2005 waren es noch eine handvoll. Heute sind es mehrere Dutzend Gameentwickler mit einigen hundert Mitarbeitern. Kommendes Wochenende findet ihr viertes Gipfeltreffen in Zürich statt. Das Zürich Games Festival «Ludicious», das von Pro Helvetia und der Stadt Zürich unterstützt wird, setzt sich aus einem Konferenz- und Businessteil für professionelle Exponenten der Gamebranche sowie einem öffentlichen Teil für Familien, Jugendliche und Erwachsene zusammen. Zur dreitägigen Konferenz erwarten die Festival-Verantwortlichen über 600 Profis aus der lokalen und internationalen Spielbranche. Der öffentliche Teil soll zusätzliche 1000 Besucher anlocken.

Drei von fünf Nominierte aus Zürich

Im Rahmen des Anlasses wird der Schweizerische Game Award 2018 verliehen. Drei der fünf nominierten Gameentwickler stammen aus Zürich. Dazu gehört das Spiel «(re)format Z:» aus dem Hause Blindflug. Im Game für Smartphones kämpft die Programmiererin Alice im Jahr 2117 in Zürich gegen eine Firma, die alles kontrolliert. Das Spiel ist für iOS und Android kostenlos verfügbar. Das Entwicklerteam des Zürcher Game-Studios hat das Spiel im Auftrag des Vereins «500 Jahre Reformation», dem die Kirche, Stadt und Kanton sowie Zürich Tourismus angehören, erstellt.

Beim Online-Spiel «Niche» des Zürcher Stray Fawn Studio geht es um die Genetik von Tieren sowie die strategische Weiterentwicklung von Gattungen. Entwickelt haben das Game Philomena Schwab, die an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) Game-Design studiert hat, zusammen mit dem Informatiker Micha Stettler. Bekanntheit erlangte Schwab Anfang 2017, als das US-Wirtschaftsmagazin Forbes sie zu den 30 einflussreichsten Technologie-Crack unter 30 Jahren gekürt hat.

Ebenfalls von der ZHdK geprägt ist das dritte, nominierte Spiel «Retimed». Die letztjährige Diplomarbeit von Annika Rüegsegger und Max Striebel ist ein Panda-Schiessbuden-Game für mehrere Spieler.

Kleine Branche mit gutem Ruf

Laut der Swiss Game Developers Association SGDA hat sich die Zahl der hiesigen Start-ups in der Game-Industrie von einigen wenigen im Jahr 2005 bis 2018 auf 80 erhöht. Eine durchschnittliche Schweizer Game-Firma besteht in der Regel aus drei bis fünf Mitarbeitern und entwickelt Spiele selbstfinanziert oder auf Kundenwunsch hin. Der Grund für das Wachstum liegt laut Matthias Sala, Präsident der Swiss Game Developers Association SGDA, zehn Jahre zurück: «Mit der Lancierung des Smartphones wurde jedem eine Spielkonsole in die Hosentasche gesteckt. Die Spielerzahl hat sich massiv erhöht und ermöglicht damit den hiesigen Entwicklern mit niedrigeren Eintrittshürden Games zu entwickeln.»

Für ihre Branchengrösse gewinnt die Schweiz laut SGDA vergleichsweise viele internationale Game-Preise. «Die Gameindustrie ist das beste zukunftsweisende Beispiel, wie ein aufstrebendes Medium sich als Wirtschaftszweig international erfolgreich durchsetzt und Arbeitsplätze schafft. Das muss für den Standort wichtig sein», sagt SGDA-Präsident Matthias Sala.

Während auf nationaler Ebene Pro Helvetia die Entwicklung von Games explizit mit Werkbeiträgen unterstützt, hat die Zürcher Regierung kürzlich eine Volksinitiative, die die Förderung der interaktiven Werke generell verlangte, zur Ablehnung empfohlen. Lediglich in beiden Basel wird seit 2016 die trans- und crossmediale Kunst gefördert.

Internationale Resonanz aufgrund von ZHdK und ETH

Die internationale Resonanz auf Schweizer Game-Entwickler hat laut Viktor Vogt, Sprecher des Zürich Games Festival «Ludicious», mit dem hiesigen Ausbildungsangebot zu tun. In Zürich ist neben der ZHdK, die seit 2004 Studenten in Game-Design ausbildet, auch die ETH mit dem Labor für Computergrafik eine wichtige Ausbildungsstätte für die Schweiz. Seit knapp zehn Jahren ist in Zürich zudem das Disney Research Lab angesiedelt.

Aus Zürich stammt auch das bislang erfolgreichste Schweizer Game: der Landwirtschafts-Simulator von Giants Software aus Schlieren. Weltweit wurde das Spiel seit seiner Lancierung im Jahr 2008 über acht Millionen Mal verkauft. Damit ist Giants eine der ganz wenigen Firmen der Schweiz, die PC-Spiele für den Massenmarkt entwickeln. Auch das Spiel Transport Fever von Urban Games ist laut Vogt international erfolgreich. «Viele erfolgreiche Entwicklerstudios sind aus Forschungsprojekten an Schweizer Hochschulen und Universitäten entstanden. Hierzu zählen zum Beispiel Faceshift, welches von Apple aufgekauft wurde, oder Dreamscape Interactive, welches jetzt zu Warner Bros gehört», so Vogt.

Lernspiele haben Potenzial

Neben der klassischen Unterhaltungsindustrie sieht Sala Potenzial bei den sogenannten Serious Games–Spielen, die neben der Unterhaltung auch den Zweck verfolgen Inhalte zu vermitteln: «Solche Spiele können als Wissensvermittlung in Museen und Schulen oder zu Trainingszwecken in Therapien eingesetzt werden.» Zu dieser Sparte gehören auch die für den Schweizer Game Award nominierten Spiele «(re)format Z:» und «Niche».

Was laut Sala eine Besonderheit der Schweizer Gameentwickler ist: «Bei uns werden vorwiegend konstruktive Themen oder edukative Inhalte und weniger mit Action besetzte Spiele entwickelt.» Die oft gehörte Game-Kritik, Spiele seien aggressionsfördernd oder steigern den Realitätsverlust bei den Spielern, lässt Sala nicht gelten: «Bei den Anfängen vom Film oder bei Comics gab es die gleichen Vorwürfe. Wie bei jedem Medium gehört ein gemässigter Konsum und der nötige kritische Blick dazu.» Eltern und Lehrkräfte sollten über die in Spielen aufgegriffenen Themen sprechen, wie sie dies mit anderen Medien wie beispielsweise den Ereignissen in Nachrichten auch tun – und insbesondere selbst Games ausprobieren und mitspielen.