Demenzpflege zum Zug kommen sowie bei Patienten, die in regelmässigen Abständen medizinische Behandlungen brauchen, die sie sich nicht selbst verabreichen können. Die nächtlichen Besuche der Spitex sollen auch die Angehörigen entlasten. «Vor allem im palliativen Bereich ist die Nacht für sie häufig die schwierigste Zeit», sagt Elsbeth Liechti, die Geschäftsleiterin der Regiospitex Limmattal.

Kunden zahlen nicht mehr

Die Mehrkosten für die Nachtspitex werden bei den Gemeinden anfallen, für die Kunden und Krankenkassen bleiben die Beiträge gleich, erklärt Brändli. Rolf Schaeren (CVP), Finanz- und Gesundheitsvorstand von Dietikon, sagt: «Das ist es uns wert.» Denn von einem Angebot für die nächtliche Pflege zu Hause erhoffe man sich auch, dass der ein oder andere Heimeintritt verhindert oder zumindest verzögert werden kann. Dadurch könnte die Stadt unter dem Strich langfristig Kosten einsparen. Zudem überlasse man so nicht das Feld komplett den privaten Spitexorganisationen, auf die man keinen Einfluss habe. Und: Viele Betroffene würden einen Verbleib zu Hause mit einer rund um die Uhr verfügbaren Spitex einem Heimeintritt vorziehen. All das habe den Dietiker Stadtrat veranlasst, beim Pilotprojekt mitzumachen, um Erfahrungen mit dem neuen Angebot zu sammeln.

Auch in Schlieren hätten Umfragen schon mehrmals ergeben, dass das Bedürfnis nach einer Nachtspitex vorhanden sei, sagt Alters- und Sozialvorstand Christian Meier (SVP). «Ich werde auch immer wieder direkt darauf angesprochen, wann dieses Angebot endlich kommt.» Auch er glaubt zudem, dass sich die Investition in eine Nachtspitex für die Stadt langfristig auszahlen wird.

Der Verein Wachen und Begleiten (Wabe), der bei sterbenden, schwerkranken und dementen Menschen auch nachts Einsätze leitet, aber im Gegensatz zur Spitex keine Pflegedienste anbietet, begrüsst eine Nachtspitex ebenfalls. Zwar sei auch die Onkospitex nachts im Einsatz, aber eben nur bei Krebserkrankten. «Wir begrüssen grundsätzlich jedes Angebot, das dazu beiträgt, dass Menschen in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können», sagt Wabe-Präsident Peter Heinzer. «Je umfassender das Angebot wird, desto besser.»