Die Badenerstrasse beim Geissweidplatz in Schlieren und die Überlandstrasse in Dietikon scheinen aus der Luft betrachtet klare Grenzen zu ziehen. Die vielen kleinen Einfamilienhäuser auf der einen Strassenseite stehen im Kontrast zu den grossen, modernen Wohnblöcken auf der anderen. «Hier sind Ufos gelandet», sagt Angelus Eisinger, der Direktor des Planungsdachverbands Region Zürich und Umgebung (RZU).

Die von Grund auf neu entstandenen Quartiere stechen nicht nur optisch aus ihrer Nachbarschaft hervor. «Die Aggloquartiere wollen Stadtquartiere sein», sagt Urs Rey von Statistik Stadt Zürich. Das ist eine der zentralen Erkenntnisse einer gemeinsamen Studie von Statistik Stadt Zürich und dem Statistischen Amt des Kantons Zürich.

Schlieren West.

Schlieren West.

Rey von der Stadt und Magnus Gocke vom Kanton verglichen in den letzten zehn Jahren entstandene Neubauquartiere in der Agglomeration mit Neubauquartieren in der Stadt Zürich. Dabei nahmen die beiden neben drei Quartieren im Glattal auch die Limmattaler Quartiere Schlieren West und Schlieren Rietpark sowie das Limmatfeld in Dietikon genauer unter die Lupe. Kürzlich stellten die beiden Statistiker ihre Resultate an der Veranstaltung Statistik um 12 in Zürich vor.

Deutlich höhere Mietpreise

Bei einem Spaziergang durch Schlieren oder Dietikon wird sofort klar: Die untersuchten Quartiere im Limmattal sind dichter bebaut als ihre Umgebung und ähneln eher anderen Neubauquartieren in der Stadt Zürich und im Glattal. «Man kann fast sagen, in den letzten 25 Jahren ist eine Konvention entstanden, wie man die Probleme löst», sagt RZU-Direktor Eisinger. Das schlägt sich auch in den Mietpreisen nieder, die sich nach oben an der Stadt Zürich orientieren. Der wichtigste Faktor für die Bodenpreise ist laut Gocke die Entfernung zu Zürich. Bis in den Aargau, etwa in Lenzburg, entstünden ähnliche neue Quartiere mit klarer Ausrichtung nach Zürich, so Gocke.

Das spiegelt sich auch in der Bewohnerschaft wider. Gut ein Drittel der Einwohner der drei Limmattaler Quartiere ist aus Zürich zugezogen – in Schlieren West und im Rietpark liegt der Wert höher als im Limmatfeld. Insgesamt wohnten gut 80 Prozent der Zuzüger bereits vorher in einem städtischen Umfeld. In den Neubauquartieren ist zudem der Anteil der Menschen, die in Zürich arbeiten, deutlich höher als in der Umgebung. Der Stadt sei bewusst, dass viele Bewohner des Limmatfelds wenig Orientierung zum alten Dietikon hätten, sagt Stadtpräsident Roger Bachmann (SVP). Umgekehrt stünden aber auch viele alteingesessene Dietiker neuen Quartieren skeptisch gegenüber: «Wir haben versucht, dies letztes Jahr mit dem Stadtfest aufzubrechen», sagt er. Viele Menschen sehnten sich nach kleinräumigen Strukturen, ist Bachmann überzeugt. Deshalb gehe es auch darum, die Identitäten der eigenen Quartiere hervorzuheben. Um das «Wir-Gefühl» zu stärken, habe die Stadt etwa den Stadtentwicklungsdialog lanciert. Eine gewisse Anonymität sei bei einer Stadt mit 27'000 Einwohnern allerdings nicht zu vermeiden, so Bachmann.

Schlieren Rietpark.

Schlieren Rietpark.

Sein Amtskollege aus Schlieren, Markus Bärtschiger (SP), sieht das ähnlich. Besonders neue Quartiere auf ehemaligen Industriebrachen seien oft stärker von den bestehenden Nachbarschaften abgekapselt, weil sie am Stadtrand entstünden, sagt der Schlieremer Stadtpräsident. Bei neuen Projekten achte die Stadt deshalb auf öffentliche Nutzungen, um die soziale Durchmischung zu fördern. Nicht zuletzt findet auch Bärtschiger Stadtfeste wichtig für «den sozialen Kitt». Das Schlierefäscht solle nicht nur die Stadt nach aussen präsentieren, sondern auch Begegnungsmöglichkeiten für die Einwohner schaffen.

Nicht mal halb so viele Autos

Soziodemografisch unterscheiden sich Schlieren West, Rietpark und Limmatfeld ebenfalls merklich von Altbauquartieren in beiden Limmattaler Städten. Im Durchschnitt sind die Bewohner jünger, gebildeter, erwerbsorientierter und in höheren Positionen angestellt. Und aufgrund der guten Verkehrserschliessung mit starker öV-Orientierung besitzen in den Neubauquartieren weniger Menschen ein Auto. In den drei Limmattaler Quartieren sind es knapp über 300 Autos pro 1000 Bewohner – mehr als in den anderen untersuchten Quartieren in Zürich und im Glattal, aber deutlich unter dem kantonalen Schnitt von über 700 Autos pro 1000 Bewohner. In den urbanen Neubauquartieren fährt nur ein Viertel mit dem Auto zur Arbeit, in älteren Quartieren sind es gut 40 Prozent. Elektrofahrzeuge sind aber auch in den neuen Quartieren bisher eine Nische geblieben. «Wir dachten, dass würde vielleicht schon besser sichtbar werden», sagt Rey.

Das tiefere Durchschnittsalter der Bewohnerschaft ist darauf zurückzuführen, dass viele junge Paare in der Familiengründungsphase die neuen Quartiere bevölkern. Deshalb wird die längerfristige Entwicklung interessant zu beobachten sein, wenn die Bewohner älter und ihre Kinder erwachsen werden. Denn heute existieren viele Siedlungen, in denen die Nachbarschaft gemeinsam älter geworden ist und die Zusammensetzung der Bewohnerschaft sich stark verändert hat. Das führe zu einer spannenden Frage, so Gocke: «Werden die Neubauquartiere zu den Altbauquartieren von morgen oder entwickeln sie sich anders?»