Uitikon
Der Waldegg-Zar zwischen Genie und Wahnsinn

Die Uitiker bekämpfen einen Wirt, der wegen seiner lauten, ausschweifenden Feste über die Landesgrenzen hinaus Bekanntheit erlangt. Diese Geschichte erinnert an den aktuellen Kampf um die Üetliberg-Spitze, ereignete sich jedoch bereits vor rund 60 Jahren an der Stallikerstrasse.

Alex Rudolf
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Er liebte den grossen Auftritt. Josef Herzog verkleidete sich und ritt auf seinem Pferd durch die Gaststube.

Er liebte den grossen Auftritt. Josef Herzog verkleidete sich und ritt auf seinem Pferd durch die Gaststube.

«Sie und Er»: Fotograf Brechbühl

Mitte der 1950er-Jahre, ein genaues Datum ist nicht bekannt, erreichte den Uitiker Gemeinderat ein Schreiben der Flugsicherung des Flugplatzes Kloten. Darin hiess es, dem geplanten Fallschirmabsprung in die Gemeinde könne aus sicherheitstechnischen Gründen nicht stattgegeben werden. «Wir waren nicht schlecht überrascht», schrieb der damalige Sicherheitsvorsteher Hans Ulrich Müller in einem internen Gemeindedokument. «Hatten wir doch keine Ahnung davon, dass der Wirt des Restaurants Des Alpes über Uitikon per Fallschirm abspringen und direkt auf dem bereitgestellten Pferd im Sattel landen wollte.»

Bei diesem waghalsigen Wirt handelt es sich um Josef Herzog, der die Bevölkerung und den Gemeinderat, aber auch die Medien und die kantonalen Behörden jahrelang in Atem hielt. Im aktuellen Weihnachts-Kurier der Gemeinde rollt die Historikerin Sonja Furger die Uitiker Jahre des Klamauk-Wirten, wie er auch gern genannt wurde, auf und zeichnet dabei ein Bild eines Selbstdarstellers widerwillen.

Zehn Jahre bevormundet

Josef Herzog habe es zeit seines Lebens gefallen, sich in verschiedenen Rollen öffentlich in Szene zu setzen. 1906 geboren wuchs er im Aargauer Weiler Degermoos bei Pflegeltern auf und machte die Ausbildung zum Schuhmacher. Bereits 1927 eröffnete er in Zürich Aussersihl seine Werkstatt, organisierte ab 1930 Velorennen auf dem Üetliberg und gründete einen Boxklub. Über eine Erbschaft sei er zu Geld gekommen, spekulierte man, das er in Häuser in Zürich und Volketswil investierte. 1935 wurde er zur Fasnachtszeit verhaftet, zwangshospitalisiert und von dort an für zehn Jahre bevormundet.

Im Mai 1955 kaufte er das Des Alpes an der Stallikerstrasse 10 in Uitikon, wo er zuvor einzelne Anlässe durchgeführt und seine Pferde untergestellt hatte. Sein Ziel war es, aus dem Restaurant einen Reiter-Treffpunkt zu machen. Selber verfügte er jedoch über kein Wirtepatent. Dieses sei ihm aufgrund von Streitereien niemals erteilt worden, was Herzog abhängig von Pächtern oder Gerantinnen machte. Diesen überliess er das Wirten jedoch nicht alleine, sondern sah sich selber als Gastgeber und Entscheidungsträger, was zu zahlreichen Pächterwechseln und gar zu mehreren kürzeren und längeren Schliessungen des Restaurants führte.

Mistchratzerli auf dem Miststock

Bereits in den ersten Betriebswochen im Sommer 1955 reichten mehrere Anwohner Lärmklagen ein. Besonders stossend seien etwa die aus offenen Fenstern dröhnende Musik, die lärmenden Gäste und die wild parkierten Autos entlang der Stallikerstrasse gewesen. Rasch verlor Herzog die Unterstützung der lokalen Behörden, die auch bald damit begannen, die Störungen, die vom Des Alpes ausgingen, zu dokumentieren. Wegen dieser Aufzeichnungen ist auch der eingangs geschilderte Plan bekannt, wonach Herzog per Fallschirm auf einem Pferderücken landen wollte. Mit solchen wilden Einfällen zog der Wirt viel Aufmerksamkeit auf sein Lokal.

 Mit dieser Postkarte, bei der Wegbeschreibung wie auch Innen und Aussensicht zu sehen waren, bewarb der umtriebige Wirt sein Restaurant Des Alpes in Uitikon bei den Stadtzürchern.

Mit dieser Postkarte, bei der Wegbeschreibung wie auch Innen und Aussensicht zu sehen waren, bewarb der umtriebige Wirt sein Restaurant Des Alpes in Uitikon bei den Stadtzürchern.

H.Grau, Gemeindearchiv Uitikon

Weiter warb er damit, dass es ein halbes Güggeli für nur drei Franken gebe und erliess die Kosten gar jenen, welche die Mistkratzerli-Hälfte barfüssig auf dem Miststock verzehrten. Felix Walz, aufgewachsen an der Stallikerstrasse 14, erinnert sich im Weihnachts-Kurier, dass die Gäste auf und neben dem Miststock einen «Riesenklamauk» veranstalteten. Das Spektakel, das Herzog seinen Gästen bot, wurde grösser und grösser. So ritt er bald regelmässig in einer Fantasie-Uniform verkleidet auf seinem Hengst Sultan durch die Gaststube und wollte mit Zar angesprochen werden. Später tat er sich weitere Rollen zu: Etwa als Stierkämpfer oder Kosakentänzer trat er hoch zu Ross auf. Auch liess er sich als Gessler vom Pferd Schiessen oder in einer Kiste ins Lokal tragen. «Selbst Damen in Herrenbegleitung traktierte er als Rasputin verkleidet mit Küssen», schreibt Furger.

Dieses Spektakel blieb in der Stadt Zürich, die damals ein sehr restriktives Nachtleben unterhielt, nicht unbemerkt. So publizierte die Zeitschrift «Sie und Er» eine Reportage unter dem Titel «Eine Nacht bei Rasputin, dem Schrecken der Waldegg». Darin war zu lesen, dass das Lokal jeweils ab neun Uhr «bumsvoll» war und mehrheitlich von Männern aufgesucht wurde. «Sie wollten ihr Gaudi an der herzoglichen Verstiegenheit haben, von der niemand wusste, ob sie virtuos gespielt war oder einer krankhaften Veranlagung entsprang.» Allen Besuchern habe der Wirt eigensinnig die ihm genehme Sitzordnung aufgezwungen. Wer neu ankam, sei rücksichtslos hinausgeschmissen worden, heisst es weiter. Das Des Alpes wurde gar über die Landesgrenzen hinaus wahrgenommen. Das Oberbadische Volksblatt berichtete über das «eigenartigste Restaurant der Schweiz.»

Uitiker nicht erwünscht

Mit dem Ruhm kamen auch Probleme: Nicht nur wollten die Lärmklagen aus der Bevölkerung nicht abreissen, auch musste der illustre de facto Gastronom mehrmals polizeilichen Schutz in Anspruch nehmen, weil Gäste gegen ihn tätlich wurden. Zudem wurde seine Liegenschaft Opfer von diversen Kinderstreichen, die zerbrochene Fensterscheiben zur Folge hatten.

Der Streit gipfelt schliesslich darin, dass die einheimischen Gäste nicht nur nicht mehr erwünscht waren, sondern ein Wirtschaftsverbot erhielten. «Aus diversen Gründen haben Einwohner der Gemeinde Uitikon kein Recht mehr, das Restaurant Des Alpes zu betreten, ohne einen speziellen Ausweis von J. Herzog», hiess es auf einem Flugblatt, das der Wirt an alle Haushalte verteilen liess.

«Auf dem Dorf gab es damals ja nicht viele Möglichkeiten, Abwechslung im eintönigen Alltag zu finden. Hätte ich zu dieser Zeit in Uitikon gelebt, wäre ich gerne auf ein Bier vorbeigegangen.»

Sonja Furger, Historikerin und Autorin

So waren seine Anlässe fast gänzlich auf Besuch aus Zürich ausgerichtet. An seiner Muttertagsveranstaltung im Mai 1955 bot er einen Gratis-Pendlerverkehr mit Pferdegespann zwischen Helvetiaplatz und Uitikon. Damals zählten Anwohner zudem über 90 parkierte Autos in der Nähe des Restaurants.»

Doch geriet die schillernde Figur Herzog in finanzielle Nöte. Denn die Leihkasse Neumünster kündigte das Grundpfanddarlehen über 150'000 Franken. Wie es dazu kam, ist unklar. «Nicht auszuschliessen ist, dass im Hintergrund verschiedene Leute – vom damaligen Gemeindepräsidenten Gerber bis hin zu den direkt betroffenen Nachbarn – Einfluss und Beziehungen geltend machten, um das Waldegg-Quartier zu beruhigen», schreibt Furger im Kurier. Im August 1957 schloss Herzog das Restaurant und ein Betreibungsverfahren wurde eingeleitet. Obwohl ein Pächter den Betrieb kurzzeitig wieder aufnehmen durfte, war es dem Wirt explizit verboten, sich in das Geschäft einzumischen.

Nun ein Tierquäler?

Herzog geriet 1958 erneut in die Medien, da seine Pferde mutmasslich vernachlässigt wurden. Die «Zürcher Woche» veröffentlichte einen Artikel unter dem Titel «Der Pferdeschinder der Waldegg», in welchem sich der Skandal-Wirt den Vorwürfen stellte. Er lebe in einem Zimmer, in dem kein Verbrecher wohnen wollen würde, um seine Pferde durchzuhalten, liess er sich zitieren.

Noch vor der anstehenden Zwangsliquidation erhielt Flora Haueter, die Exfrau von Herzog, das Wirtepatent für das Des Alpes, das sie quartierverträglich bis Mitte 1959 betrieb. Dann brach die neue Besitzerin, die Taber Treuhand- und Verwaltungs AG, die Liegenschaft ab und erstellte darauf Reiheneinfamilienhäuser.

Herzog fand einen neuen Wirkungsort in Regensdorf, wo er ein Pferdeheim eröffnete. Zwar blieb Streit mit der Dorfbevölkerung aus, doch liebte er noch immer den grossen Auftritt. Anlässlich seines 70. Geburtstags veranstaltete er 1976 ein Fest, zu welchem die ganze Regensdorfer Bevölkerung eingeladen war. «Noch einmal ritt Herzog auf seinem Schimmel mitten in einen Festsaal und nahm einen mit Blumen geschmückten Sack Hafer entgegen, überbracht vom Gemeindepräsidenten als Zeichen der Wertschätzung,» schreibt Furger. Als er 1993 verstarb, wurde er in der Regionalpresse als Persönlichkeit mit Originalität und Zivilcourage gewürdigt.

Parallelen zu aktuellen Nutzungskonflikten

Sie sei durchaus irritiert gewesen, ob seines manchmal rücksichtslosen Verhaltens gegenüber den Gästen und der Nachbarschaft, sagt Furger auf Anfrage. «Zwar musste Herzog auch einiges einstecken – Kinder schlugen ihm etwa die Fensterscheiben ein. Trotzdem zeigte er wenig Kompromissbereitschaft.» Das Thema «Josef Herzog» sei in der Gemeinde Uitikon bereits seit längerem herumgeschwirrt, sagt sie weiter. Als sie vor rund zwei Jahren auf den Artikel von Ernst Burkhard gestossen sei, in welchem Herzogs Zeit vor und nach Uitikon aufgearbeitet wurde, habe sie sich entschlossen, diesen Geschichten rund ums Des Alpes nachzugehen. Auch hätten manche Einwohner der Gemeinde ihr mit Erinnerungen und Fotos Unterstützung geboten.

Parallelen zu den aktuellen Nutzungskonflikten zwischen dem Uto-Kulm-Gastronomen Giusep Fry und den Naturschützern von Pro Üetliberg seien nicht von der Hand zu weisen. «Dies sehen auch einige Einwohner Uitikons so», sagt sie. Doch liege es in der Natur der Sache, dass ein Gastronom seinen Profit maximieren möchte und dies nicht immer mit dem Bedürfnis nach Ruhe der Nachbarn im Einklang stehe. Unterhaltsam muss Herzog allemal gewesen sein: «Auf dem Dorf gab es damals ja nicht viele Möglichkeiten, Abwechslung im eintönigen Alltag zu finden. Hätte ich zu dieser Zeit in Uitikon gelebt, wäre ich gerne auf ein Bier vorbeigegangen.»

Der Uitiker Weihnachts-Kurier wird jeweils an alle Einwohnerinnen und Einwohner in 2300 Haushalten kostenlos verteilt. Obwohl kein Verkauf vorgesehen sei, könnten Interessierte die Publikation gegen einen kleinen Unkostenbeitrag beziehen.