Sommerserie (4)
Die Kaserne musste aus der Stadt raus

Vor 50 Jahren entschied der Kanton Zürich, seine Kaserne ins Reppischtal zu verlegen. Lange sehnte der Schlieremer Edwin Schlumpf dem neuen Waffenplatz entgegen.

Sarah Serafini
Merken
Drucken
Teilen
Die Kaserne musste aus der Stadt raus
6 Bilder
Edwin Schlumpf als junger Soldat
Edwin Schlumpf auf dem Waffenplatz Zürich Reppischtal
«No acht Jahr hebe», steht unter diesem Foto von Edwin Schlumpf geschrieben
Auch heute erinnert sich Edwin Schlumpf noch gerne an seine Zeit beim Militär
Edwin Schlumpf bei der Grundsteinlegung der Kaserne Reppischtal im Jahr 1982

Die Kaserne musste aus der Stadt raus

Sarah Serafini

Es war ein Dietiker, der den Anstoss für die Verlegung der Kaserne Zürich ins Reppischtal gab. 1960 begann Robert Müller, damaliger Gemeindegutsverwalter in Dietikon, heimlich Ländereien aufzukaufen.

Dies tat er im Auftrag des Kantons Zürich. Laut alten Akten, die die Entstehung des Waffenplatzes Reppischtal dokumentieren, war der Ländereienkauf eine geheime Abmachung von Müller mit dem damaligen Militärdirektor, Regierungsrat Robert Zumbühl.

Die beiden Männer trafen sich zu einer Aussprache, bei der Müller erörterte, dass er den Plan, die Kaserne nach Adliswil zu verlegen, für unsinnig halte. Er präsentierte dem Regierungsrat seine Idee eines neuen Waffenplatzes und schlug vor, für den Kanton so viel Land wie möglich im Reppischtal auf seinen Namen aufzukaufen.

So sollte die Kaufabsicht verborgen bleiben. Zumbühl und der damalige Finanzdirektor Rudolf Meier willigten ein. Rund acht Monate später hat der Dietiker 110 974 Hektaren Land zum Preis von 7.55 Millionen Franken gekauft.

Der Grundstock für den Waffenplatz Reppischtal war, ohne das Wissen der Bevölkerung, gesichert. 1963 also, heute vor 50 Jahren, stand die erste Planung für den neuen Waffenplatz in Birmensdorf.

Verlegung wurde dringlicher

Lange sehnte der Schlieremer Edwin Schlumpf dem neuen Waffenplatz entgegen. Damals noch Instruktionsunteroffizier, bekam der heute bald 81-Jährige die zunehmenden Probleme der Kaserne in Zürich am eigenen Leib zu spüren.

Schon vor dem 2. Weltkrieg sei die Verlegung der Kaserne ein Thema gewesen. Um das Gebäude, das heute mitten im Herzen von Zürich steht, sei zunehmend gebaut worden.

Schlumpf erinnert sich: «Um auf die Waffenplätze auf der Allmend und auf dem Höckler zu gelangen, mussten noch ganze Teile der Stadt gesperrt werden. Wir marschierten zu Fuss auf die Schiessplätze. Das muss man sich mal vorstellen!»

Die Ausdehnung der Stadt und der wachsende Verkehr machten einen neuen Standort für die Kaserne immer dringlicher.

«Zuerst wollte man sie nach Adliswil verlegen und die beiden Waffenplätze auf der Allmend und dem Höckler beibehalten», sagt Schlumpf. Das Bedürfnis der Zürcher nach mehr Erholungsraum wurde aber immer grösser.

«Ständig hatten wir Probleme mit Reitern oder Spaziergänger auf der Allmend. Zum Glück passierte nie etwas.» Trotzdem habe Schlumpf oft gezittert, wenn er mit seiner Kompanie auf der Allmend Schiessübungen machte. Es wurde immer deutlicher: Auch die Waffenplätze müssen aus der Stadt raus.

Durchhalten bis zum Kasernenbau

Nach dem Kauf der ersten Ländereien in Birmensdorf begann das Militär, im mittleren Reppischtal zu schiessen. Die Einrichtung dort war spartanisch. Grabensysteme, Stellungen für Maschinengewehre oder Schutzlöcher mussten die Soldaten selbst bauen.

In einem rückblickenden Bericht von Schlumpf steht: «Unter primitiven Umständen und auf improvisierten Anlagen wurde geschossen. Mancher Soldat hatte sich dort bei Stellungsbau Blasen an den Händen geholt und über den anhänglichen Lehmboden geflucht.»

In zwei Fotoalben hat Schlumpf seine gesamte Militärkarriere genau festgehalten. Jedes Foto ist datiert, auf jeder Aufnahme mit einem kleinen Kreuz gekennzeichnet, bei welcher Person es sich um Schlumpf handelt.

Auf einem der Fotos sind Soldaten beim Stellungsbau zu sehen. Darunter steht mit Schlumpfs sauberer Schrift geschrieben: «No acht Jahr hebe!»

Acht Jahre ging es damals noch, bis 1982 mit dem Bau der neuen Kaserne im Reppischtal begonnen wurde. Doch davor musste das 123-Millionen-Projekt vom Volk abgesegnet werden. So froh die Stadt Zürich war, die Kaserne endlich loszuwerden, so hart waren die Bandagen, mit denen die umliegenden Gemeinden gegen das Projekt kämpften.

Die Familie Schlumpf, die 1967 von Dübendorf nach Urdorf zog – der Vater rechnete bereits damals fest damit, dass der Waffenplatz ins Reppischtal kommen würde – musste sich manch eine Schikane gefallen lassen.

«Die Lehrer unserer Kinder waren gegen die Kaserne. Das bekamen sie regelmässig zu spüren», so Schlumpf. Auch sei an einer Urdorfer Gemeindeversammlung ein Kredit von 100 000 Franken für die Gegenpropaganda mit grosser Mehrheit bewilligt worden. «Das war rausgeschmissenes Geld», findet Schlumpf.

Zurück zum Ursprung

Bei der Volksabstimmung 1975 wurde das Projekt mit 53,4 Prozent angenommen. Acht Jahre nach diesem Entscheid kam es in Birmensdorf zu einer Demonstration, an der sich 500 Personen beteiligten.

Auch kritisierten die Medien in demselben Jahr, unter welch mysteriösen Umständen der Ländereienkauf 1960 abgewickelt wurde. Der «Tages-Anzeiger» schrieb: «Der Landkauf ging so geheimnisvoll vor sich, dass der Grosskäufer (Müller) nur bei Nacht zu den Verhandlungen erschien.»

In einer Fernsehsendung rechtfertigte sich Müller: «Es war der einzig richtige Weg.»

Dennoch: In nur fünf Jahren entstand ein moderner Waffenplatz, der 1987 seine Eröffnung feierte. Schlumpf blieb danach noch drei Jahre im Amt, bis er 1990 pensioniert wurde.

In seinem Rückblick schreibt Schlumpf, dass der geografische Raum des heutigen Waffenplatzes auf das Militär bereits in früheren Zeiten eine grosse Anziehungskraft ausgeübt habe.

Schon zur Zeit der Römer solle dort eine Durchgangsstrasse Richtung Innerschweiz geführt haben. «Aus dieser Rückblende betrachtet, kehrten die Soldaten nur dorthin zurück, wo sie schon früher immer waren.»