Dietikon
Die Künstler des Atelier Chrüzacher bezeichnen sich als "tonsüchtig"

Die Künstlerinnen und Künstler des Tonateliers Chrüzacher in Dietikon verbindet eine Leidenschaft. Ihre Arbeit ist nun in der Stadtbibliothek auch für die Öffentlichkeit zu begutachten.

Ly Vuong
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Tonatelier stellt in der Stadtbibliothek Dietikon aus
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Je grösser die Kugeln sind, desto schwieriger sei es, sie zu machen, sagt Hilda Keller.
Verschiedene Blattschalen von Anna-Maria von Gunten.
Rosen- und Ammonitenschalen von Rita Graf, die erst seit kurzem beim Tonatelier mitmacht.
Dieser Sternenteller von Regula Jucker fand gleich zwei Käufer.
Bruno Christen formt seine dynamischen Objekte zuerst aus Ton und erstellt diese dann aus Marmor.
Figuren die umfallen oder in verschiedener Beziehung zu einander stehen. Geformt hat sie Kursleiterin Regula Jucker.
Archaische Schale von Claudia Crevenna.
Figuren von Hilda Keller.

Tonatelier stellt in der Stadtbibliothek Dietikon aus

Ly Vuong

Schon seit 30 Jahren ist die Künstlerin und Pflegefachfrau Hilda Keller beim Tonatelier Chrüzacher dabei. «Ich habe als Hobby angefangen, mit Ton zu modellieren. Mittlerweile ist es eine Leidenschaft», sagte die 68-Jährige. Werke von ihr und fünf weiteren Künstlerinnen und Künstlern des Tonateliers sind zurzeit in einer Ausstellung der Stadtbibliothek Dietikon zu sehen. «Wir sind alle ein bisschen ‹tonsüchtig›», sagt die bildende Künstlerin und Kursleiterin Regula Jucker.

In ihren 30 Jahren Erfahrung als Leiterin hat sie schon rund 40 000 Kursteilnehmer unterrichtet. Seit 2012 leitet sie das Tonatelier Chrüzacher. In der Ausstellung werden neben Gebrauchsgegenständen auch kunstvolle Objekte präsentiert: Etwa Toneier und -figuren, die sich teilweise gegenseitig aufeinander beziehen. «Die Eier und Figuren stürzen zum Teil oder stehen in komplexer Beziehung zu einander. Die Objekte führen die Fragilität des Lebens vor Augen», erklärt Jucker.

Von Hilda Keller sieht man in der Ausstellung vor allem Rosen- und Ammonitkugeln. Je grösser eine Kugel ist, desto schwieriger sei sie zu formen. «Ich mag Kugeln. Sie haben keine Ecken. Wie im Leben sollte alles rund laufen», so Keller.

Experimente mit dem Material

Claudia Crevenna lotet gerne die technischen Grenzen des Tons aus. Die 54-jährige Dietikerin formt aus ihrer Fantasie archaische Schalen, die entweder ganz dünn oder ganz dick sind. Auch mit Glasuren zur Veredlung der Oberfläche ist die gelernte Hortleiterin experimentierfreudig. So benutzt sie etwa uralte Glasur, die sich bereits zersetzt hat. «Von Claudias Experimenten mit Ton profitieren wir alle», sagt Rita Graf, die erst vor einem Jahr zum Atelier gestossen ist.

Seit fünf Jahren dabei ist Bruno Christen. Der Brandschutzexperte modelliert aus Ton dynamische Objekte, die oft an verschlungene Möbiusbänder erinnern. «Ich lasse mich von Blüten- und Wurzelstrukturen inspirieren», sagt er. Die Ton-Prototypen dienen ihm als Vorlage für seine Marmor-Objekte, die der 57-jährige Dietiker aus ganzen Blöcken heraus meisselt. Seine Werke sind die einzigen innerhalb der Ausstellung, die nicht käuflich erwerbbar sind. «Ich kann mich noch nicht von meinen Figuren trennen», erklärt Christen.

«Ich habe einen Tonspecht von Hilda gerettet. Sie wollte ihn in die Mulde schleudern, weil sie damit unzufrieden war. Es ist ihr Ritual, um loszulassen.»

Anna-Maria von Gunten, Ton-Künstlerin

Aus Ton etwas Kreatives zu schaffen, quasi Erde zu formen, erdet und entspannt. Das fasziniert die Gruppe und diese gemeinsame Faszination und Leidenschaft verbindet. «Ich habe einen unglücklichen Tonspecht von Hilda gerettet. Sie wollte ihn in die Mulde schleudern, weil sie damit unzufrieden war. Es ist ihr Ritual, um loszulassen», erzählte die 61-jährige Anna-Maria von Gunten.

Nun steht der Specht wohlauf in ihrer Wohnung. Von Gunten zeigt in der Stadtbibliothek Gebrauchsgeschirr, Rosen und Blätterschalen. Man inspiriere und motiviere einander gegenseitig. Die Freundschaften, die im Laufe der Zeit entstanden sind und weiter wachsen, seien wertvoll, sagte Hilda Keller. Im Atelier arbeiten zurzeit 15 Menschen. Unter ihnen ist auch Karola Hurter. Die 22-Jährige konnte bei der Ausstellung nicht mitwirken. Wegen einer Weiterbildung ist sie dem Atelier seit über einem Jahr ferngeblieben. Trotzdem leistete sie einen Beitrag und nahm sich Zeit, den Flyer für die Ausstellung zu gestalten.

Verbundenheit muss man pflegen, weiss Keller. Um die erfolgreiche Vernissage vom letzten Samstag zu feiern, lud sie kurzerhand alle Ausstellenden zu sich nach Hause ein. Statt Ton modellierten sie zusammen Pizza zum Znacht. Immer noch schwärmen die Beteiligten von der gelungenen Vernissage. Viele positive Reaktionen hätten sie erhalten. Die Besucher seien allgemein überrascht gewesen von der Vielfalt und Qualität ihrer Arbeiten.

Doch einen Herzenswunsch hat die Gruppe noch: «Wir haben ein Platz- und Raumproblem im Chrüzacher. Unser Atelierraum wird für das Chrüzacher-Café gebraucht und wir sind in den Werkraum umgezogen», sagt Kursleiterin Jucker. Ihr Kurs finde deshalb nur noch am Dienstagabend statt. Das Wochenend-Atelier, das vor allem von Familien und Kindern genutzt wurde, ist deshalb vorläufig ausgefallen. «Wir sind aber trotzdem sehr dankbar, das Chrüzacher mit seinen schönen Höhlenräumlichkeiten des Architekten Peter Vetsch unsere Ton-Heimat nennen zu dürfen», sagt Christen.

Was die Zukunft für das Tonatelier Chrüzacher bringt, stehe noch in den Sternen. Nur eines ist sicher: Egal ob Anfänger oder Profis – die Gruppe freue sich immer über neue Gesichter, um die gemeinsame Leidenschaft auszuleben, sagt Jucker.