Das Spital Affoltern ist veraltet, defizitär und seit Jahren zu wenig ausgelastet. Die Behandlungskosten zählen zu den höchsten im Kanton. Obschon es das einzige Spital im Säuliamt ist, lässt sich dort nur etwas mehr als ein Drittel der Bevölkerung behandeln. Der Rest der Einwohnerinnen und Einwohner des Bezirks Affoltern weicht auf andere nahe gelegene Spitäler aus.

Der Zürcher Regierungsrat hält das über 100 Jahre alte Spital Affoltern nicht mehr für versorgungsrelevant. Dazu müsste es mindestens fünf Prozent der Kantonseinwohner behandeln. Doch diesen Wert erreicht es in keinem einzigen stationären Bereich, in dem es den Leistungsauftrag des Kantons erhält. Der Anteil liegt bei 1,5 Prozent, was zur Folge haben könnte, dass es die Leistungsaufträge bei der nächsten Vergabe verliert und von der Spitalliste gestrichen wird. Die neue Liste soll 2022 in Kraft treten.

So erdrückend diese Fakten sind: Ob das Spital Affoltern geschlossen wird, lässt sich auch wenige Tage vor der wegweisenden Abstimmung vom kommenden Sonntag nicht vorhersagen. Denn die Säuliämtler werden auch mit ihrem Herz und Bauch über die Zukunft ihres Spitals entscheiden. Einige kamen dort zur Welt, haben sich dort behandeln lassen oder ihre Angehörigen besucht. Andere gehören zu den 720 Mitarbeitenden oder sind auf die Aufträge des grössten Arbeitgebers der Standortgemeinde angewiesen. Und für manche verkörpert es sogar einen Teil der Identität dieser Region.

Finanzielles Risiko

Bei all diesen Emotionen ist es nicht verwunderlich, dass im Abstimmungskampf mit harten Bandagen gekämpft wird. Die Fronten sind dabei nicht immer klar auszumachen. Das liegt auch an der komplexen Vorlage. Die Säuliämtler werden am Sonntag gleich dreimal befragt. Erstens: Soll der Spital-Zweckverband, dem 14 Gemeinden angehören, aufgelöst werden? Zweitens: Soll für den Bereich der Langzeitpflege eine Interkommunale Anstalt (IKA) gegründet werden? Und drittens: Soll das Akutspital künftig als gemeinnützige Spital AG geführt werden?

Die Spitalleitung ist für die Auflösung des Zweckverbands und die Gründung einer AG, respektive einer IKA für den Bereich der Langzeitpflege. Sie glaubt an die Zukunft des Spitals und will es mit Investitionen von 110 Millionen Franken aus der Misere führen. Konzentrieren soll man sich auf die Grundversorgung und die Altersmedizin, für deren Qualität Affoltern weitherum bekannt ist. In den anderen Bereichen würde man mit den Zürcher Stadtspitälern sowie mit dem Kantonsspital Zug stärker zusammenarbeiten. Mit Ausnahme der FDP befürworten alle Parteien dieses Szenario. Exponenten wie alt Nationalrat Toni Bortoluzzi (SVP) sowie Ärzte und viele Gewerbler sind ebenfalls für den Fortbestand des Spitals. Von den 14 Zweckverbandsgemeinden empfiehlt die Hälfte der Exekutiven diese Variante.

Nicht dazu gehört aber ausgerechnet der Stadtrat von Affoltern. Die Regierung der Standortgemeinde ist gegen die Gründung einer AG, auch wenn das Nein wohl das Ende des Spitals bedeuten würde. Die Erfolgsaussichten bei einer Weiterführung seien gering, das finanzielle Risiko hoch, sagte der Affoltemer Stadtpräsident Clemens Grötsch im Februar an einer Medienkonferenz. Er befürchtet hohe Ausgaben, die andernorts – etwa in der Bildung – fehlen würden oder eine Erhöhung des Steuerfusses zur Folge haben könnten.

Auch die FDP sieht das so. Aus übergeordneter Sicht mache das Spital Affoltern wenig Sinn, sagt der Hausemer FDP-Kantonsrat Olivier Hofmann. Die Schliessung sei zu verkraften. Der ambulante Bereich werde bereits durch die niedergelassenen Ärzte abgedeckt. Die Liegenschaften könnten umgenutzt und beispielsweise einem Geburtshaus oder einer Praxis für Physiotherapie zur Verfügung gestellt werden. Bei Bedarf könnte sich der Stadtrat eine Permanence im Zentrum Affolterns vorstellen. Und auch für eine Anschlusslösung der 720 betroffenen Spitalangestellten werde man sich einsetzen, versprach Stadtpräsident Grötsch.

Zusätzliche Hürden

Als wäre die Ausgangslage nicht schon unübersichtlich genug, müssen für die Gründung der AG und der IKA ein Quorum von 75, respektive 60 Prozent erreicht werden. Entscheidend ist dabei nicht die Gesamtzahl der Ja- und Nein-Stimmen im Bezirk, sondern das Resultat der einzelnen Gemeinden. Das Ergebnis der grossen hat mehr Gewicht. Stimmt beispielsweise eine knappe Mehrheit der Affoltemer für die AG, sind bereits 21,5 Prozent des Quorums erreicht. Mit einem Ja der Rifferswiler kommen dagegen nur 1,9 Prozentpunkte zusammen. Das bedeutet natürlich auch, dass bei einem Nein der Affoltemer die Chancen für die Gründung einer AG verschwindend klein werden.

Eine Hürde ist auch bei der Auflösung des Zweckverbands eingebaut. Stemmt sich nur eine Gemeinde dagegen, bleibt der Zweckverband bestehen.