Dietikon

Der abtretende Gemeinderatspräsident blickt zurück

Ein Jahr lang höchster Dietiker: René Stucki.bhi

Ein Jahr lang höchster Dietiker: René Stucki.bhi

Der abtretende Gemeinderatspräsident René Stucki (SP) blickt auf sein Amtsjahr zurück und weiss: «Die Spannung muss gelöst werden». Er bedauert, dass seine Amtszeit nicht länger gedauert hat.

Herr Stucki, vor einem Jahr haben Sie sich bei ihrem Amtsantritt als Ratspräsident mehr Humor im Parlament gewünscht. Wie humorvoll war das letzte Jahr?

René Stucki: Es hätte humorvoller sein können. Vielleicht liegt der Grund darin, dass sich Politiker generell sehr ernst nehmen. Durch diese Konzentration auf das Geschäft fehlt teilweise die nötige Distanz. Und Humor bedeutet ja, über einer Sache zu stehen.

Es fiel auf, dass Sie als Ratspräsident einen lockeren Umgangston pflegten. Bewusst?

Bis zu einem gewissen Grad, ja. Ich gehe davon aus, dass das Parlament die Atmosphäre aufnimmt. Wenn der Gemeinderatspräsident mit grimmiger Miene dasitzt, hat das einen anderen Effekt, als wenn er auf die Leute zugeht, plaudert, mal einen Scherz macht. Das lockert auf.

Ihre weiteren Wünsche waren Toleranz und Respekt in der Politik und dass das Interesse der Stadt ins Zentrum gestellt wird. Mission erfüllt?

Ja. Hin und wieder habe ich gestaunt, als die Stadt Dietikon wirklich in den Vordergrund gestellt wurde.

Inwiefern?

Spontan fallen mir die drei Motionen zur Limmattalbahn ein. Es hat mich erstaunt und erfreut, dass sich CVP, SP und SVP zusammengetan haben, um gemeinsam zu agieren. Sie haben sich zusammengerauft, da dieses Projekt dereinst einen sehr grossen Einfluss auf Dietikon haben wird.

Als Sie Ihr Amt als höchster Dietiker antraten, sagten Sie, Sie wüssten zwar noch nicht, was auf Sie zukomme, doch zumindest sei der neue Stuhl auf dem Bock sehr bequem. Gab es weitere Highlights?

Es gab viel, was mir in diesem Jahr gefallen hat. Es war eine neue und faszinierende Erfahrung, plötzlich auf dem Bock zu sitzen und sozusagen Chef über 35 Parlamentarier zu sein. Dabei habe ich gewisse politische Prozesse viel intensiver erlebt und auch viel dazugelernt.

Haben Sie nebst der Politik auch Dietikon von einer anderen Seite kennen gelernt?

Auf jeden Fall. Dadurch, dass man ganz neue Erfahrungen macht, wird die Stadt facettenreicher. Dietikon wurde für mich persönlicher.

Wie meinen Sie das?

Man weiss vorher zwar, wer in welchen Gremien mitwirkt, aber oft kennt man die Personen kaum. Im letzten Jahr haben für mich viele Personen ein Gesicht bekommen.

Haben Sie auch Enttäuschungen erlebt in diesem Jahr?

Enttäuschungen nicht. Ich bedaure aber, dass die Zeit als Ratspräsident nicht länger dauert. Als Politiker hat man wohl immer auch den Wunsch, dass man etwas verändern, aufbrechen kann. Jedoch ist dies in nur einem Jahr fast unmöglich. Bis man sich eingearbeitet hat und richtig Bescheid weiss, ist das Jahr schon fast vorbei und man wird daran erinnert, dass man langsam den bequemen Stuhl für andere freimachen muss.

Sie würden gerne ein Jahr anhängen?

Auf jeden Fall.

War es schwierig, die Parlamentarier, die teilweise sehr hitzig diskutieren, unter Kontrolle zu halten?

Ich empfinde es als sehr wichtig, dass man nach der Parlamentssitzung nicht einfach verschwindet, sondern die Gelegenheit wahrnimmt, sich auszutauschen und zu entspannen. Aus diesem Grund wäre es für mich ein Anliegen, dass sich der gesamte Gemeinderat nach den Sitzungen jeweils auf einen Apéro trifft. Die aufgebaute Spannung muss wieder gelöst werden.

Zumindest einmal mussten Sie im letzten Jahr hart durchgreifen, als Gemeinderat Lucas Neff unerlaubterweise ans Mikrofon schritt und kaum zu stoppen war.

Lucas Neff kam nachher auf mich zu und entschuldigte sich. Wir haben die Sache besprochen und bereinigt. Indem er sich auch per E-Mail beim gesamten Rat entschuldigte, hat er eine tüchtige Portion Zivilcourage gezeigt. Das zeugt von persönlicher Reife und hat die Situation wieder entschärft. Politik ist eine emotionale Angelegenheit, da darf auch leidenschaftlich argumentiert werden. Wenn dabei bei jemandem die Emotionen überschwappen, ist es wichtig, dass man die Angelegenheit nicht undiskutiert im Raum stehen lässt, sondern sie sofort bereinigt.

Dann würden Sie dem Parlament im Allgemeinen eine gute Note für die Ratskultur erteilen?

Es gab zwar Momente, in denen ich spürte, wie die Luft zu vibrieren begann und dachte, jetzt gerät die Situation dann ausser Kontrolle. Doch die Diskussion kehrte erfreulicherweise immer wieder auf eine sachliche Ebene zurück.

Wird es Ihnen schwerfallen, nach diesem Jahr einfach wieder als einer von vielen Parlamentariern in den Saal zurückzukehren?

Darauf bin ich fast so gespannt, wie ich es war, bevor ich Ratspräsident wurde. Vielleicht wird mir das normale Politisieren nun langweilig erscheinen, vielleicht bin ich froh, weniger Verantwortung zu haben.

Hat Sie dieses Jahr als Politiker verändert?

Ja, denn ich habe die Parlamentarier besser kennen gelernt und so eine andere Perspektive von der Politik bekommen. Ausserdem bin ich wohl toleranter geworden. Den nächsten Ratspräsidenten werde ich sicher mit mehr Empathie beurteilen.

Werden Sie Ihre eigenen Erkenntnisse Ihrem Nachfolger auf den Weg mitgeben?

Nein. Der nächste Ratspräsident soll seine Sache so machen, wie er es für richtig hält. Jeder Präsident soll den Mut haben und sich die Freiheit nehmen, seinen eigenen Weg zu gehen, auch wenn es der Vorgänger ganz anders gemacht hat. Die Rolle darf durch die Charaktereigenschaften jedes einzelnen Präsidenten geprägt werden.

Dann gibt es keine Tipps für Pius Meier, der zur Wahl steht?

Mein einziger Tipp ist: Nimm keine Tipps von deinem Vorgänger an. Er soll den Mumm haben, auch einmal neben den Schienen zu fahren.

Die konstituierende Sitzung des Dietiker Parlaments findet am Donnerstag um 18Uhr im Gemeinderatssaal statt.

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