Kickboxen

Der Eiserne Bulle holt erneut den K.o.-Sieg — Enver Sljivar gewinnt seinen fünften Weltmeistertitel

Enver Sljivar (rechts) kann Neil Aquino einen harten Treffer am Kopf zusetzen. Dieser kann aber weiterkämpfen.

Enver Sljivar (rechts) kann Neil Aquino einen harten Treffer am Kopf zusetzen. Dieser kann aber weiterkämpfen.

Enver Sljivar aus Affoltern am Albis – in der Szene auch bekannt als «The Iron Bull» – ist der neue und alte Inhaber des Weltmeistertitels der WKU, der World Kickboxing and Karate Union. Nachdem Sljivar 2018 den Titel an den deutschen Kickboxer Michael Smolik abgeben musste, konnte er nun den Titel gegen Neil Aquino gewinnen, ein Deutscher mit Wurzeln in den Philippinen.

Der Kampf gegen M Smolik im Jahr 2018 war umstritten, er war nach Punkten knapp dem bekannteren Deutschen zugeschlagen worden. Nun hätte Smolik eigentlich den Weltmeistertitel verteidigen müssen. Da er jedoch zu einer anderen Kampfföderation gewechselt ist, konnte Sljivar, der letzte Titelhalter vor Smolik, den WKU-Titel verteidigen.

Der Kampf von Sljivar gegen Herausforderer Aquino fand am 28. September statt. Aquino ist einer der erfahrensten Kickboxer Europas. Sljivars Taktik war es, von Anfang auf Angriff zu setzen, anstatt die Möglichkeiten abzutasten. Die Taktik ging in der ersten Runde auf und er konnte den Gegner mehrfach empfindlich treffen – ohne selber einstecken zu müssen. Der Gegner war grösser und schwerer als Sljivar und ist dafür bekannt, dass er hervorragende Kicks schlägt und die taktische Beinarbeit seinesgleichen sucht. Aquino hat auch eine ähnlich gute Siegesquote wie Sljivar, aber viel mehr Erfahrung – er hat 65 seiner 75 Kämpfe gewonnen.

Sljivar setzte in Volketswil von Anfang an auf Angriff

Für Sljivar war es im Kultur- und Sportzentrum Gries in Volketswil ein Heimspiel. Die Kickbox-Kämpfe gehen grundsätzlich über fünf Runden zu je drei Minuten. Am Schluss wird nach Punkten gewertet, wer mehr Schläge platzieren konnte. Nur wenn ein Gegner das Bewusstsein verliert und nicht mehr weiterkämpfen kann, wird der Kampf früher beendet; dies wird Knockout oder kurz K. o. genannt. Durch die Treffer in der ersten Runde sackte Aquino bereits in der ersten Runde auf den Boden und wurde angezählt, konnte aber weiterkämpfen.
In der zweiten Runde stand der Kampf jedoch für Sljivar auf Messers Schneide, als Aquino ihm mit eigentlich regelwidrigen Kopfstössen mehrfach zusetzte und Sljivar zu Boden zu gehen drohte.

Sonst war Sljivar an diesem Abend aber in allen Belangen überlegen. Der Kampf gewann vor allem dadurch an Spannung, da Aquino extrem viel einstecken konnte. Immer wieder traf Sljivar ihn hart am Kopf, doch er ging nicht zu Boden und kämpfte weiter. «Nach dem Kampf waren wir uns einig, dass es selten einen Kickboxer gegeben hat, der so viel einstecken konnte wie Aquino an diesem Abend», lobt Sljivar die Ausdauer seines Gegners.
In der dritten Runde konnte Enver Sljivar dann nach eineinhalb Mininuten den Sack zumachen. Er traf seinen Gegner erneut am Kopf, dieser taumelte, ging zu Boden und blieb liegen: K. o.

Der grösste Kampf der Karriere steht bevor

Sljivar hat aus dem Smolik-Kampf seine Lehren gezogen und arbeitet intensiv mit seinem neuen Trainer zusammen: «Edin Zrno ist Sportwissenschaftler und ehemaliger Kickboxer. Er analysiert alle meine Gegner und stellt mich individuell auf sie ein. Da er sowohl taktisch, analytisch als auch kämpferisch Weltklasse ist, kann er mich immer wieder besser machen.»
Am 7. Dezember stehen für Sljivar in der Fraport-Arena in Frankfurt die nächsten Kämpfe an. Im Turniermodus muss er sich zweimal am selben Abend beweisen. Der Gewinner erhält nicht nur einen Meistertitel, sondern auch einen Vertrag, um in den One Championships anzutreten, der grössten Kickbox-Kampfföderation der Welt.

Da es sich beim Kickboxen um eine Randsportart handelt, ist es für die Kämpfer extrem schwierig, Sponsoren zu finden. Und die Preisgelder reichen als Auskommen nicht aus. Für Sljivar geht es in Frankfurt deshalb um sehr viel. «Die Gegner sind extrem stark und ich werde viel Glück brauchen. Wenn ich den ersten Kampf mit K. o. gewinnen kann und nicht zu viel Energie brauche, dann habe ich gute Chancen, im Finalkampf den Titel zu gewinnen.» Am 22. Juni hatte sich Sljivar in Kassel durch einen K. o.-Sieg gegen Viktor Bogutsky für diesen Titelkampf qualifiziert.

Gleichzeitig Schweizer und Bosnier

Vor dem Kampf ist deshalb für Sljivar auch nach dem Kampf: «Für die Kämpfe am 7. Dezember werde ich momentan vor allem an der Kondition arbeiten, um wenn nötig zwei Kämpfe an einem Abend über die gesamte Dauer bestehen
zu können.»

Sein offensiver Kampfstil könnte beim hochkarätigen Teilnehmerfeld das Zünglein an der Waage sein. Denn nur die wenigsten Kämpfer haben so viele Kämpfe mit K. o. gewonnen wie Sljivar. Er hat bisher 43 Profikämpfe bestritten, 38 gewonnen – 22 durch Knockout – und nur fünfmal verloren.

Wie immer wird Sljivar auch in Frankfurt mit einer bosnischen und einer Schweizer Fahne über den Schultern in die Arena einlaufen: «Ich fühle mich gleichzeitig als Schweizer und Bosnier. In Bosnien bin ich geboren und dort habe ich meine Wurzeln. In der Schweiz bin ich erwachsen geworden und hier bin ich mit meiner Familie zu Hause.»

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