Schlieren

Der Wunsch Limmattaler Muslime nach einen Grabfeld könnte in Erfüllung gehen

Die erste muslimische Grabstätte im Kanton Zürich auf dem Friedhof Zürich Witikon.

Die erste muslimische Grabstätte im Kanton Zürich auf dem Friedhof Zürich Witikon.

Lange Zeit sah es für Limmattaler Muslime, die sich ein eigenes Grabfeld wünschen, düster aus. Nun signalisiert Schlierens Stadtpräsident Toni Brühlmann Bereitschaft, sich des Themas anzunehmen. Als positives Beispiel dient Winterthur.

Das Ganze hört sich in mancher Hinsicht ein bisschen wie eine unendliche Geschichte an. Doch nun zeichnet sich - zumindest für die Schlieremer Muslime - ein Hoffnungsschimmer am Horizont ab.

Ihr Wunsch: Ein muslimisches Grabfeld, auf dem Angehörige bestattet werden können. Die einzigen Voraussetzungen dabei sind gemäss Sakib Halilovic, Imam des Dzemat der Islamischen Gemeinschaft Bosniens in Schlieren: die Ausrichtung des Grabes nach Mekka und ein Waschraum für die rituellen Waschungen.

Bereits vor drei Jahren deponierte eine Gruppe von Schlieremer Muslimen eine entsprechende Anfrage bei der Stadt, ausserdem fanden Gespräche zwischen der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ) und den Stadtbehörden statt. Doch es zeichnete sich einfach keine Lösung ab. Im Gegenteil: Im Juni 2009 schien sich die Situation zu verschlechtern.

«Wichtiges Zeichen der Anerkennung»

Schlierens Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin (SP) sagte damals in der SF-Sendung «Schweiz aktuell», es sei nicht der Zeitpunkt, um über muslimische Friedhöfe zu sprechen. Er begründete dies mit den damals sehr emotionalen Diskussionen um Minarett- und Burkaverbote. Für die Aussage wurde der Stadtpräsident kurz darauf von der Gesellschaft gegen Rassismus und Antisemitismus gerügt. Sie bezeichnete die Möglichkeit der islamischen Bestattung als «wichtiges Zeichen der Anerkennung» im Integrationsprozess und forderte die Behörden auf, das für einen modernen Staat normale Anliegen zügig an die Hand zu nehmen.

eineinhalb Jahre später, im Dezember 2010, erwähnte Brühlmann anlässlich der Präsentation der neuen Legislaturziele, muslimische Grabfelder seien wieder ein Thema. Den Status beschrieb er mit «wird geprüft». Auf Anfrage bestätigt der Stadtpräsident, dass das Anliegen bearbeitet werde: Zurzeit liefen vertiefende Abklärungen im Ressort Sicherheit und Gesundheit, welches für das Bestattungswesen und den Betrieb des Friedhofes zuständig sei. Er fände es nachvollziehbar, dass ein Grabfeld für die Schlieremer Muslime, welche mehr als 10 Prozent der Bevölkerung ausmachten, ein Bedürfnis sei, so Brühlmann: «Es ist mir ein Anliegen und ich verstehe es auch als meine Pflicht, dass wir eine Lösung finden.»

Dass sich Brühlmann heute einem möglichen Grabfeldprojekt gegenüber so positiv äussert, könnte auch mit der Situation in Winterthur zu tun haben. Dort sprach sich das Stadtparlament im vergangenen November ohne Gegenstimme für den Bau eines muslimischen Grabfeldes aus. Der Stadtrat habe sich zum Ziel gesetzt, die Integration von Ausländern zu verstärken; dazu gehöre auch, dass die Verstorbenen verschiedener Religionen in Winterthur bestattet werden könnten, heisst es im Antrag. Fast alle Parteien konnten sich damit einverstanden erklären. Einzig CVP und SD enthielten sich der Stimme.

Dass das Geschäft in Winterthur ohne Nebengeräusche über die Bühne ging, hat auch Brühlmann zur Kenntnis genommen. «Für mich bedeutet dies: Wenn die Gegebenheiten vor Ort einigermassen günstig sind, ist ein solches Projekt umsetzbar und findet die Zustimmung in der Bevölkerung», sagt er. Er sei zuversichtlich, dass dies auch für Schlieren gelte.

Lösung für Schlieren im Fokus

Wie Brühlmann sagt, stehe zurzeit eher eine Lösung für Schlieren im Fokus als ein gemeinsames Projekt mit Dietikon - eine Idee, welche schon mehrmals zur Sprache gebracht wurde. Denn in Dietikon seien die Platzverhältnisse offensichtlich noch schwieriger als in Schlieren, sagt Brühlmann.

Dies wird von Otto Müller, Stadtpräsident in Dietikon, bestätigt. Obwohl er erklärt, dass «ein regionales Grabfeld ein Ansatz sein könnte», stellt er klar, dass man in Dietikon - auch aus Platzgründen - keine Möglichkeit sähe. Ausserdem betrachte der Stadtrat es als grosse Errungenschaft, das Verstorbene aller Religionen gemeinsam, nicht separiert, die letzte Ruhe finden könnten, so Müller. «Eine Ausscheidung von speziellen Grabfeldern widerspräche diesem Grundsatz.»

Die islamische Gemeinschaft hat jedoch die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich allenfalls auch in Dietikon zu gegebener Zeit eine Lösung finden liesse. Denn nachdem die Dietiker Muslime vor drei Jahren mehrere Bögen mit gesammelten Unterschriften sowie eine entsprechende Anfrage beim Stadtrat deponiert hatten, fanden einige konstruktive Gespräche statt.

Dass seither Funkstille herrscht, enttäuscht Taner Hatipoglu, den in Oetwil wohnhaften Präsidenten der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ). Er wünsche sich, so der Informatiker, der seit mehr als 35 Jahren in der Schweiz lebt und an der ETH studiert hat, dass Dietikon als Bezirkshauptort und Zürcher Gemeinde mit dem höchsten Prozentsatz an ansässigen Muslimen auf die Bemühungen seiner muslimischen Bevölkerung eingehen würde. Schliesslich, so Hatipoglu, seien auch die mehr als 12 Prozent der muslimischen Einwohnerinnen und Einwohner ein Teil der Gemeinde und bezahlten Steuern.

«Keine Extrawurst, sondern reales Bedürfnis»

Für den Oetwiler ist die Bitte nach einigen Grabfeldern nicht übertrieben: «Es geht uns nicht um eine Extrawurst, sondern um ein reales Bedürfnis.» Man brauche weder eine Abgrenzung der Grabfelder noch andere schwer realisierbare Einzelheiten. Dass immer wieder von einer Forderung nach «ewiger Grabruhe» und «rituell reiner Erde» gesprochen werde, kann er nicht verstehen. Dies sei nicht nötig, sagt Hatipoglu, der betont, dass in der Schweiz lebende Muslime Christen in keiner Weise als ungläubig betrachten würden. Rechtsgutachten, welche man von verschiedenen islamischen Ländern eingeholt habe, hätten ausserdem ergeben, dass auch eine Bestattung in einem leichten Sarg möglich sei. «Das Grabfeld wäre mit minimalen Kosten möglich», sagt Hatipoglu.

Er erklärt, dass die Rückführung der verstorbenen Muslime ins Heimatland bis zu 10000 Franken koste. Dies sei neben der finanziellen Last für viele Muslime auch sonst unbefriedigend: Denn das Besuchen des Grabes werde so für die Hinterbliebenen schwierig. Ausserdem stehe man vor einem «unlösbaren Problem», sagt Hatipoglu: «Wo sollen sich Muslime, die hier geboren sind und nur einen Schweizer Pass haben, bestatten lassen? Hier bin ich vollkommen hilflos», sagt er.

Um die Argumente für ein Grabfeld nochmals zu diskutieren, erhielt der Dietiker Stadtrat im letzten Herbst hohen Besuch. Giusep Nay, ehemaliger Bundesgerichtspräsident und Präsident der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz (GMS), sowie GMS-Ehrenpräsident Werner Kramer präsentierten eine Zusammenstellung von verschiedenen Punkten (siehe Kasten), um den Stadtrat von ihrem Anliegen zu überzeugen.

Obwohl der Stadtrat erklärte, er sehe in diesem Zusammenhang im Moment keinen Handlungsbedarf, mahnt Kramer zu Geduld. Die Entwicklung in Winterthur, welche er als «wunderbare Erfahrung» und «mustergültig» beschreibt, habe gezeigt, dass die Schaffung eines muslimischen Grabfelds im Rahmen des ordentlichen demokratischen Prozesses problemlos bewältigt werden könne. Er sei sich sicher, dass dies dereinst auch im Limmattal möglich sein werde, so Kramer: «Man darf einfach nicht aufgeben.»

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