Birmensdorf

Die spannende Geschichte des Künstlers Heinrich Baur, der 1888 das Bildnis von Gottfried Keller in Holz stechen wollte

Der junge Holzschneider Heinrich Baur wendet sich im Oktober 1888 mit einer Bitte an die zwei bekanntesten Schweizer Schriftsteller, Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer: Er möchte ihr Bildnis in Holz stechen. Die Antworten von Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer fielen ihrem Wesen entsprechend sehr unterschiedlich aus.

Conrad Ferdinand Meyer, in den 1880er-Jahren auf dem Höhepunkt seines Schaffens, war Ende 1887 erkrankt und das ganze Jahr 1888 arbeitsunfähig. In der Folge sollte bis zu seinem Tod 1898 nur noch ein neues Werk, die Novelle «Angela Borgia», erscheinen. Sein Antwortschreiben vom 29. Oktober 1888, dem er vier Fotografien beilegte, war ermunternd: «Ob Profil oder de face muss ich Ihrem Gefühl überlassen. Dagegen sende ich noch einiges Material.» Mit «Freundlichst C. F. Meyer» unterzeichnete er den Brief.

Wenige Monate später lag das fertige Werk vor und Meyer fand Gefallen daran. Eine verkleinerte Reproduktion wurde 1891 und 1892 für zwei Auflagen von Meyers «Gedichten» als Frontispiz verwendet. Meyer fand den Lichtdruck nach dem Schnitt «vorzüglich»: Er «erinnert, durch ein seltsames Spiel, wieder an mein früheres Gesicht u. vereinigt alle Alter», teilte er seinem Verleger mit.

Keller: «Sie müssen sich nicht mit meinem Kopfe beschäftigen»

Die Reaktion des andern Zürcher Dichters hätte gegenteiliger nicht sein können. Gottfried Keller war damals 69 Jahre alt. Zwei Jahre zuvor war sein letztes Werk, der Roman «Martin Salander», erschienen. Der Schriftsteller lebte zurückgezogen in Zürich. Er beantwortete die Anfrage erst, nachdem Baur ein zweites Mal an ihn gelangt war. Der Dichter verfasste seine Antwort nun umgehend. Sein Schweigen begründete er mit einem Todesfall. Tatsächlich war am 6. Oktober 1888 seine Schwester Regula gestorben. Sie hatte mit ihm gelebt und ihm den Haushalt geführt.

Kellers Schreiben vom 15. Oktober war unwillig und abweisend. «Geehrtester Herr, (...) ich bedauere, Ihr Vorhaben mein Bild in Holz zu schneiden und zu publiciren, ablehnen zu müssen. Einmal ist mir dies fortwährende Ausbieten meiner Portraits an sich zuwider; dann eignen sich die Photographien (...) nicht gut dazu, da sie schlecht, d. h. ohne Verständnis retouchirt sind. Soeben ist eine derselben in einer sogenannten Schweiz. Portrait-Gallerie bei Orell, Füssli & Comp. erschienen und eine förmliche Entstellung geworden. Ich ersuche Sie also, von diesem Gegenstande für Ihre Thätigkeit absehen zu wollen. Es ist ja nicht gesagt, dass Sie sich durchaus mit meinem Kopfe beschäftigen müssen. Ihr hochachtungsvoll ergebenster G. Keller.»

Baur hielt sich nicht an Kellers ablehnenden Bescheid. Denn interessanterweise existiert auch ein Holzschnitt des Künstlers mit dem Antlitz Gottfried Kellers. Wie dieser trotz der deutlichen Absage des Schriftstellers zustande kam, ist nicht bekannt.

Baur nimmt 1889 an der Weltausstellung teil

Wer war dieser Künstler, dessen einfache Bitte das derart unterschiedliche Verhältnis zweier Zürcher Dichtergrössen zu ihrem Äussern entlarvt? Heinrich Baur wurde am 11. November 1862 in Birmensdorf geboren und wuchs mit seinen fünf älteren Geschwistern auf. Der Vater, Kaspar ( geboren 1825), starb, als Heinrich elf Jahre alt war. Mit dreizehn Jahren erhielt er in Zürich ersten Zeichenunterricht bei Johann Conrad Werdmüller (1819-1892). Der Zeichner und Kupferstecher lehrte an verschiedenen Schulen, unter anderem als Honorarprofessor am eidgenössischen Polytechnikum, der heutigen ETH. In Zürich liess sich Heinrich Baur später bei der Xylographischen Anstalt J. R. Müller auch zum Holzschneider ausbilden.

Nach Abschluss der Lehre lebte der junge Birmensdorfer lange Zeit im Ausland. Er zog nach Stuttgart, wo er den Illustrationsholzschnitt erlernte. Danach verbrachte er mehrere Jahre in Berlin und studierte an der Kunstgewerbeschule in München. 1886 reiste er nach Paris, wo er die École des arts décoratifs besuchte und bis 1898 wohnte und arbeitete.

1889 fand in Paris die zehnte Weltausstellung statt. Sie stand im Zeichen der Hundertjahrfeier der Französischen Revolution. Zu diesem Anlass wurde der Eiffelturm errichtet. Baur war Mitglied der schweizerischen Ausstellungskommission und stellte vier Holzschnitte aus: das Antlitz Conrad Ferdinand Meyers und drei Landschaftssujets.

Heinrich Baur wurde für seine Arbeiten mehrfach ausgezeichnet. Er erhielt beispielsweise 1896 eine Ehrenmeldung vom Salon des Champs-Elysées in Paris für seinen Holzschnitt «Italienerin» nach einem Aquarell von Brocos (1893).

1898 kehrte der ledige Künstler nach Birmensdorf zurück, wo er mit seiner Mutter Anna (1829-1909) und seiner ledigen Schwester «Babettli» (1852-1929) im Elternhaus lebte und ein Atelier im Dachgeschoss für seine Arbeiten benutzte. Doch das Holzschneiden hatte einen schweren Stand. Um die Jahrhundertwende wurde der Holzstich durch photochemische Verfahren verdrängt, die kostengünstigere und authentischere Reproduktionen ermöglichten. Baur wandte sich nun seiner eigentlichen Leidenschaft zu, der Malerei.

Der heimat- und traditionsverbundene Birmensdorfer Künstler malte vor allem Bilder unberührter Landschaften: Wiesen, plätschernde Bäche und heile Bergwelten. Seine Motive fand er in seinem Heimatdorf, im nahen Reppischtal, in den Bündner Bergen und im Tessin.

Die «Hodler-Clique» und die «Sezessionisten»

1906 riefen in Luzern traditionelle Maler die reaktionäre «Schweizer freie Künstlervereinigung (Sezession)» ins Leben. Baur war Mitglied der Sektion Zürich. Gegründet wurde die Sezession als Gegenbewegung zur «Gemeinschaft Schweizer Maler, Bildhauer (GSMB)». Die traditionsgebundenen Sezessionisten richteten sich vor allem gegen die von ihnen als «Hodler-Clique» beschimpften Modernisten rund um Ferdinand Hodler (1853-1918).

Sie hatten den Eindruck, zunehmend im Schatten des erfolgreichen Hodlers zu stehen, sahen sich aus Ausstellungen und Jurys verdrängt und bei subventionierten Bilderankäufen benachteiligt. Die beiden Vereinigungen und deren Anhänger prallten in der Folge wiederholt aufeinander. An der «1. Schweizerischen Sezession Ausstellung» in der Kunsthalle Basel im November 1906 beteiligte sich Baur mit zwei Ölgemälden («Waldidyll» und «Waldwiese im Frühling») und drei Aquarellen («Elfenreigen», «Waldweg» und «Vorfrühling»).

Seit 1908 betätigte sich der Kanton Zürich im Sinne der Kunstförderung als Kunstsammler und kaufte in der Folge jährlich zwei bis drei Kunstobjekte. 1911 fiel die Ehre unter anderem auf Heinrich Baurs im Kunsthaus ausgestelltes und als «preiswürdig» erachtetes Bild «Vorfrühling am Bach» (ohne Jahresangabe). Gemäss der Charakterisierung im Regierungsratsbeschluss stand Baur «am Anfang seines künstlerischen Schaffens», eine bemerkenswerte Einschätzung angesichts seines Alters von fast 50 Jahren. Das Gemälde wurde vom Kanton für 220 Franken erworben.

Baur muss in der Folge aber starken Gegenwind gespürt haben. Im November 1913 beklagte er sich schriftlich bei Heinrich Angst (1847-1922), Textilkaufmann und damaliger britischer Generalkonsul in Zürich, über die Herrschaft der «Hodler-Clique». Da er seine Überzeugung nie verleugnet habe, schrieb der Künstler, sei er von den nationalen und internationalen Kunstausstellungen ausgeschlossen und schwer geschädigt worden. Er wünschte die Besprechung einer dem Schreiben beigelegten Broschüre, in der die von ihm angeprangerten Zustände geschildert wurden in der Tageszeitung «Züricher Post», der Angst angeblich nahestand.

Baur wandte sich nicht zufällig an Heinrich Angst. Angst war um die Jahrhundertwende als erster Direktor des Landesmuseums im sogenannten Freskenstreit als Speerspitze der Gegner Hodlers aufgetreten. Die Traditionalisten störten sich damals daran, dass Hodlers Wandgemälde «Rückzug von Marignano» für den Waffensaal des Landesmuseums den Krieg nicht heroisch, sondern realitätsnah und ungeschönt darstellte. Ob Angst dem Maler antwortete, ist nicht bekannt. Ein entsprechender Artikel in der «Züricher Post» ist in den folgenden Wochen nicht nachzuweisen.

Nationalsozialistisches Gedankengut

Über das weitere Leben des Künstlers ist wenig bekannt. Baur zog sich nicht ganz freiwillig mehr und mehr aus der Kunstszene zurück. Er organisierte in der Folge eigene, mit beträchtlichem finanziellem Aufwand verbundene Ausstellungen und mied den Besuch offizieller Kunst-Ausstellungen.

Gegen Ende seines Lebens publizierte Baur ein Buch, das seine damalige rechtsextreme Gesinnung widerspiegelt. Im Selbstverlag veröffentlichte er 1934 ein nationalsozialistisches Pamphlet mit dem Titel «Streifzüge im Lande Wilhelm Tells». In der Hauptsache drei Protagonisten, darunter ein zweifelsfrei autobiographische Züge aufweisender Kunstmaler, kritisierten und diskutierten in dem umfangreichen Werk im Rahmen einer groben Handlung gesellschaftliche, allesamt den Juden und Freimaurern angelastete Missstände und mögliche Lösungsansätze. Am 16. Oktober 1936 starb der Maler knapp 74-jährig.

Im Ortsmuseum Birmensdorf befinden sich Werke des lokalen Künstlers, und innerhalb der Kunstsammlung des Kantons Zürich, die heute über 20 000 Kunstwerke umfasst, fünf Gemälde von Heinrich Baur.

*Elisabeth Rickenbacher forscht am Deutschen Seminar der Universität Zürich und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projekts «C. F. Meyers Briefwechsel» des Schweizerischen Nationalfonds.

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