Aathal
Die Spinnerei wird zum Parkour-Paradies

Die Freerunner Christian Harmat und Kevin Fluri hauchen alten Industriegebäuden neues Leben ein. Mit einer Videoaktion für die HIAG Immobilien wollen die beiden Sportler den Blick für alternative Nutzungen von leer stehenden Arealen öffnen.

Sophie Rüesch
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Als Schauplatz diente unter anderem diese Halle der alten Streiff-Spinnerei in Aathal
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Als Kevin Fluri (oben) und Chris Harmat das Fussballtraining zu langweilig wurde, begannen sie mit Freerunning
Entlang der stark befahrenen Zürichstrasse entsteht auf dem Areal Leuchtturm neuer Lebensraum
Auch in den für die Garnfabrik typischen Säulenhallen tobten sich die Traceurs aus
Heute wird in der alten Spinnerei geschweisst und gehämmert
Spinnerei wird zum Parkour-Paradies
Die Traceurs Kevin Fluri und Chris Harmat in der ehemaligen Aathaler Spinnerei
Sie machen seit über fünf Jahren zusammen Parkour
Frank Butz, Kommunikationsverantwortlicher der HIAG Immobilien, kam zufällig auf die Idee für das Projekt
Chris Harmat in seinem Element
Die Freerunner sind heute mit ihrer Firma World's Parkour Family Jungunternehmer
Der 22-jährige Kevin Fluri
Kevin Fluri und Chris Harmat sind alte Freunde

Als Schauplatz diente unter anderem diese Halle der alten Streiff-Spinnerei in Aathal

Annika Bütschi

Zwischen dem idyllisch plätschernden Aabach und der Zürichstrasse, auf der täglich rund 30 000 Autos zwischen Wetzikon und Uster verkehren, steht die ehemalige Spinnerei, die früher dem Aathaler Familienunternehmen Streiff gehörte. Hier surren keine Spindeln mehr, dafür wird derzeit geschweisst, gehämmert, Leitungen werden verlegt.

Denn in der ehemaligen Garnfabrik und auf dem Rest der rund 60 000 Quadratmeter umfassenden Areale Leuchtturm, Floos und Aretshalden entsteht unter dem Motto «Vision Aathal» neuer Arbeits- und Lebensraum. 2010 übernahm die aus der Holzindustrie-Aktiengesellschaft entwachsene Firma HIAG Immobilien die Liegenschaften des traditionsreichen Textilunternehmens; seither ist sie mit der Entwicklung der Streiff-Gebäude in eine Mischnutzung aus Büro-, Wohn- und Geschäftsflächen beschäftigt.

Doch etwas passt nicht ganz ins Bild eines Fabrikgebäudes im Umbau: Zwei Gestalten in Weiss wirbeln durch die leeren Hallen, hangeln sich von Geländer zu Geländer, springen über Häuserschluchten und machen Rückwärtssaltos aus dem Stand. Es sind die beiden Parkour-Profis Christian Harmat und Kevin Fluri, die seit April dieses Jahres leerstehende Gelände der HIAG Immobilien erkunden und in Szene setzen.

Parkour, auch Freerunning genannt, ist eine Sportart, bei der im meist städtischen Umfeld eine Strecke von A nach B auf dem kürzesten Weg zurückgelegt wird. Dabei werden Hindernisse nicht umgangen, sondern möglichst effizient in Angriff genommen und überwunden. Was vor rund 25 Jahren in einem Pariser Banlieue als Ausdruck einer neuen Jugendkultur begann, ist heute eine der bekanntesten und spektakulärsten Freestyle-Sportarten mit einer weltweiten Anhängerschaft. Auch in der Schweiz gibt es eine lebendige Freerunning-Szene: Rund 900 sogenannte Traceurs gebe es hier, so der Speed-Weltmeister Harmat.

Der 22-jährige Fluri und der 21-jährige Harmat fanden vor fünf Jahren zusammen zum Freerunning, nachdem ihnen das Fussballtraining zu langweilig wurde. Schnell machten sie sich einen Namen in der Szene. Mittlerweile sind sie mit «World's Parkour Family» Jungunternehmer und gefragte Freerunner, die für Veranstaltungen und Wettkämpfe um die ganze Welt ziehen; gerade sind sie von einem Freestyle-Anlass in Indien zurückgekehrt.

Die Anfrage der HIAG Immobilien kam für sie überraschend. Trotzdem sagten sie sofort zu, nicht zuletzt auch deshalb, weil der Vertrag mit der Immobilienfirma ein festes Einkommen neben den unregelmässigen Verpflichtungen darstellte. Das erste Projekt realisierten sie auf dem Kunzareal in Windisch - ebenfalls ein altes Textilindustrieareal, auf dem heute Wohnungen, ein Armee-Rekrutierungszentrum und der Aargauer Technopark stehen. Jeweils vor Baubeginn tüfteln sie ein Programm aus, das auf die Eigenheiten der Areale eingeht. Für jedes Projekt erfinden sie einen neuen Sprung und halten alles in einem Video fest, das schliesslich auf der HIAG-Immobilien-Website aufgeschaltet wird.

Doch was hat diese Freestyle-Sportart mit Immobilienentwicklung zu tun? Gemäss Frank Butz, Kommunikationsverantwortlicher der HIAG Immobilien, gar nicht so wenig: «Beim Parkour wie auch bei der Entwicklung von ehemaligen Industriearealen zählen Professionalität, Durchhaltewille und Innovation.» Harmat ergänzt: «Parkour ist nicht nur eine Sportart, sondern eine Lebenseinstellung. Es geht darum, Probleme auf dem besten Weg auf die logischste Art zu lösen, anstatt ihnen aus dem Weg zu gehen.» Und der effiziente Umgang mit Herausforderungen spiele beim langwierigen Prozess einer Arealentwicklung eine genauso grosse Rolle wie beim Parkour.

Denn so etwas wie eine spontane Parkour-Tour gibt es für professionelle Freerunner nicht. Da muss jedes Hindernis analysiert werden, jeder Tritt sitzen; nur so kann das Verletzungsrisiko sehr gering gehalten werden. Harmat und Fluri stimmen darin überein, dass Parkour viel weniger gefährlich als sein Ruf ist - wenn die Vorbereitung stimmt. «Für diese Sportart muss man seinen Körper vollkommen unter Kontrolle haben. Das erfordert zuerst einmal viel Übung», so Fluri. Und Mut: «Vor einem Sprung muss man sein Ziel klar vor Augen halten, sonst gelingt er nicht», sagt Harmat.

Darin sieht Butz eine weitere Parallele zum Immobilienprojekt: Projekte wie die Umnutzung eines so traditionsbehafteten und weitläufigen Areals könnten nur mit einer klaren Vision gelingen. Indem sie die beiden Freerunner engagierten, wollten die HIAG Immobilien «ein positives Zeichen setzen», so Butz. Die Idee hinter der ungewöhnlichen Inszenierung der Liegenschaften sei einerseits, Aufmerksamkeit für die Entwicklungsprojekte zu generieren und andererseits, den Blick auf die Objekte für neue Nutzungen zu öffnen.

Zwar wird dort, wo Fluri und Harmat heute herumturnen, kein Freerunning-Park stehen. Vielmehr soll die Parkour-Aktion das Potenzial des Leuchtturm-Areals jenseits der industriellen Nutzung zeigen. Denn obwohl man beim Umbau optisch auf die Erhaltung des Industriecharmes setzt, soll ab Ende 2013 neues Leben in die alten Bauten einziehen. So etwas erfordere auch Vorstellungskraft.

Die ungewöhnliche Paarung scheint zu funktionieren. Das Projekt sei gut angekommen und auch die Zusammenarbeit zwischen den Immobilienentwicklern Arealentwicklern und den Freerunnern funktioniere «extrem gut», so Butz. Denn für die beiden Freerunner sind die leer stehenden Industriegebäude wie die Aathaler Spinnerei das reinste Paradies. «Beide Seiten können ihren Nutzen daraus ziehen: Sie setzen für uns das Areal auf eine frische Weise in Szene, und wir stellen ihnen einzigartigen Übungsraum zur Verfügung», meint Butz.