Die Zeit drängt. Denn schon per Anfang nächsten Jahres will die Ärztegesellschaft des Kantons Zürich (AGZ) die ärztlichen Notfalldienste nicht mehr selber organisieren. Betroffen sind insbesondere die Notfalldienste in der Nacht sowie an Sonn- und Feiertagen, die zum normalen Pikettdienst der Hausärzte hinzukommen.

Der Grund ist das Netz an Hausärzten, das vor allem in den Randregionen immer breitmaschiger wird. «In den nächsten fünf Jahren kommen ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte ins Pensionsalter», sagt AGZ-Präsident Josef Widler. Es fehlt der Nachwuchs, um die Lücken zu füllen. Das wiederum bedeutet, dass die wenigen verbleibenden Hausärzte immer mehr Notfalldienste abdecken müssten.

Zehn Franken pro Einwohner

Die AGZ hat das Problem schon vor ein paar Jahren erkannt und 2014 die Situation in einer Studie untersucht. Im Februar 2015 beschloss sie, die Notfalldienste zu reorganisieren und dazu die AGZ Support AG zu gründen. Diese soll ab 1. Januar 2017 den administrativen Aufwand übernehmen und die ärztliche Versorgung rund um die Uhr sicherstellen.

Die Anlaufstelle ist über eine einheitliche kantonale Notfallnummer erreichbar. Sie sorgt für die telefonische Triage und die ärztliche telefonische Konsultation. Zudem vermittelt sie die Patienten an eine diensthabende Notfallpraxis und leistet Hausbesuche. Dieses Jahr wurde das Konzept in einer 30 Gemeinden und 250 000 Einwohner grossen Pilotregion getestet. «Vom Umfang und Leistungsangebot her waren die Rückmeldungen durchweg positiv», sagt Thomas Biedermann, CEO der AGZ Support AG.

Der Haken: Den aufsuchenden Notfalldienst abzudecken, hat sich als sehr aufwendig erwiesen. In der Pilotregion braucht es dazu 30 Ärzte, die sich zwei bis sechs Schichten teilen – je nach Tages-, Feiertags-, Grippe- und Jahreszeit. Der Ärztetarif Tarmed deckt aber nur etwa zwei Drittel bis drei Viertel der Kosten dafür ab.

Die AGZ ist der Ansicht, dass die Gemeinden für diese Zusatzkosten aufkommen müssten. Denn diese seien letztlich für die Organisation der Notfalldienste verantwortlich. Zehn Franken pro Einwohner und Jahr würden die Leistungen der AGZ Support AG eine Gemeinde kosten.

Streit um Zuständigkeit

Gegen diese Mehrausgaben wehren sich die Gemeinden. Laut Jörg Kündig, Präsident des Zürcher Gemeindepräsidentenverbandes (GPV), sind die Gemeinden nicht für die Notfalldienste zuständig. Er verweist auf das Gesundheitsgesetz, wonach die Ärzteschaft verpflichtet sei, Notfalldienste zu leisten. Diese würden heute durch die einzelnen Notfallkreise wahrgenommen, sagt Kündig und betont: «gut wahrgenommen».

Den Gemeinden sei durchaus bewusst, dass die Hausarztdichte vor allem in den ländlichen Gegenden stetig abnehme und die entsprechende Versorgung zunehmend schwierig werde. Die von der AGZ präsentierte Lösung gebe jedoch gleich mehrfach Anlass zur Skepsis.

Die Preisvorstellung von zehn Franken pro Einwohner und Jahr sei nicht wirklich nachvollziehbar, sagt Kündig. Es fehle ein Businessplan. Und der Kanton müsse hinsichtlich der Finanzierung einbezogen werden. Zudem sei völlig unklar, welcher Umfang an Dienstleistungen und Einsätzen in den Gemeinden bestehe – zumal sich das Verhalten der Patienten verändere. Immer häufiger suchen sie direkt Spitäler, Notfallpraxen oder Permanencen auf.

Weitsicht oder Zwängerei?

Weiter bemängelt Kündig den ehrgeizigen Zeitplan zur Umsetzung des neuen Notfalldienstes. Die Reorganisation würde die Gemeindebudgets belasten. Angesichts der steigenden Gesundheitsausgaben sei der Mehraufwand nicht einfach zu vertreten. Kündigs Fazit: «Es entsteht der Eindruck, dass nicht ein Vorschlag zur Diskussion steht, sondern eine Lösung einseitig übermittelt wird.»

Thomas Biedermann von der AGZ Support AG widerspricht: Erstens habe die AGZ die Gemeinden früh über die Pläne informiert. Zweitens biete sie nun eine kostengünstige Lösung, zu der sie eigentlich gar nicht verpflichtet sei. «Und dafür ernten wir nun Schelte von den Gemeinden – jenen, die das Problem seit Jahren verdrängen und mit allen Mitteln versuchen, sich aus ihrer Verantwortung zu stehlen.»

Notfalls ins Spital

Fragt sich, wer die Notfalldienste abdeckt, wenn sich AGZ und Gemeinden bis 1. Januar nicht einig werden. Die Ärzte würden ihre Dienstpflicht noch immer im gewohnten Umfeld erfüllen, sagt Biedermann. Die Organisation müsse dann aber von den Gemeinden übernommen werden. Die AGZ habe ein «Rundum-sorglos-Paket» geschnürt. Das Angebot stehe. Nun liege der Ball bei den Gemeinden. Und selbstverständlich sei es ihnen freigestellt, das Problem selber zu lösen.

Danach sieht es laut Kündig momentan aus. «Angesichts der Situation ist es selbstredend, dass die Gemeinden Alternativen prüfen. Dazu zählen sicherlich auch die Notfallorganisationen der Spitäler.» Diese seien dabei, sich auf das veränderte Patientenverhalten einzustellen.

Nichtsdestotrotz sei der GPV bereit, sich mit allen Parteien an einen Tisch zu setzen – inklusive Vertretern des Kantons. Erste Gespräche seien anberaumt.