Schlieren

«Der Wert des Glaubens wird reduziert»: Ihr Ziel ist der Frieden zwischen den Religionen

Sprachen über die Herausforderungen der Religionslandschaft (von links): Katholik Salvatore Loiero, Muslima Amira Hafner-Al Jabaji, Moderator Norbert Bischofberger und Christof Meier, Integrationsbeauftragter der Stadt Zürich.

Sprachen über die Herausforderungen der Religionslandschaft (von links): Katholik Salvatore Loiero, Muslima Amira Hafner-Al Jabaji, Moderator Norbert Bischofberger und Christof Meier, Integrationsbeauftragter der Stadt Zürich.

Am Schlierefäscht diskutierten Angehörige verschiedener Religionsgemeinschaften im Stürmeierhuus über Glaube, Vertrauen und Anerkennung.

Dass man am Schlierefäscht ernstere Töne anschlagen kann, zeigte die interreligiöse Podiumsdiskussion im grossen Saal des Stürmeierhuus am Dienstagabend. Über 50 Personen erschienen am Anlass. Auf der Bühne sprachen die Muslima Amira Hafner-Al Jabaji, Moderatorin bei der Sendung Sternstunde Religion des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF) und Präsidentin des Interreligiösen Thinktanks, der Katholik Salvatore Loiero, Professor für Pastoraltheologie an der Universität Freiburg, und Christof Meier, Integrationsbeauftragter der Stadt Zürich. Die Moderation übernahm Norbert Bischofberger, Redaktor und Moderator bei SRF. Im Zentrum des Gesprächs stand die bunte Religionslandschaft in Schlieren, in Zürich sowie der ganzen Schweiz und die damit verbundenen Herausforderungen.

Ob er ein religiöses Nebeneinander oder Miteinander in der Stadt Zürich ausmachen könne, wollte Moderator Bischofberger von Meier wissen. «Es ist mehr ein Nebeneinander als ein Miteinander. Interesse zeigen mehrheitlich die Minderheitsreligionen an der Mehrheitsgesellschaft. Dort gibt es am meisten Berührungspunkte», sagte Meier. Schwieriger sei der Dialog unter den Minderheiten. «Es gibt einige Christen, die Gotteshäuser anderer Religionen besuchen, doch dass zum Beispiel ein Muslim in eine Synagoge geht, ist sehr selten.»

Annäherung über kulturelle und theologische Fragen

Dass der interreligiöse Dialog in der Stadt Zürich stockt, empfindet Meier aber nicht als weiter schlimm. «Als staatlicher Vertreter steht für mich der religiöse Frieden im Vordergrund. Ich bin um eine sozial gerechte Gesellschaft bemüht.» Für ihn sei ein interreligiöser Dialog daher zweitrangig. Auch Hafner-Al Jabaji sieht das friedliche Zusammenleben als übergeordnetes Ziel. Sie freut sich aber, wenn Annäherungen zwischen diversen Religionsangehörigen stattfinden und Menschen sich so näher kommen — sei dies über kulturelle oder theologische Fragen und Aspekte.

Die Islamwissenschafterin beschäftigt jedoch eine andere Frage viel mehr: Ob die staatliche Anerkennung des Islams als Religionsgemeinschaft erstrebenswert ist oder nicht. «Um das zu ermöglichen, müssten sich die verschiedenen islamischen Vereine und Gemeinschaften finden und als eine einzige Institution auftreten. Das ist jedoch schwierig, weil die islamischen Gemeinschaften sehr vielschichtig und an diverse Nationen gebunden sind», sagte Hafner-Al Jabaji.

Zudem hiesse dies auch, dass Muslime etwas schaffen müssten, was ihnen komplett fremd ist. Der Islam sei eine institutionsfreie Religion. Als Einheit aufzutreten, würde zudem dadurch infragegestellt, dass Christen vermehrt ihren Glauben losgelöst von Institutionen wie der Kirche leben. «Wieso also müssen Muslime diese Freiheit aufgeben, wenn der Trend eher weg von Institutionen geht», fragte Hafner-Al Jabaji. Loiero hingegen spricht sich eindeutig für die Anerkennung von Religionsgemeinschaften durch den Staat aus. Eine Anerkennung sei nötig, weil sie den Religionen Schutz biete. Ein friedliches Zusammenleben sei nicht nur Frage der Religion, sondern auch des Staates. «Stellen Sie sich vor, die Regierung wechselt und es gebe keine verbindlichen Verträge. Die Gefahr bestünde, dass gewisse Religionen nicht mehr frei ausgeübt werden könnten», sagte Loiero.

Man dürfe nicht vergessen, dass die Schweiz ein positives Religionsrecht habe und es somit erwünscht sei, den Glauben und den Kult öffentlich zu zeigen und zu leben. Loiero erachtet dies als Vorteil für die Demokratie. Doch das Problem in der Schweiz sei der Umgang damit. «Der Wert des Glaubens in der Haltlosigkeit der Spätmoderne wird Stück für Stück reduziert.» Man lasse die Religion lieber privat, um irgendwelche Konflikte zu vermeiden. Meier hielt fest, dass es auch möglich sei, gute Lösungen zu finden ohne Anerkennung. Wichtig seien Wertschätzung und Respekt. «Wir müssen klar vermitteln können, dass es kein Problem ist Zürcher und Muslim zu sein, genauso wie es kein Problem ist Zürcher und FCB-Fan zu sein», sagte Meier. Dies sei nicht abhängig von gesetzlichen Grundlagen.

Die Rolle der Frau in den Religionen

In der anschliessenden Diskussion mit dem Publikum wurde die Rolle der Frauen in den Religionen in den Vordergrund gerückt. «Meine Erkenntnis ist, dass alle Religionen von Männern dominiert werden. Frauen haben nichts zu sagen», sagte eine Zuhörerin. Hafner-Al Jabaji entgegnete: «Ich gebe Ihnen recht, dass sich Männer über die Religion mehr Gehör verschaffen als Frauen und auch, dass viele Erfahrungen und Ansichten von Männern geprägt wurden.» Es gebe aber durchaus starke Frauen, die als Autoritäten auftraten. Es sei wichtig, diese mehr zu berücksichtigen. Eine Muslima im Publikum wollte von Hafner-Al Jabaji wissen, was Muslimas tun könnten, um mutiger zu sein. «Die Solidarität unter den Frauen ist zu klein. Wir müssen uns bestärken. Unsere Referenzen sind oftmals Männer, das muss sich ändern», antwortete Hafner-Al Jabaji. Man müsse zudem innerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft lernen, andere Positionen respektvoll stehen zu lassen.

Ein anderer Zuhörer sprach das fehlende Vertrauen in den Islam an. «Der Islam hat ein Image-Problem. Man nimmt ihn als bedrohlich wahr.» Imam Semir Omercic der bosnischen Moschee Schlieren, der ebenso im Publikum sass, relativierte: «Wir geniessen ein hohes Niveau an Vertrauen. Dafür spricht das grosse Interesse an Führungen in unserer Moschee.» Es sei wichtig, dass man Muslime persönlich kennenlerne. «Bei uns passiert das auf kontinuierliche Weise und schafft Vertrauen.»

Autor

Sibylle Egloff

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