Fussball 1. Liga

Die Liebe führte ihn von Hamburg hierher: Der FC Dietikon setzt im Sturm auf einen Algerier

Auch beruflich will der Offensivakteur Hichem alias Isa Oudjouadj in der Schweiz glücklich werden.

Auch beruflich will der Offensivakteur Hichem alias Isa Oudjouadj in der Schweiz glücklich werden.

Der 24-jährige algerische Neuzugang Hichem Oudjouadj soll den Angriff des 1.-Ligisten FC Dietikon unberechenbarer machen. Die Sturmhoffnung hat es von Hamburg aus ins Limmattal verschlagen. Schuld daran ist seine Ehefrau – und mit ihr die UBS Zürich.

Die Sonne brennt vom wolkenlosen Himmel, die Temperaturen bewegen sich um die 30 Grad im Schatten. Dennoch kommt Hichem Oudjouadj mit langer Trainerhose und Pullover zum Interview in eine Dietiker Bäckerei. Lässig, mit weissen Kopfhörern unter dem schwarzen Cap und den neusten Beats in den Ohren. «Hallo, ich bin Isa», sagt die neue Sturmhoffnung des FCD und hält zur Begrüssung ganz coronakonform die Faust entgegen. Isa? «Das ist einfacher und auf dem Platz schneller gesagt – Isa statt Hichem, das passt.» Nach ein paar Worten mit FCD-Sportchef Christian Müller, der ebenfalls am Tisch sitzt, erzählt Hichem – oder eben Isa – Oudjouadj, wie es dazu kam, dass er vor ein paar Wochen aus dem hohen Norden Deutschlands ins Limmattal wechselte.

Am Ursprung des Transfers stand Oudjouadjs Ehefrau. Die beide heirateten vor gut einem Jahr und richteten sich in Hamburg gemütlich ein. Es schien alles in geordneten Bahnen zu verlaufen. Familienmensch Oudjouadi hatte seine Eltern und Verwandten um sich herum, seine Frau – deren Name er nicht in der Zeitung stehen haben möchte – strebte dem Abschluss ihres Wirtschaftsstudiums entgegen. «Ein Wechsel ins Ausland war damals überhaupt kein Thema», sagt der Mann, der zuletzt bei einem Hamburger Oberligisten namens TSV Buchholz 08 unter Vertrag stand.

Doch als seine Gattin ihr Wirtschaftsstudium beendet hatte, flatterte ihr ein Jobangebot der UBS in Zürich auf den Tisch. «Das war natürlich ein grosses Glück, so eine Chance erhält man nicht alle Tage. Hier in der Schweiz lässt sich gutes Geld verdienen», blickt Dietikons neuste Sturmhoffnung zurück. So zog seine Liebste bereits im vergangenen September nach Zürich und trat ihre neue Stelle an, Hichem indes blieb in Hamburg.

In Deutschland durfte er nicht arbeiten

Dass er seiner Ehefrau in die Schweiz folgen würde, war von vornherein klar gewesen. Als anerkannter Wirtschaftsflüchtling ist Oudjouadj in Deutschland wohl geduldet, mehr aber auch nicht. Das habe man ihm immer wieder zu verstehen gegeben. Mal subtil, mal weniger. «Als ich achtjährig war, zog meine Familie von Algerien nach Hamburg. Aufgrund meines Status war es mir in Deutschland verboten, eine Lehre zu beginnen oder zu arbeiten.» So widmete er sich nach Abschluss der obligatorischen Schule vermehrt dem Fussball, zu einer Profikarriere reichte es dem Offensivspieler indes nicht. Er spielte bei verschiedenen Amateurvereinen in Hamburg.

Die neuen Gesichter beim FC Dietikon (von links, obere Reihe zuerst): Jalal Jahoor, Luis Serra Cruz, Pedro Russiano (Assistenztrainer), Hichem Oudjouadj, Tim Neziri, Shayan Maroufi, Florentino Da Silva und Liridon Mazreku.

Die neuen Gesichter beim FC Dietikon (von links, obere Reihe zuerst): Jalal Jahoor, Luis Serra Cruz, Pedro Russiano (Assistenztrainer), Hichem Oudjouadj, Tim Neziri, Shayan Maroufi, Florentino Da Silva und Liridon Mazreku.

Der Entschluss war also gefasst, Hichem wollte in die Schweiz. Im Rahmen des Familiennachzugsprogramms des Bundes war dies auch kein Problem. Oudjouadj erhielt eine Aufenthaltsbewilligung B, darf in unserem Land also arbeiten. Und somit auch Fussball spielen. Oudjouadj: «Die Frage war nur: Wo und bei welchem Verein?» Eine Internetrecherche führte ihn unter anderem auch auf die Website des FC Dietikon. «Ich habe verschiedene Vereine in der Umgebung angeschrieben, die einen haben mir nicht einmal geantwortet.»

Nicht so der FCD. Oudjouadj wurde zu einem ersten Sichtungstraining eingeladen und überzeugte die Verantwortlichen sofort mit seinem Zug aufs gegnerische Tor, mit seinem Engagement und seiner offensichtlichen Leidenschaft für den Sport. «Ich habe nach dem ersten Training zu Trainer João Paiva gesagt: Den holen wir», blickt FCD-Sportchef Christian Müller mit einem Schmunzeln zurück. Weil sich Testspieler Oudjouadj auf Anhieb beim Klub von der Dornau wohlfühlte und der Verein ihn behalten wollte, wurden sich die beiden Parteien rasch einig und schlossen einen Vertrag für die kommende 1.-Liga-Saison 2020/21 ab.

«Mit Dietikon müssen wir uns nicht verstecken»

Finanziell gehen die Dietiker mit dem Transfer kein grosses Risiko ein. Eine Ablösesumme musste nicht nach Hamburg überwiesen werden, und Oudjouadj erhält lediglich die ÖV-Kosten für die Fahrten ins Training erstattet. Zudem wurde eine Punkteprämie vereinbart. Ob der 24-jährige Stürmer tatsächlich jener Knipser ist, den man in der letzten Saison so sehr vermisst hatte, bleibt abzuwarten.

Seine persönlichen Ziele mit dem FC Dietikon formuliert er folgendermassen: «Natürlich will ich mit den Jungs erfolgreich sein. Dafür spiele ich ja Fussball. Ich bin einer, der nie aufgibt, der die anderen auch mal antreibt und alles für den Sieg macht.» Wie stark die Vereine in der 1. Liga sind, kann er noch nicht abschätzen. «Aber, ich denke, mit Dietikon müssen wir uns nicht verstecken. Wir haben eine coole Truppe und ein gutes Trainerteam. Das kommt gut.»

Ein Jahr läuft Oudjouadjs Kontrakt mit dem FCD. Was kommt dann? «Da habe ich mir noch überhaupt keine Gedanken gemacht», sagt er nach kurzem Überlegen, «lassen wir doch erst einmal die Meisterschaft starten.» Arbeit hat er hier noch keine gefunden. Doch vielleicht ergibt sich in absehbarer Zeit etwas. Heute Montag hat Oudjouadj jedenfalls einen ersten Vorstellungstermin.

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