«Mary & Johnny»
«Die Filmbranche muss sich neu orientieren»

Die Filmemacher Samuel Schwarz und Julian M. Grünthal drehten ihr 130000 Franken teures Werk «Mary & Johnny» ohne staatliche Fördergelder. Nebenbei haben sie ein Stück öffentlichen Raum zurückerobert.

Sophie Rüesch
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Samuel Schwarz.

Samuel Schwarz.

Ein Café an der Zürcher Langstrasse: Die Filmemacher Samuel Schwarz und Julian M. Grünthal trinken nach einer langen Premierennacht erst einmal einen Kaffee. Schwarz drückt an seinem Smartphone rum, nach einer Weile sagt Grünthal: «Jetzt leg doch dieses Ding mal weg.»

Im gemeinsam realisierten Mundartfilm «Mary & Johnny», der heute in den Deutschschweizer Kinos anläuft, werden «die Dinger» dafür verantwortlich gemacht, dass «hüt keine meh denke cha». Schwarz nennt sie auch «Raumvernichter», die die Leute in einen Kokon hüllen und sie dem öffentlich-realen Leben entziehen.

Die zunehmende Verdrängung des öffentlichen Raumes steht bei Schwarz’ und Grünthals Projekten im Vordergrund – sowohl bei «Mary & Johnny» wie auch in den Theaterprojekten der Gruppe 400asa, an denen die beiden beteiligt sind.

«Zürich ist überall»

Der Film erzählt die Geschichte des Paares Mary und Johnny, das sich in den Wirren des Zürifäschts trennt, mehrmals wieder aufeinandertrifft, und doch nicht zueinanderfindet. Indem mitten im realen Getümmel des Festes gedreht wurde, stellt der Film auch einen Versuch dar, diesen Raum zurückzuerobern.

Zürich habe sich als Drehort deshalb besonders geeignet, weil die Schrumpfung des öffentlichen Raumes hier besonders frappant sei, so Schwarz. Doch das Lokalkolorit soll nicht darüber hinwegtäuschen, «dass wir eine universelle Geschichte erzählen», sagt Grünthal. Und Schwarz fügt hinzu: «Zürich ist überall.»

In nur neun Tagen musste der Film im Kasten sein, vier Tage hatte die Crew Zeit für die Zürifäscht-Szenen. Was für andere unvorstellbar wäre, sieht Schwarz im Nachhinein gelassen: «Lieber neun Tage Stress als sieben Wochen Halbstress.»

Durch den straffen Zeitplan habe der Film eine ganz eigene Dynamik erhalten. «Wir haben mit dieser Art von Dreh ja bewusst provoziert, dass Unvorhergesehenes geschieht», sagt Grünthal. Und von der Improvisation könne der Film letztlich profitieren.

Es geht auch ohne Fördergelder

Dass der Film nun überhaupt in die Kinos kommt, grenzt an ein Wunder. Denn «Mary & Johnny» ist einer der wenigen Schweizer Filme, die komplett ohne staatliche Fördergelder finanziert wurden. Beim Bundesamt für Kultur, der Zürcher Filmstiftung und dem Schweizer Fernsehen blitzte das Projekt ab. «Zu wenig sympathisch» seien die Figuren, «nicht zeitgemäss» die Sozialkritik, die mit der Verortung des Geschehens auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise mitschwingt; «unprofessionell» sei der straffe Drehplan.

Das Budget von 130000 Franken kam aus privaten Investitionen und Crowdfunding zusammen. Schwarz kann der ungewöhnlichen Finanzierungsstrategie auch Positives abgewinnen: «Auf dem Weg ist das ein Problem, doch sobald der Film fertig ist, ist alles gut.» Hinzu komme, dass bei einem privat finanzierten Projekt «niemand dreinredet».

Obwohl das geringe Budget für alle Beteiligten bedeutete, dass sie fast unbezahlt arbeiten, findet auch Grünthal nicht, dass dies dem Film geschadet hat. «Die Leute haben nicht fürs Geld gearbeitet, sondern weil sie an die Geschichte glaubten», sagt er. Das habe «unglaubliche Energien freigesetzt».

«Man muss Alternativen aufzeigen»

Damit solle nichts gegen staatlich finanzierte Filme gesagt sein, präzisiert Schwartz. «Doch das Aufzeigen von Alternativen ist auch Aufgabe der Filmemacher – nicht nur das Abwarten und Jammern.» Die Schweizer Filmbranche müsse sich neu orientieren. «Die Prozesse sind komplett verstockt», sagt Schwarz. Die Fördergeldkultur habe Schweizer Filmemacher träge gemacht: «Unsere Generation muss erst beweisen, dass sie genug relevante Geschichten zu erzählen hat.»

Der Film sei nun ein Vehikel, «Filmemachern zu zeigen, dass es auch anders geht», so Grünthal. Und der Erfolg gibt ihnen recht: Allen Unkenrufen zum Trotz hat «Mary & Johnny» vorwiegend positive Kritik geerntet.