Sie sind eine ungewöhnliche, aber leidenschaftliche Theatergruppe: Die «Schrägen Vögel». Sie besteht hauptsächlich aus Menschen am Rande der Gesellschaft, die normalerweise äussert selten im Rampenlicht stehen. Ab diesem Wochenende treten sie mit dem «Wiediker Krimi» im titelgebenden Quartier auf, das gleichzeitig auch ihre Bühne ist. Dort begeben sich die Protagonisten in einem geführten als auch inszenierten Rundgang auf die Strassen, in die Hinterhöfe und in die Läden auf Tätersuche. Es ist das erste Mal, dass sich die Gruppe in dieser Form präsentiert.

«Wir wollen auf überspitzte Art und Weise die Vorurteile aufheben, die man gegenüber solchen Menschen auch heute noch hegt», sagt Nicole Stehli, Projektleiterin des Vereins «Schräge Vögel». Sie selbst bezeichnet sich als «oberschrägen Vogel», schliesslich ist sie die Gründerin der Gruppe.

Im Jahr 2009 arbeitete Stehli als Sozialpädagogin für die Sozialwerke Pfarrer Sieber in der Basisarbeit, etwa für den «Pfuusbus». In jener Zeit hatte sie die Idee, mit den Menschen, die sie dort traf, eine Theaterproduktion aufzugleisen. Ein Risikoprojekt, das sie verwirklichen wollte. «Das Theater sollte den Randständigen neuen Lebensmut schenken.»

Eine Wackelpartie

Der Anfang war jedoch schwer. «Wir arbeiteten mit obdachlosen Menschen, solchen mit psychischen Problemen und Leuten, die ein Alkohol- oder Drogenproblem hatten», sagt sie.Schwierigkeiten waren daher vorprogrammiert. Zur allerersten Probe erschien denn auch keine der angemeldeten Personen. Und bis zur Premiere war das Projekt eine Wackelpartie und Stehli war sich nicht sicher, ob sie die Aufführung am Ende alleine bestreiten muss. Aber alles funktionierte und das Projekt reüssierte.

2012 entstand daraus der Verein «Schräge Vögel», dessen Präsidium heute Tanja Polli innehat. Verschiedene Theaterstücke folgten und der Zusammenhalt wuchs. «Wir sind inzwischen wie eine grosse Familie», sagt Stehli, die heute auch Theaterpädagogin ist.

Die Gruppe besteht aus zwölf Personen zwischen 40 und 70 Jahren, von denen nur wenige bei der Gründung dabei waren. Sie bezeichnen sich noch immer als Menschen vom Rande der Gesellschaft, aber ihre Situation sei anders als noch vor zehn Jahren. «Unsere Theaterleute sind besser integriert als früher, sie haben sich entwickelt und sind stabiler», sagt Stehli. Dennoch seien deren Lebenssituationen teilweise immer noch schwierig.

Bis anhin war es sich die Gruppe zudem gewohnt, ein Stück im Alleingang zu schreiben und zu entwickeln, doch der «Wiediker Krimi» beruht erstmals auf einer bekannten Vorlage: dem Roman «Schrottreif» von Isabel Morf, der ebenfalls in Wiedikon spielt. «Wir setzen den Stoff aber nicht Roman-getreu um, sondern versuchen, die Geschichte durch unsere Vision zu erzählen», sagt Stehli.

Eine Hommage

Wichtig war es den «Schrägen Vögeln», dass ihr Krimi auch eine Hommage an Wiedikon wird. «Seit sechs Jahren proben wir im Johanneum in Wiedikon und wir sind dem Quartier sehr verbunden», sagt Stehli. Als Schauplätze dienen verschiedene Orte rund um die Schmiede Wiedikon, an die das Publikum von Szene zu Szene laufen muss. Es sind aber keine grosse Distanzen.

Das Laufen dient auch dem Krimi selbst: So wird man sich zunächst auf einer idyllischen Stadtführung wähnen, die jäh von einem Mordfall unterbrochen wird. Zwei Detektive begeben sich im Zuge dessen auf eine amüsante Spurensuche, bei der sogar ein Hund zum Einsatz kommt. Und ganz wie bei Agatha Christie haben sämtliche Verdächtige ein Alibi.

Ein besonderer Clou des Krimis ist, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer gegen Ende des Stücks auch als Geschworene befragt werden. Das Publikum ist mit jeweils 14 Personen pro Aufführung überschaubar. «Das war eine bewusste Entscheidung, denn wir wollten Nähe zum Ensemble schaffen und so auch verschiedene Gesellschaftsschichten miteinander verbinden», so Stehli.

Noch kein Jubiläum

Der «Wiediker Krimi» ist mit seinen 13 Vorstellungen ein grosses Projekt und man ist versucht zu glauben, es handle sich dabei um die Jubiläumsproduktion des Vereins. Dem widerspricht Stehli: «Wir sind, wie es der Name schon sagt, schräge Vögel, daher haben wir uns entschlossen, nicht unser zehntes, sondern erst unser elftes Jahr zu feiern.» Viel will Stehli dazu noch nicht verraten, aber Ziel ist es, eine Tournee durch die ganze Schweiz auf die Beine zu stellen.

Langweilig wird es den «Schrägen Vögeln» jedenfalls nicht. So wird die Gruppe auch für Anlässe mit dem kurzen Stück «Bänkligschicht» gebucht, das einen humorvollen, wie eindrücklichen Blick in das Leben eines Obdachlosen bietet. Ebenso sind die Darsteller mit verschiedenen Vorträgen am Start, sei es kurz oder lang, um über ihr Leben zu berichten.
Und es gibt die Vögel mittlerweile auch in schriftlicher Form: Mit «24 Kurzgeschichten aus unserem Leben» haben sie ein Buch veröffentlicht, das mit Episoden aus den Jahren der Theatergruppe aufwartet und so einen Blick hinter die Kulissen gewährt.

Mit diesem Buch, aber auch mit den Theaterproduktionen, wird klar, dass die «Schrägen Vögel» als lebensbejahende Gruppe auftritt. Fern der ganzen Tragik, die jedes einzelne Mitglied in seinem Leben erfahren musste. Stehli weiss warum das so ist und gibt damit auch ihre Motivation für die Arbeit preis: «Es ist schön zu sehen, wie diese Menschen beim Theaterspielen aufblühen.»