Statt im Stall nach den Kühen zu sehen, zieht Ernst Stocker jetzt frühmorgens einen Anzug an und fährt nach Zürich. Seine Wahl in den Regierungsrat als Nachfolger von Rita Fuhrer hat das Leben des Meisterlandwirts und früheren Wädenswiler Stadtpräsidenten umgekrempelt. Termine von morgens um sieben bis in den Abend sind die Regel, seit er im Mai 2010 Regierungsrat wurde. Doch die neue Rolle behagt dem SVP-Politiker, der auf 23Jahre als Kantonsrat zurückblicken kann: «Es ist mir wohl», sagt der 55-Jährige am Ende eines Tages, der mit Sitzungen und einer Pressekonferenz zur neuen Tramlinie über die Hardbrücke begann.

Bisher unauffällig

Seine bisherige Bilanz als Volkswirtschaftsdirektor? Stocker brachte die vierte Teilergänzung der S-Bahn durch den Kantonsrat. Auch das Ja der Stadtzürcher Stimmberechtigten zur Autobahn-Überdeckung beim Katzensee zählt er zu seinem Leistungsausweis. Ebenso den Neustart der Standort-Marketingorganisation Greater Zurich Area, die nach dem Austritt des Aargaus in die Kritik geraten war.

Stocker regiert bisher unauffällig: «Er macht seinen Job gut und hat sich nahtlos eingefügt», meint SP-Kantonsrätin Elisabeth Derisiotis, die ihn aus der Kommissionsarbeit kennt. «Aber es brauchte noch einen Zacken mehr. Er ist kein visionärer Typ.»

Seine Impulse für die Zürcher Volkswirtschaft seien bisher «sehr bescheiden», ergänzt Heidi Bucher-Steinegger, Kantonsrätin der Grünen, und Albert Leiser (FDP), Direktor des Zürcher Hauseigentümerverbands, nennt ihn einen «Politiker, der die Sache und nicht die eigene Person ins Zentrum stellt».

«Die Zuwanderung kann Angst machen»

Im Gespräch ist Stocker die Ruhe selbst. Leidenschaft ist nicht spürbar, Lust auf Veränderung nur selten. Sein Gestaltungswille konzentriert sich offenbar darauf, Bestehendes fortzusetzen. Sätze wie «wir sind gut aufgestellt» fallen immer wieder.

Seine Vision? «Wir müssen konkurrenzfähig bleiben. Der Kanton Zürich gehört weltweit zu den besten Standorten.» Die grosse Herausforderung dabei ist aus Stockers Sicht das erwartete Bevölkerungswachstum um 200000Personen in den nächsten fünfzehn Jahren. «Die Zuwanderung, die mit dem Wachstum kommt, kann den Menschen Angst machen», so Stocker. Als Beispiele nennt er die Angst vor dem Verschwinden von günstigem Wohnraum, vor überfüllten Zügen, vor Stau. «Die Lebensqualität darf nicht leiden. Alle Bevölkerungsschichten müssen profitieren», lautet Stockers Credo. Seine Hauptanliegen? Die Gesetzesdichte sei zu senken, Bewilligungen zu beschleunigen. «Alle Gesetze müssen überprüft werden», sagt Stocker. Es dürfe nicht sein, dass Unternehmen die Schweiz als zu kompliziert erleben. «Aber im internationalen Vergleich sind wir gut dran», beruhigt er. Neben weniger Gesetzen nennt Stocker ein weiteres Hauptanliegen: «Die Verkehrsinfrastruktur ist zentral.» Bis 2018 sollen 3,5Milliarden Franken ins Zürcher S-Bahn-Netz investiert werden. Bei den erwarteten Passagier-Zuwachsraten um 20 bis 30Prozent sei dies gerechtfertigt.

Ernst Stocker sagt, was er tut, wenn er nicht regiert

Ernst Stocker sagt, was er tut, wenn er nicht regiert

Stocker, der in der Freizeit gerne mit seiner Honda Silver Wing Ausflüge macht, setzt aber auch auf Strassenbauprojekte: Er will Gas geben, damit eine dritte Tunnelröhre im Gubrist kommt - mit Überdeckung auf Weininger Seite.

Er will die Lücke in der Oberland-Autobahn schliessen und den Bau der Glatttal-Autobahn zwischen ZürichSeebach und Baltenswil (Gemeinde Bassersdorf) voranbringen. Zudem zielt er auf den Bau des Hirzeltunnels und des Zürcher Stadttunnels ab.

Dennoch sei der Anteil des öffentlichen Verkehrs (öV) am künftigen Mehrverkehr zu erhöhen, und zwar auf 50Prozent. Geschehen solle dies vor allem in den Städten. Road Pricing kommt für Stocker als Mittel dazu aber nicht infrage. Wenn schon, dann Mobility Pricing, bei dem die Kostenwahrheit im öV und beim motorisierten Individualverkehr angestrebt wird, erklärt Stocker. Er verweist auf die kürzlich lancierten entsprechenden Absichten von Bundesrätin Doris Leuthard.

Fluglärm: «Alle Gebiete müssen ihre Lasten tragen»

Auf Leuthard verweist er auch in der Flughafenpolitik. Für Stocker, zu dessen Volkswirtschaftsdirektion das Dossier Flughafen Zürich gehört, ist klar: «Eine Lösung kann nur auf der Achse Bern-Berlin zustande kommen.»

Sein Beitrag dazu seien Gespräche mit Vertretern der baden-württembergischen Regierung und Wirtschaft, um Vertrauen aufzubauen. Die Gespräche seien freundlich und gut verlaufen - nur beim Fluglärm höre die Freundschaft auf.

Oberstes Ziel müsse sein, möglichst wenig Menschen mit Lärm zu beschallen. Doch nach zehn Jahren vermehrter Süd- und Ostanflüge aufgrund der deutschen Verordnung sei auch klar: «Alle Gebiete müssen ihre Lasten tragen.»

Stocker, der so oft wie möglich im Zürichsee schwimmt, legt sich offenbar ungern fest. Zur Wirtschaftsförderung, sofern sie über Verkehrsinfrastruktur hinausgeht, meint er: Zürich müsse im Finanzsektor stark bleiben und gleichzeitig weiter diversifizieren, etwa in Umwelttechnologien und Life Science - mit anderen Worten: Bestehendes fortsetzen. «Wir sind gut aufgestellt», erklärt Stocker.

Zur Person

Ernst Stocker ist 55Jahre alt und verheiratet. Mit seiner Frau hat er eine Tochter und einen Sohn grossgezogen, der seinen Bauernhof übernommen hat. Ernst Stocker absolvierte eine Ausbildung zum diplomierten Meisterlandwirt. Von 1987 bis zu seiner Wahl in den Regierungsrat 2010 war er SVP-Kantonsrat. Dem Wädenswiler Stadtrat gehörte er von 1998 bis 2010 an, seit 2006 als Stadtpräsident. (mts)