Regierungsratswahlen

Der volksnahe Sozialdemokrat

Regierungsrats-Kandidat Mario Fehr auf seinem Arbeitsweg. Foto: Peter Würmli

Regierungsrats-Kandidat Mario Fehr auf seinem Arbeitsweg. Foto: Peter Würmli

Mario Fehr (SP) bestreitet den ersten Wahlkampf für eine kantonale Majorzwahl. Den Vorwurf, er glänze bei Anlässen der Basis durch Abwesenheit, wird Mario Fehr nie von seinen Parteigenossen hören. Denn Fehr ist im Dienst der Partei oft unterwegs.

Den Vorwurf, er glänze bei Anlässen der Basis durch Abwesenheit, wird Mario Fehr - anders als andere SP-Nationalräte - nie von seinen Parteigenossen hören. Denn Fehr ist stets unterwegs. Oft im Dienst der Partei, noch öfter als Präsident des Kaufmännischen Verbands (KV). Und sehr oft, um seine Ansichten nach aussen zu tragen, wie er freimütig zugibt. «Es ist doch meine Pflicht als Politiker, für meine politischen Ideen zu werben.» Dass ihm von Medien wegen der vielen TV-Auftritte zu viel Medienpräsenz vorgeworfen wird, kontert er so: «Das ist, wie wenn sich ein Metzger über Leute aufregt, die Bratwürste essen.» Der Schnelldenker liebt dieses Spiel mit den Journalisten. So wie er es liebt, zu diskutieren. Mit fremden Leuten auf der Strasse. Mit den vielen, die er kennt. Ein Treffen im Restaurant, eine S-Bahn-Fahrt, ein Gang durch den Hauptbahnhof - in dieser Zeit grüsst Fehr mindestens zehn Leute und hält mit vier einen Schwatz. «Ich bin unheimlich gerne mit Leuten zusammen», sagt er.

Ein SPler, der sparen kann

Fehr ist aber nicht nur der extravertierte Politiker, sondern hat auch eine analytische und arbeitsame Seite. So leistet er viel Hintergrundarbeit für die Partei und seinen Arbeitgeber. Er hat den KV Schweiz vor fünf Jahren in einer schwierigen Situation übernommen. Sein Vorgänger, Alexander Tschäppät, war wegen seines 80000-Franken-Gehalts neben dem Vollamt als Berner Stadtpräsident in die Kritik geraten. Zudem plagte den Verband ein 2-Millionen-Betriebsdefizit. Heute schreibt der Verband schwarze Zahlen. Darauf ist Fehr stolz. Auch dass ihm das auf die «sanfte Tour» gelungen ist, wie er sagt. Er habe niemanden entlassen, aber an allen Ecken und Enden gespart. Auch bei seinem Lohn: Er bezieht 50000Franken für den 30- bis 40-Prozent-Job. Ein Sozialdemokrat, der sparen kann? Fehr schmunzelt.

Er gehört dem rechten Flügel der SP an und ist kein Polarisierer. Unterschiede zur Partei gibt es etwa in Militär- oder wirtschaftspolitischen Fragen. So war der ehemalige Offizier nie für die Abschaffung der Armee und hat oft für die Rüstungskredite gestimmt. Auch befürwortete er den UBS-Kredit und den UBS-Staatsvertrag. Paradigmenwechsel in der Partei hat Fehr einige erlebt und beeinflusst. Im Kantonsrat war er der sicherheitspolitische Sprecher, der die Polizei nach dem 1.Mai verteidigte und der mehr Polizisten forderte. Obwohl die SP lange Zeit ein gespanntes Verhältnis zur Polizei hatte. Auch hat Fehr seine kirchenkritische Fraktion davon abgehalten, die Trennung der Kirche vom Staat zu befürworten. Und als Gemeindepolitiker hat er Steuersenkungen zugestimmt - «wenn sie gut begründet waren». Bekannter ist Fehr aber als Nationalrat und Aussenpolitiker, der sich etwa für ein freies Tibet einsetzt und ein Treffen des Dalai Lamas mit dem damaligen Bundesrat Pascal Couchepin an der ETH Zürich mitarrangiert hat.

Erzieher und Lehrer

Fehr ist ein linksliberaler Pragmatiker, der sachpolitisch denkt, und nicht ideologisch. Das hat vielleicht mit seiner Herkunft zu tun. Fehr zählt etliche Familienmitglieder auf, die für den Landesring politisiert haben. Auch er hat beim ersten Anlauf 1982 als Parteiloser auf der LdU-Liste für den Adliswiler Gemeinderat kandidiert. Dann merkte er, dass er in einer grösseren Partei mehr bewirken könnte. Fehrs Lebenslauf ist nicht gradlinig. Als Assistent eines Strafrechtsprofessors und mit einem glänzenden Uni-Abschluss in der Tasche standen ihm die Türen für eine Richter- oder Anwaltskarriere offen. Doch er wurde Erzieher und später Lehrer in der Arbeitserziehungsanstalt Uitikon, dem heutigen «Massnahmenzentrum» für jugendliche Delinquenten. «Eine prägende Zeit», sagt Fehr, der so das Recht von einer anderen Seite kennen gelernt hat. Das Jugendstrafrecht beurteilt er nicht als zu lasch. Nur das Höchstalter für den Austritt aus einer Jugendanstalt würde er von 22 wieder auf 25 erhöhen.

Von Weggefährten jedwelcher politischer Couleur wird Mario Fehr als loyaler und kollegialer Mensch bezeichnet. Manchen ist er aber zu wenig fassbar. Er kneife, wenn es um konkrete Fragen geht, heisst es etwa. Und tatsächlich: Bei der EU-Frage braucht es drei Nachfragen, bis sein Statement so klingt: «Wir könnten unsere Interessen innerhalb der EU besser wahrnehmen. Aber in den nächsten Jahren sind Beitrittsverhandlungen kein Thema, weil es das Volk nicht will.»

Zur Person

Mario Fehr hat das Jusstudium «summa cum laude» abgeschlossen und sich zum Berufsschullehrer weitergebildet. Seit 2006 ist der 52-Jährige Präsident des KV Schweiz. Nach acht Jahren im Adliswiler Gemeinderat wurde er 1994 in den Stadtrat gewählt, in dem er 16Jahre lang das Ressort Jugend/Freizeit/Sport betreute. 1991-2000 sass er im Kantonsrat, 2000-2005 im Verfassungsrat, und seit 1999 ist Fehr Nationalrat. Er lebt in zweiter Ehe und hat eine 17-jährige Tochter. (pu)

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