Es war eine Vernissage der besonderen Art: Durch einen rund 300 Meter langen Tunnel mussten die Gäste laufen, um ans Ziel zu gelangen.  Kalte Luft verdrängte die Sommertemperaturen und statt kühlen Drinks wurde Glühwein ausgeschenkt.

Der Ort: Die historische Festung im Gotthard, die im Sommer 2012 als Museum Sasso San Gottardo für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Das Objekt: Die Bildmaschine «Gotthard – Das Reduit» des Künstlers Tullio Zanovello, die in seinem Atelier in Schlieren erschaffen wurde.

Zanovello und sein Team benötigten fünf Tage für die Aufbauarbeiten im Gotthard. Kein Wunder, das Werk ist 7 Meter breit, 4,5 Meter hoch und 1,5 Tonnen schwer.

Eine gewaltige Bildmaschine mit zehn Flügeln, ähnlich einem Triptychon, gefertigt mit Schieferplatten aus Indien sowie einer ausgeklügelten elektronischen Steuerung. Ihre Bilder zeigt sie in einem Durchgang von 24 Minuten.

«Bei den ersten Testläufen sind Fehler aufgetreten, daher sind wir gespannt, wie sich die Bildmaschine jetzt verhält», sagte der Künstler, der sich deswegen aber nicht aus dem Konzept bringen liess.

Kunst erobert den Berg

Die fünf Tage während den Aufbauarbeiten im Berg bezeichnete er hingegen als wenig angenehm. Zanovello gesteht, dass er bewegt war, als er sein Werk für den Transport auf den Gotthard in Einzelteile zerlegen musste. Jetzt aber freue er sich wieder.

Auch der Museumsleiter Damian Zingg zeigte sich begeistert über das neue Herzstück der Sammlung. «Weil ich die Bildmaschinen von Tullio Zanovello bewundere, fragte ich ihn ganz spontan, ob er eine solche für unser Museum gestalten könnte.» Obwohl sich Zanovello das zunächst aber nicht vorstellen, eroberte ihn die Idee schliesslich doch.

Dass nun die Kunst den Gotthard wieder einnimmt, sei Teil des Konzepts des Museums, sagte Zingg. «Wir erinnern auch daran, dass der Gotthard lange ein bevorzugter Ort für Künstler war.» Der wohl bekannteste von ihnen war der Schriftsteller Johann Wolfgang von Goethe, der in verschiedenen Schaffensphasen den Gotthard-Pass erklomm.

«Die Bildmaschine passt daher hervorragend zum Museum», sagte Zingg, der im letzten Jahr rund 19 000 Besucher in der Festung zählen durfte.

Die Tore öffnen sich

Bevor sich die Bildmaschine öffnete, gaben sich die Festredner die Klinke in die Hand. Nach der Begrüssung durch Fritz Gantert, Präsident der Stiftung Sasso San Gottardo, und einer Ansprache des Tessiner Staatsrats Norman Gobbi, trat Ständerat Filippo Lombardi ans Pult.

In seiner Rede würdigte er die Verbindung zwischen Nord und Süd sowie deren Geschichte. «Wer keine Vergangenheit hat, hat auch keine Zukunft», so der Politiker.

Zanovello selbst forderte zwischen den Reden seine Gäste zum Singen auf, das lockere die Stimmung, wie er sagte. Also wurde in der ehemaligen Verteidigungsanlage Vico Torrianis Lied «La Montanara» angestimmt. Dann öffneten sich die Tore der Bildmaschine.

Die erste Öffnung zeigte die Stimmung in den 1940er-Jahren; jede weitere Öffnung schilderte in Zehnjahresschritten eine Epoche, die aus Sicht des Künstlers prägend für den Gotthard – und führ ihn selbst – war.

Darunter waren das Reduit im Kalten Krieg oder die Ankunft der Italiener in der Schweiz, zu sehen. Zanovello selbst ist Kind italienischer Einwanderer. Es öffnet sich gar ein Tresor mit einer matronenhaften Helvetia, die sich in das Sennentuntschi verwandelt, bis zum Finale dann die Urgewalten des Bergs in Erscheinung treten.

Die von Zanovello komponierte Musik ist wuchtig und seine Gemälde in Ölfarben leuchten. Die Sage von der Teufelsbrücke ist ein weiteres Leitmotiv der Bildmaschine. «Wie weit würdest Du gehen, um zu erreichen, was Du willst?», wollte der Künstler von den Gästen wissen. Ist es der Pakt mit dem Teufel?

Die Reaktionen nach der Vorstellung fielen euphorisch aus und huldigten die drei Jahre Arbeit des Künstlers; langer Applaus erfüllte die Kaverne. «Ich bin zutiefst beeindruckt und aufgewühlt», sagte etwa Ständerat Josef Dittli. Zum krönenden Abschluss der Vernissage wurde ein Apéro im Kristallsaal serviert.

Das Museum Sasso San Gottardo auf der Gotthard Passhöhe ist bis zum 14. Oktober geöffnet. Neben der Bildmaschine «Gotthard – Das Reduit» kann dort Zeitgeschichte hautnah erlebt werden. www.sasso-sangottardo.ch