Bezirksgericht
Den Wohnungsschlüssel behalten: Putzfrau ist vor Gericht ausser sich vor Wut

Per Whatsapp genötigt – und die Wohnungsschlüssel der Kundin behalten. Gestern musste sich eine Putzfrau vor dem Bezirksgericht Dietikon verantworten.

Rosmarie Mehlin
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Die Putzfrau behielt den Wohnungsschlüssel der Kundin, weil diese ihr den Lohn nicht bezahlte. (Symbolbild)

Die Putzfrau behielt den Wohnungsschlüssel der Kundin, weil diese ihr den Lohn nicht bezahlte. (Symbolbild)

Nicole Nars-Zimmer

Kräftig gebaut, in Leggins und Shirt, das blondierte Haar zu einem Rossschwanz gebunden, macht die 46-Jährige schon vor der Verhandlung auf dem Korridor keinen Hehl aus ihrer Stinkwut, die sich in einem gewaltigen Wortschwall niederschlug: Die Anklage sei unglaublich und sie sei komplett unschuldig, wetterte die Frau, die ihrem Akzent nach unverkennbar aus dem Balkan stammt und zudem über ein grosses Mitteilungsbedürfnis verfügt.

So ist alsbald zu erfahren, dass sie seit 38 Jahren hier lebt, vor 32 Jahren einen Landsmann geheiratet hatte, dass ihre drei Kinder – heute zum Teil bereits erwachsen – hier geboren wurden und dass alle Familienmitglieder längst Schweizer sind.

Eigene Firma gegründet

Der älteste Sohn wolle baldmöglichst heiraten. Da seine Zukünftige aber kaum Deutsch spreche, brauche es zum Gespräch vor dem Zivilstandsamt einen Dolmetscher. «Das ist ein Riesenproblem, denn alle sind besetzt oder in den Ferien», jammerte die Frau und erzählte weiter, dass ihr Mann seit fünf Jahren IV-Rentner sei. Aber stolz fuhr sie fort: «Ich habe vor einem Jahr eine Reinigungsfirma gegründet. Inzwischen habe ich rund 50 Kunden und beschäftige Teilzeit-Mitarbeiterinnen».

Doch eine Kundin war bei der Polizei vorstellig geworden: Die Putzfrau habe ihr via Whatsapp mitgeteilt, sie werde ihr den Wohnungsschlüssel erst zurückgeben, wenn diese ihr den ausstehenden Lohn bezahlt habe.

Die Anklage warf ihr darum vor, sich so der Nötigung schuldig gemacht zu haben. Kaum hatte die Beschuldigte vor Einzelrichter Bruno Amacker Platz genommen, prasselte auch auf diesen ein Trommelfeuer von Worten nieder: «Wo ist ein Beweis? Hat die Frau eine Quittung für ihren Schlüssel? Nein!»

«Überhaupt soll die sich schämen. Da lagen dauernd benutzte Kondome herum.»

Angeklagte

Nach der Anzeige hatte ein Polizist protokolliert, die Putzfrau habe in einem Telefongespräch mit ihm zugegeben, den Schlüssel der Kundin bei sich zu haben. «Der hatte angerufen, als ich am Steuer sass und da war meine Tochter ans Handy gegangen. Ich telefoniere nie, wenn ich Auto fahre», sagte die Frau dazu.

Im Übrigen habe sie – sie zog eine Handvoll Schlüsselbünde aus der Handtasche – Schlüssel von vielen Kundinnen. «Alle gegen Quittung. Bei mir läuft alles sauber. Ich will meinen Lohn ehrlich verdienen und schliesse immer Verträge ab», sagte sie weiter. Die besagte Kundin aber, bei der sie ein Jahr lang sauber gemacht hatte, habe sich strikte gegen einen Vertrag gesträubt. Tatsächlich, so der Richter, ist die Kundin inzwischen verurteilt worden, weil sie gegen das Schwarzarbeitsverbot verstossen, also jemanden illegal beschäftigt hatte.

Wutentbrannt war die Putzfrau nicht nur ob der Anklage, in der der Staatsanwalt 4000 Franken Geldstrafe bedingt bei einer Probezeit von drei Jahren und 1000 Franken Busse forderte – sondern auch ob der Schadenersatzforderung der Kundin. Diese belief sich auf 200 Franken. Die Kundin hatte das Wohnungsschloss ausgewechselt und die Versicherung hatte nicht die gesamten Kosten übernommen. «Die Frau hat das Schloss bestimmt wegen ihrem Mann ausgewechselt. Von dem hatte sie sich nämlich damals getrennt», sagte die Angeklagte. Und: «Überhaupt soll die sich schämen. Da lagen im Schlafzimmer und im Bad dauernd benutzte Kondome herum.»

Sie muss 3500 Franken zahlen

Richter Amacker sprach die Putzfrau zwar schuldig, liess aber Milde walten: Dem Vorfall sei in der Anklage viel zu grosse Bedeutung beigemessen worden; im Grunde handle es sich um eine Bagatelle. So wurde die 46-jährige nur der versuchten Nötigung schuldig gesprochen und zu einer Geldstrafe von 300 Franken bedingt verurteilt. Auf eine Busse wird verzichtet. Allerdings muss die Putzfrau die Untersuchungs- und Verfahrenskosten in Höhe von 3500 Franken berappen. Hinzu kommen die 200 Franken Schadenersatz.

Oder doch nicht? «Ich akzeptiere das unter keinen Umständen! Ich nehme mir einen Anwalt und gehe bis zum Europäischen Gerichtshof», sagte die Frau . Draussen vermochten dann weder die Winterluft noch eine Zigarette die Stinkwut der Frau abzukühlen.