Der Star des Tages trägt Blau. Sie hat elegante Züge, doch unter dem dezenten Gewand erahnt man ihre Rasanz. Mercedes steht am frühen Morgen pünktlich bereit, das neue TCS-Mobilitätszentrum einzuweihen in Schlieren, neben Gleisen und der Gasometerbrücke, wo zuvor eine Brache als Parkplatz diente. Anstelle eines roten Teppichs gleitet sie über den schwitzenden neuen Asphaltbelag – ehe sie jäh und laut quietschend stoppt. Christian Gilgen ist zufrieden: Die Vollbremsung hat geklappt. 

Das erste geprüfte Auto im neuen TCS-Mobilitätszentrums in Schlieren

Das erste geprüfte Auto im neuen TCS-Mobilitätszentrums in Schlieren

Der blaue Mercedes ist der erste Wagen, der im neuen Zentrum auf einer der drei Prüfbahnen begutachtet wird. Dem auszubildenden Experten Gilgen gebührt die Ehre, sich von den Besuchern über die Schulter schauen zu lassen und in einem Beitrag von «Tele Top» zu erscheinen. Es hat ihn getroffen, weil sein Chef Gianni Santostefano Erklärungen gibt und Fragen beantwortet, und der dritte Prüfer noch in den Ferien weilt.

Gilgen beweist Selbstironie und Geduld. Wer schon einmal seinen Wagen vorgeführt hat, weiss, wie abwegig diese Beschreibung scheint. Der Fahrzeugexperte – nicht selten nimmt er auch Fahrprüfungen ab – ist ein knorrig-mürrischer Mensch, dessen einzige Freude darin zu liegen scheint, Mängel aufzudecken. Und wehe dem, der sich erdreistet, der Fahrzeugprüfung beiwohnen zu wollen, statt im sterilen Warteraum neben Plastikpflanzen an einem Automatenkaffee zu nippen. 

Umsicht im neuen Mobilitätszentrum in Schlieren

Umsicht im neuen Mobilitätszentrum in Schlieren

Dabei wird leicht vergessen: Die Experten der Strassenverkehrsämter stehen unter einem grossen Druck: immer mehr Fahrzeuge, immer weniger Zeit, aber die immer gleiche Verantwortung. Die Chance des TCS liegt in der grösseren Kundennähe. Damit legitimiert er die höheren Kosten der Prüfung (siehe Box). «Wir kümmern uns um den Kunden und geben ihm Tipps – die kriegt er beim Strassenverkehrsamt nicht», sagt Santostefano. Wie alle Experten hat auch er während seiner Ausbildung kurz für die Behörde gearbeitet.

Über 12'000 regionale Mitglieder

Seit 2005 darf der TCS im Kanton Zürich als einzige private Unternehmung Fahrzeugprüfungen anbieten. Hintergrund ist die Entlastung der notorisch
im Hintertreffen liegenden Strassenverkehrsämter. Reto Cavegn lässt durchblicken, dass hartnäckige Lobbyarbeit schliesslich zum Ziel führte. Der Oberengstringer sass von 1995 bis 2006 für die FDP im Kantonsrat und ist seit 1987 Geschäftsführer der Zürcher TCS-Sektion. Die vertritt rund 200'000 Mitglieder, gemäss Cavegn wohnen über 12'000 davon im Limmattal. Während der Mercedes auf Bremsschlauch und Radlager geprüft wird, steht Cavegn wie ein Teenager daneben, um jeden Moment fotografisch festzuhalten. 

Interview Reto Cavegn im Büro des neuen Mobilitätszentrums in Schlieren

Interview Reto Cavegn im Büro des neuen Mobilitätszentrums in Schlieren

Allerdings nicht mit seinem Smartphone, sondern mit einer Kompaktkamera. Er blickt zufrieden über das 3500 Quadratmeter grosse Areal, die Limmattaler Autostadt hat ein Herz erhalten. In früheren Gedankenspielen habe der TCS Oberengstringen oder Dietikon als Standort erwogen. «Am Autostandort Schlieren ist ein Zentrum wie dieses aber optimal.»

Erste Prüfung bestanden

Vor zehn Jahren weihte Cavegn in Volketswil das erste Mobilitätszentrum ein, das nächste folgt bald in Neftenbach. Der mächtige Verband hat sich zum Ziel gesetzt, jedem Mitglied binnen 15 Minuten Zugang zu einem solchen Zentrum zu ermöglichen. In Schlieren rechnet er mit jährlich 12 500 Kontrollen. Davon sind 9000 Prüfungen, der Rest umfasst das breite Angebot an Checks und weiteren Dienstleistungen. Cavegn lächelt auf die Frage, wie er den durch das Zentrum verursachten Mehrverkehr in dieser geplagten Gegend einschätzt. Die Antwort überrascht nicht: «Die paar Autos pro Stunde merkt man hier nicht.».

Der blaue Mercedes hat die Prüfung inzwischen hinter sich: Die bald zehn Altersjahre haben keine grossen Narben hinterlassen. Ein zu tiefer Lichtstand und eine Empfehlung für einen neuen Pneu sind kein Grund für eine Nachprüfung. Christian Gilgen lässt den Stempel nach unten sausen – 05. Okt. 2015 ZH/2 steht auf dem Prüfbericht und im Fahrzeugausweis. Besitzer Samir Radwan hat damit gerechnet. Seit dem Jahr 2003 führt er einen Autohandel. Wie viele Fahrzeuge er schon prüfen gelassen hat? «Jeden Tag eins.»

Da liegt es nah, dass er der erste Kunde im neuen Zentrum ist. Ironischerweise ist Radwans Autohaus in Regensdorf ansässig, wo das vom Limmattal nächstgelegene Strassenverkehrsamt liegt. Dennoch ist er seit Jahren TCS-Kunde und nahm bis gestern sogar den weiten Weg nach Volketswil auf sich. Die Terminfindung verlaufe unkomplizierter, erklärt er. Darüber hinaus seien die Prüfer strenger als beim Strassenverkehrsamt. «Als Private müssen sie sich beweisen», sagt Radwan.

Werkstattleiter Santostefano verabschiedet sich per Handschlag vom Autohändler. Man kennt sich seit Jahren, schliesslich war Santostefano zuvor im Mobilitätszentrum in Volketswil tätig. Die Eröffnung in Schlieren bedeutet für ihn eine Heimkehr: Der Limmattaler wohnt zehn Minuten entfernt. Das geht Reto Cavegn ähnlich. Der Oberengstringer steht im Eingangsbereich des Zentrums und führt amüsiert einen kurzen Videoclip vor. Es zeigt einen Zug, der in Fernost durch einen unmittelbar an den Gleisen platzierten Markt rast. Nicht alles an diesem Morgen dreht sich um Autos.