Beim Kampf um die Medaillen in Pyeongchang entscheiden Sekundenbruchteile. Ob Dario Cologna oder Wendy Holdener auf dem Siegertreppchen stehen, liegt auch am Wachs. Wer schneller gleitet, ist früher im Ziel. Doch konventionelles Skiwachs reibt während des Rennens rasch ab, oft reicht es nicht einmal bis ins Ziel. Das ändert sich nun, dank einer Entwicklung aus Winterthur.

Am Institute of Materials and Process Engineering (IMPE) der ZHAW hat ein dreiköpfiges Forscherteam zusammen mit dem Schweizer Skiwachshersteller Toko ein neuartiges Skiwachs entwickelt, das rund doppelt so lange auf den Skiern hält. Es ist schnell: In Tests wurden Zeitgewinne von 0,1 bis 0,3 Sekunden pro 20 Sekunden Abfahrtsstrecke gemessen.

"Sportler wollten das Wachs gleich behalten."

«Sportler wollten das Wachs gleich behalten»

Ein neues Skiwachs verhilft Sportlern zu Rekordzeiten. Der Durchbruch gelang Forschern der ZHAW. Jetzt feiert das Wunderwachs bei Olympia Premiere.

«Sprechen nicht über Kunden»

Sichert diese Wunderwaffe Beat Feuz Abfahrts-Gold? Tatsächlich kommt das neuartige Wachs an den Olympischen Spielen bereits zum Einsatz, bestätigt Udo Raunjak, Entwicklungsleiter bei Toko. «Bei uns ist es aber wie bei den Ärzten: Wir sprechen nicht über unsere Kunden.»

Toko ist im Skizirkus ein grosser Name und noch haben nicht alle Teams, die auf Toko setzen, das neue Produkt. «Die Gerätschaften sind noch nicht ganz marktreif, es sind Prototypen, die recht gross und teuer sind», sagt Raunjak. Er ist aber überzeugt: Das neuartige Wachs bietet einen klaren Vorteil, sowohl bei den alpinen Disziplinen wie auch im Langlauf: «Es wird sich durchsetzen.» Die bitterkalten Olympischen Spiele in Pyeongchang sind der ideale Feldtest: je tiefer die Temperatur, je wichtiger das Wachs.

Hoffnungen übertroffen

ZHAW-Wissenschaftler Konstantin Siegmann, der das Forschungsprojekt seit 2014 leitete, sagt: «Die Resultate übertrafen unsere Hoffnungen bei weitem.» Doch wie funktioniert seine Erfindung genau?

Grundlage sind perfluorierte Moleküle. Diese künstlich hergestellten Moleküle ähneln von ihrer chemischen Struktur her dem konventionellen Hochleistungswachs von Toko. Allerdings werden sie ganz anders aufgetragen: in einer dünnen Lösung mit einer Sprühflasche. Nur ein Molekül dick ist die Wachsschicht, weniger als ein Milligramm Material wird pro Ski gebraucht.
Die Schicht wird anschliessend mit UV-Licht aus einer Quecksilberdampflampe bestrahlt. Das Molekül gibt unter Einfluss des UV-Lichts Stickstoff ab. Übrig bleibt hochreaktives Nitren, das mit dem Kunststoff des Skis eine Verbindung eingeht. Die hauchdünne Wachsschicht hält nun bombenfest. Dieser Prozess kann im nächsten Rennen einfach wiederholt werden.

Bachelorarbeit als Grundlage

Das IMPE forscht schon länger im Bereich fotoreaktive Polyethylen-Verbindungen. Eine Bachelorarbeit aus dem Jahr 2013 brachte vielversprechende Ergebnisse. Als Toko-Forschungsleiter Udo Raunjak an der ZHAW einen Kurs besuchte und erzählte, er suche nach einem abriebfesten Skiwachs, wurde Siegmann hellhörig. «Wir hätten da etwas», sagte er, und 2014 bewarben sich Toko und die ZHAW gemeinsam um Forschungsgelder aus dem Innosuisse-Fonds. Den talentierten Studenten hatten sie als Mitarbeiter unter Vertrag genommen.

Im Winter 2015/2016 standen Testläufer für Toko erstmals auf den neu präparierten Langlaufskiern. «Sie wollten sie gar nicht mehr zurückgeben», sagt Siegmann. Er und Raunjak sind überzeugt: Sobald sich das Wachs auch günstiger auftragen lässt, wird es auch für den Breitensport zugänglich sein. Während der «Wachspapst» Raunjak bald nach Südkorea fliegt, verfolgt der Forscher Siegmann die Spiele am Fernseher. «Auch ich weiss nicht, wer mit unserem Wachs unterwegs ist.»