Mein Limmattal

Der Frühling ist mir schnupfe

Frühlingszeit ist Pollenzeit.

Frühlingszeit ist Pollenzeit.

Morgen, 05.47 Uhr. Eben wurden sie in der Dietiker Agatha wieder geschüttelt, nicht gerührt. Die Glocken, die für den neuen Tag frohlocken. Zum Glück nur der Dreiviertelstundenschlag – nicht geschlagene elf Minuten lang Getöse, wie so oft… Das Licht ist noch trüb draussen, aber sonst alles o. k. Oder doch nicht? Ganz oben in der Nase, beinahe im Hirn drin, da zappelt ein klitzekleines Stäubchen. Man merkts fast nicht, aber es ist da. Vielleicht ein kleines Milblein, das im Kissen gewohnt hat und durch einen starken Seufzer vom Schläfer eingesaugt wurde? Oder ein winziges Härchen, losgelöst von seinen Wurzeln, baumelt an der Schleimhaut.

Zeit zum Aufstehen. Das Kitzeln in der Nase geht nach tüchtigem Schneuzen weg für einige Minuten, schon hat man es vergessen. Doch da, beim Kaffee kommts wieder – und es hat neue Freunde gefunden. Jetzt sind es schon mehrere Milben oder Haare – und sie machen richtig Radau, reiztechnisch. Schnell her mit den Papiertaschentüchern und zünftig gerotzt. Ahhh, Erleichterung! Aber nur für Sekunden. In der Nase ist jetzt der Teufel los! Es beisst elendig. War da etwa Niespulver auf dem Zmorgenbrot? Hat jemand das Deodorant mit Tränengas verwechselt? Tempo, Tempo, mit den Fazzoletti, es tropft unaufhörlich aus dem Riecher und die Nies-Tiraden folgen im Sekundentakt.

Trotz Sonnenschein, Blütenblust und Waldeslust und Feierabendbierchen auf der warmen Terrasse sehne ich mich manchmal zurück in den Winter mit seiner klirrenden Kälte und der reinen Luft. Denn die versöhnlichen Gedanken an Milblein oder Härchen sind längst verblasst. Es regiert der Hass – auf die momentane Natur. Tja, Undank ist der Welt Lohn. Diese Natur, unsere allerwerteste Umwelt, zeigt sich diese Tage von ihrer ganz provozierenden Seite – reizwörtlich gesprochen.

Alles beginnt zu kreuchen und zu fleuchen, treiben und spriessen und wirbelt gehörig Staub auf. Birken und Haselnuss, sonst in Kaminen und Kuchen ein Genuss, bedeuten nur noch Überdruss. Dazu sprengt Gras an die Luft und verpufft weitere Reizstoffe, Blütenpollen treiben ihr Unwesen: Heuschnupfen haben Hochsaison. Wieso eigentlich? Weiss doch jedes Kind, dass die Heumahd frühestens im Frühsommer über die Wiese geht, das Emd erfolgt noch später. Es kratzt und kitzelt aber schon im frühen Frühling oder sogar noch im Winter. Darum habe ich bis am Abend – und viele andere wohl – tagelang die Nase voll.

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